Was wir brauchen, ist Respekt! Wer Tuareg ist, kennt keine Grenzen: Der Gitarrist Omar »Bombino« Moctar hat das Zeug zum internationalen Star. Ein Gespräch

Der Tuareg-Gitarrist und Sänger Omar »Bombino« Moctar gilt seit Langem als Idol der Jugend in seiner Heimat Niger und den Nachbarländern. Seitdem ihn westliche Fans den »nigrischen Jimi Hendrix« tauften, hat sich der aus Agadez am Südrand der Sahara stammende Musiker mit seiner Band auch ein Publikum in Europa und Amerika erspielt und das Interesse an der Tuareg-Kultur weltweit befördert. Für sein neues Album »Nomad« ist er mit Dan Auerbach, dem Kopf der enorm erfolgreichen Rockband Black Keys, ins Studio gegangen.

DIE ZEIT: Sie repräsentieren mit Ihrer Tuareg-Musik eine der ältesten Lebensgemeinschaften der Welt. Ihr amerikanischer Produzent Dan Auerbach dagegen gilt als moderner Bluesrock-Hipster. Wie fanden Sie bei den Aufnahmen in seinem Studio in Nashville zusammen?

Omar »Bombino« Moctar: Dan Auerbach spricht nicht Französisch und ich spreche kein Englisch, also haben wir uns manchmal mit Händen und Füßen verständigen müssen. Dennoch habe ich mich bei ihm gleich wie daheim gefühlt. Weil er sich erst einmal die Zeit nahm, uns zuzuhören, und uns nicht unter Druck gesetzt hat. Das gefiel mir sehr. Erst nachdem Dan unsere Musik wirklich verstand, kam er mit ein paar Vorschlägen: Wie man hier einen Keyboarder, da einen Lap-Steel-Gitarristen oder einen zusätzlichen Schlagzeuger einbauen könnte. Aber die Songauswahl und wie wir spielen: Das überließ er vollkommen mir und meiner Band.

ZEIT: Ihr Tuareg-Rock wird wie die verwandte Musik von Tinariwen oder Tamikrest in Europa und Amerika gerade als große Entdeckung gefeiert. Wie erklären Sie sich den Enthusiasmus des Westens für die Nomadenmusik Westafrikas?

Bombino: Wir Nomaden haben in der Wüste sehr viel Platz, um unsere Musik zu spielen. Das hört man unserer Musik an: diese Weite, diese Stille, diesen schier unendlichen Raum. Möglicherweise ist es das, was die Europäer fasziniert. Sie fühlen sich von unserer Musik in die Wüste versetzt.

ZEIT: Ihre Gitarrenspielweise wird oft mit archaischem Blues verglichen.

Bombino: Ich kann nicht beurteilen, ob das stimmt, aber wenn es zutrifft, dann ist unsere Musik vor langer Zeit dank der Sklaven in den amerikanischen Blues eingeflossen. Wir spielen schon seit vielen Jahrhunderten auf diese Weise. Mich hat unter anderem der malische Gitarrist Ali Farka Touré inspiriert. Westliche Musik – wie etwa die Dire Straits, Carlos Santana oder Jimi Hendrix – habe ich erst später in den Tuareg-Flüchtlingslagern gehört.

ZEIT: Heute pilgern viele westliche Musiker auf der Suche nach Inspiration bis nach Agadez und Bamako. Selbst Keith Richards und Charlie Watts von den Rolling Stones wollten unbedingt mit Ihnen jammen. Können Sie das verstehen?

Bombino: Wir spielen eben die Gitarre ganz anders als die meisten Rock-’n’-Roll-Musiker. Sie haben alle Kombinationen schon einmal durchprobiert und dürsten nun nach etwas Neuem.

ZEIT: Im Westen gehören Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll als Ausdruck jugendlicher Rebellion zusammen. Gilt das auch für Ihre Musik?

Bombino: Alkohol und Drogen gehören bei uns definitiv nicht dazu. Tuareg-Bands spielen vor allem auf Hochzeiten und Taufen. Da geht es um den Zusammenhalt aller Generationen, um die Erinnerung an unsere Herkunft. Sonst verlieren wir unseren Halt. Wie Bäume ohne Wurzeln.

ZEIT: Dennoch haben Ihnen die Autoritäten im Niger zeitweise verboten, aufzutreten. Was ist so gefährlich an Ihrer Gitarrenmusik?

Bombino: Ich durfte während der Tuareg-Aufstände der Jahre 2006 und Anfang 2007 nicht spielen – die Behörden hatten Angst, dass wir mit unserer Musik zu den Waffen rufen würden.

ZEIT: Den Tuareg-Kriegern mit ihren blauen Roben haftet im Westen – ähnlich wie Bob Marley und Ché Guevara – ein Rebellen-Image an. Fühlen Sie sich als musikalischer Flügel eines Kampfes um Freiheit und Selbstbestimmung?

Bombino: Es stimmt, dass wir Gitarrenmusiker von den Machthabern gefürchtet werden – auch wenn meine Songs nicht zur Gewalt aufrufen, sondern Gemeinschaft, Selbstrespekt und die Liebe zu unserer Wüstenheimat predigen. Die Gitarre stellt eines der wichtigsten Musikinstrumente der Tuareg dar. Mit ihrer Hilfe singen wir in den Flüchtlingslagern in Algerien und Libyen vom Exil oder rufen im Niger und in Mali dazu auf, für unsere Rechte aufzustehen. So wurden viele junge Menschen für den Kampf mobilisiert. Wer die Tuareg unterdrücken will, der muss erst einmal ihre Musiker kaltstellen. Deswegen habe ich 2007 zwei Bandmitglieder verloren, sie wurden auf dem Weg zu einem Auftritt von Soldaten erschossen. Ich bin anschließend nach Burkina Faso geflohen.

ZEIT: Regelmäßig erschüttern Tuareg-Rebellionen die Länder der Sahelzone. Zuletzt in Mali, wo schließlich Islamisten auf den Zug aufsprangen und die Intervention der Franzosen provozierten. Gegen oder für was kämpfen denn die Tuareg?

Bombino: Das Hauptproblem entstand nach der Kolonisation, als die Kolonialmächte willkürlich mit dem Lineal neue Staatsgrenzen quer durch die Sahara zogen: Sie trennten Libyen, Algerien, Mali, Burkina Faso und Niger. Wir Tuareg sind schon immer durch die Territorien dieser fünf Länder gezogen, nun aber erregten wir überall Misstrauen. Weil wir nicht ortsansässig sind, verdächtigt man uns, Schmuggler und Banditen zu sein und die staatlichen Kontrollen zu unterlaufen. Inzwischen sind wir etwa von unseren Verwandten in Libyen und Algerien so gut wie abgeschnitten. Für uns aber gibt es keine Grenzen in der Wüste.

ZEIT: Eine Splittergruppe von Tuareg wollte im vergangenen Jahr einen eigenen Staat Azawad im Norden Malis ausrufen. Haben Sie mit dieser Idee sympathisiert?

Bombino: Einen Tuareg-Staat halte ich für eine gute, wenn auch kaum umsetzbare Idee. Aber man müsste gar nicht mal so weit gehen: Warum wollen Menschen, die weit weg in Bamako oder Niamey in ihren klimatisierten Büros sitzen, uns ihre Gesetze aufdrücken? Die könnten bei uns in der Wüste sowieso nicht überleben. Es geht uns um Toleranz unserer Kultur gegenüber. Dass wir so leben dürfen, wie wir es immer getan haben.

ZEIT: Sie selbst mussten schon einmal Mitte der achtziger Jahre mit Ihrer Familie aus Agadez ins algerische Exil fliehen, schlugen sich später als Musiker, Koch und Fahrer durch. Haben Sie jemals damit geliebäugelt, sich den bewaffneten Kämpfern anzuschließen?

Bombino: Nein, man kann alles im Gespräch lösen, ohne dass man eine Waffe in die Hand nimmt. Den letzten Tuareg-Aufständen in Agadez hatte sich die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr angeschlossen: Schließlich florierten Geschäfte und Tourismus, und es gab viel zu verlieren. Auch die Mehrheit der Tuareg in Mali wollte keinen Krieg. Da steckt eher eine Mafia von Drogenhändlern dahinter. Trotzdem steht wegen dieses Kriegs nun unser ganzes Volk am Pranger, wir werden oft mit Islamisten und Drogenhändlern in einen Topf geworfen. Dabei passen religiöser Extremismus, Musikverbote und die Entrechtung der Frauen überhaupt nicht zur toleranten Form unseres Islams.

ZEIT: Tuareg-Musik ist ein Exportschlager, in Europa und Amerika war das Interesse an Ihrem Volk nie so groß wie heute. Was erwarten Sie vom Westen?

Bombino: Wir hören gern westliche Rockmusik, aber ansonsten wollen wir keine Einmischung in unsere Kultur. Mit den Kolonialmächten fing das Unglück für uns an. Es wäre fatal, wenn der Westen versuchen würde, unsere Probleme von außen zu lösen. Ich singe davon auch in meinen Songs: Alles, was wir brauchen, ist Respekt.

Das Gespräch führte JONATHAN FISCHER

DIE ZEIT 26.9.2013

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