Der dickste Daumen des Reggae: Der Bassist Robbie Shakespeare hat eine ganze Pop-Spielart dynamisiert und weiterentwickelt

Bob Marley behauptete einmal, die Reggae-Musik verdanke ihren Groove den Bewegungen der Landarbeiter beim Pflügen der Felder oder Hacken der Büsche. Aber es brauchte doch ein Genie, um diesen Rhythmus in Pop umzuformen, zu entschlacken, elastisch zu bündeln und elektronisch zu verstärken. Niemand beherrscht das wohl so gut wie Bob Marleys späterer Studio-Bassist Robbie Shakespeare. Im Duo mit dem Schlagzeuger Sly Dunbar (unter dem Namen Riddim Twins) hatte Shakespeare in den siebziger Jahren nicht nur Marley-Hits wie „Concrete Jungle“ und „Punky Reggae Party“ angeschoben, sondern später auch Superstars von Mick Jagger über Joan Armatrading bis Bob Dylan einen unwiderstehlichen Rhythmus-Unterboden geliefert. Auch wenn ihr Name oft nur im Kleingedruckten steht: der Groove ist unverkennbar – eine gewaltig pulsierende Bass-Schlagzeug-Welle, die dem Hörer ins Rückenmark fährt.

„Rhythm Killers“ nannten Sly & Robbie eines ihrer Alben, ein treffendes Berufsbild für ihre Arbeit der vergangenen vier Jahrzehnte. Wer konnte besser als sie den Schweiß jamaikanischer Landarbeiter zu rhythmischer Coolness destillieren? Etwa auf Joe Cockers „Sheffield Steel“, auf „Too Much Blood“ von den Rolling Stones, No Doubts Millionenhit „Hey Baby“ oder Serge Gainsbourgs „Aux Armes et Caetera“. Nicht zu vergessen Grace Jones, die ohne Sly & Robbie wohl nichts als ein spleeniges jamaikanisch-amerikanisches Model geblieben wäre. Die Riddim Twins verstanden es, über Jamaika hinauszuhören: „Ich liebe den alten Soul von Stax und Motown, aber auch Disco und Countrymusik“, bekannte Robbie Shakespeare. In den Compass Studios von Island-Records-Gründer Chris Blackwell entwickelten sie einen weltoffenen Markensound: New Yorker Dancefloor-Euphorie, die Kälte des New Wave und der Sex der jamaikainischen Dancehalls verbanden sich. Sie spielten mit den überkommenen Formen des Reggae, wandelten sie ab und unterlegten zuletzt ihre scharf konturierten Elektrobeats Madonna und Britney Spears.

Als Jugendlicher fand Robbie Shakespeare in Aston „Familyman“ Barrett, dem Bassisten von Bob Marleys Wailers, seinen Mentor: „Familyman kam immer am Tor zu meinem Hinterhof vorbei – um sich dort Gras zu besorgen. Ich folgte ihm, wo immer er spielte, und sagte: Du musst mich unterrichten. Und wenn Familyman abends zum Dope-Einkauf vorbeikam, zeigte er mir alles, was ich wissen wollte.“ 1976 legten Sly & Robbie mit dem Album „Right Time“ der Mighty Diamonds den Grundstein für eine rhythmische Dynamik, die Tausende von jamaikanischen Songs prägen und das Gesicht des Reggae mehrmals revolutionieren sollte. „Rockers“ und „Rub A Dub“ heißen zwei ihrer bekanntesten Rhythmus-Innovationen. Und wenn Reggae heute mit von Rechnern generierten Klängen die Hitparaden beherrscht, zeichnet auch dafür Robbie Shakespeare mitverantwortlich: „Ich kann vielleicht mit einer Bassgitarre besser umgehen als jeder andere“, erklärt er, „aber ich möchte immer noch in neue Bereiche vorstoßen.“ Am kommenden Freitag feiert der dickste Daumen des Reggae seinen sechzigsten Geburtstag. Mister Shakespeare, danke für den Riddim!
JONATHAN FISCHER
FAZ 23.9.2013

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