Wer Angst hat, hat schon verloren – Der Krieg gegen die Islamisten in Malis Norden ist nicht beendet, doch in der Hauptstadt Bamako spielt wieder die Musik: Die Jugend tanzt zum Pop von morgen, während Rapper und Griots korrupten Politikern die Stirn bieten

Eine Lehmstrasse im Zentrum Bamakos. «Wari Vo, Wari Vo», jubelt die barfüssige Schar. Zwischen Pfützen und Plasticmüll rennen schreiende Kinder dem Motorradfahrer mit der Gitarre hinterher. «Wari Vo, Wari Vo». Ben Zabo winkt zurück. «Wari Vo» heisst sein aktueller Hit, eine infizierende Afrobeat-Nummer, die seit einem Jahr von den Radios rauf und runter gespielt wird. Dass Kinder den Refrain singen, schmeichelt ihm: «Auch wenn ich mit dem Song kein Geld verdiene – jetzt kennt mich zumindest jeder.» Die Militärmütze ist das Markenzeichen des schlaksigen Musikers. Auf seiner Tarnjacke steht: «Ben Zabo». Sohn der Bo. Die meisten Menschen in Bamako verstehen die Sprache seines Stammes nicht. Doch warum sollte das ein Problem sein? «Musik war schon immer der Kitt im Vielvölkerstaat Mali, dank ihr können sich die achtzig verschiedenen Ethnien verständigen.» Zabo wundert es deshalb auch nicht, dass die Islamisten in Nordmali als Erstes die Musik verboten. Mit ihr stehe und falle der soziale Zusammenhalt. «Wer den Menschen in Mali die Musik nimmt, lässt sie vergessen, wer sie sind und wo sie herkommen.»
Musik- und Tanzverbot

Noch im Februar dieses Jahres drohten Islamisten-Milizen auf Bamako zu marschieren. Im Gefolge einer Tuareg-Rebellion hatten sie 2012 Städte im Norden besetzt und dort nach ihrer Façon regiert: Musik und Tanz waren verboten, Instrumente wurden verbrannt, Menschen ausgepeitscht, Hände abgehackt. Die meisten Musiker flüchteten. Wer blieb, wurde mit dem Tod bedroht. In einem Land, in dem drei Viertel der Bevölkerung Analphabeten sind, spielen Musiker eine Rolle als Übermittler von Nachrichten. «Wenn man uns Musiker mundtot gemacht hat», sagt Zabo, «kann man die Bevölkerung leichter manipulieren.» Die Franzosen hätten zwar die Islamisten aus den Städten verjagt. Doch auch die Politiker in Bamako drangsalierten Musiker.

Gerade ist ein Kamerateam des malischen Fernsehens in Ben Zabos Haus gekommen, um den «guerrier batwun», den Bo-Krieger, zu porträtieren. Auf einem Plasticstuhl im Innenhof erzählt Zabo seine Geschichte: wie er als Toningenieur im Studio Bogolan die Aufnahmepausen dazu genutzt habe, seine eigene Musik zu spielen. Wie ihn der amerikanische Rockmusiker Chris Eckman entdeckt und sein Debütalbum produziert habe: eine Mischung aus uralten Balafon-Melodien, Fela Kuti und James Brown. Politische Fragen werden nicht gestellt. Doch die Zuhörer, sagt der Sänger, wüssten die Ironie seiner Texte zu deuten.

Zabo stimmt auf der Gitarre einen seiner Songs an: «Cinquentennaire». Vordergründig handelt er von Feiern zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Malis. Sobald die Kamera aus ist, erklärt er: «Nein, das ist keine Jubelhymne. Die Reichen feiern mit Champagner, während die jungen Malier keine Arbeit finden.» Während Ben Zabos Tante eine grosse Schüssel mit Reis und Ziegenfleisch serviert, redet der Musiker Klartext: Nicht erst die Islamisten bedrohten sein Land. Schlimm sei auch die Willkür der Militärputschisten. Sie hätten 2012 den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré wegen seiner Untätigkeit gegen die Islamisten aus dem Amt gejagt, sich aber inzwischen als ähnlich unfähig und korrupt erwiesen. Einige wenige seien vom Krieg reich geworden. Er zeigt auf die umliegenden Strassen. «Überall entstehen Neubauten in Bamako. Aber das Gros der Bevölkerung leidet.» Besonders hart treffe die Krise die Musiker. Normalerweise leben sie von Taufen, Hochzeiten und Familienfeiern, die hier jedes Wochenende Hunderte von Menschen auf die Strassen bringen. «Früher gehörte immer eine Live-Band dazu. Heute sind viele Musiker arbeitslos. Weil die Leute kein Geld mehr haben, leben wir von der Hand in den Mund.»
Von Generation zu Generation

Bevor Krieg und Krise die Schlagzeilen bestimmten, war Mali vor allem für seine Musik bekannt. Für jahrhundertealte Rhythmen und Melodien und für gesungene Geschichte, die hier von Generation zu Generation weitergegeben werden. Mali mag zu den ärmsten Ländern der Welt gehören – seine Musik aber inspiriert westliche Pop-Stars wie einst Indien und Jamaica. Spätestens seit Damon Albarn 2002 mit Musikern des Landes das Album «Mali Music» aufnahm, hat Pop hier ein neues Mekka gefunden. Soulmusiker aus Brooklyn, Indie-Rocker aus Chicago und britische Elektroniker pilgern seitdem nach Bamako. Heimische Stars wie Salif Keita, Habib Koité, Nahawa Doumbia experimentieren mit westlichen Pop-Stilen, während Nachwuchsmusiker wie Samba Touré in die Fussstapfen von Ali Farka Touré treten, dem als «afrikanischer Jimi Hendrix» gefeierten und vom «Rolling Stone» in seine Liste der hundert besten Gitarristen aller Zeiten aufgenommenen Musiker. Vieles an der pentatonischen Musik Malis erinnert an die Wurzeln des Blues, stellt eine Verbindung vom Niger zum Mississippi her. Am Ende profitieren alle. «Wir Malier haben der globalen Musik ein unermessliches Reservoir an Rhythmen und Melodien zu bieten», erklärt Ben Zabo. Er selbst hat zuletzt bei Aufnahmen des amerikanischen Blues-Rock-Duos Dirt Music mitgewirkt. Und seinen Hit «Wari Vo» vom Berliner Techno-Guru Mark Ernestus remixen lassen. «In dieser Hinsicht ist Globalisierung eine gute Sache.»
Die Realität der Welt

«Studio Bogolan» steht an dem unscheinbaren Flachbau im Zentrum von Bamako. Ben Zabo führt durch den Regieraum, wo er als Tontechniker unter anderem Alben von Ali Farka Touré und Bassekou Kouyate abgemischt hat. Er zeigt das mit Teppichen ausgekleidete Aufnahmestudio – Entstehungsort seines Albums und Treffpunkt unzähliger Indie-Rocker, Funk-Experimentatoren, Pop-Veteranen, die ihr Heil am südlichen Rand der Sahara suchen. Wo sonst reiben sich afrikanische Traditionen und westlicher Pop so produktiv? «Als ich nach Mali kam», sagt Chris Eckman, der Kopf der Folkrock-Band The Walkabouts, «war ich von der Americana-Musik gelangweilt. Ich hatte das Gefühl, mich ewig zu wiederholen.» Der Rock’n’Roll habe sich totgespielt. Alles sei schon mit allem kombiniert worden. Erst Westafrika habe ihn befreit. Gerade die Gratwanderung zwischen vertrauten Bluesklängen, fremden Rhythmen und Melodien mache für ihn den Reiz malischer Musik aus. Als Produzent von Ben Zabo habe er vor allem dessen aggressive und ungeschliffenen Seiten betont. «Die Malier hören sich auch Hip-Hop und elektronische Musik an. Sie haben Santana und die Dire Straits auf ihren Handys. Warum sollte uns da jemand Verwestlichung oder Exotismus vorwerfen? Unsere Zusammenarbeit bildet die Realität der Welt von heute ab.»

Im Moment aber bleiben nicht nur die Musiker aus. Auch Touristen trauen sich kaum noch in das sogenannte Krisengebiet. Die Taxifahrer, die vor dem Eingang des Studios Bogolan um eine Teekanne hocken, haben kaum zu tun. Mit ausladender Bewegung schenken sie sich süssen Pfefferminztee ein. Eselskarren und Trauben von Mofas schieben sich stoisch durch die Strassen. Ob der Niger-Strom, der die Stadt in zwei Hälften schneidet, auf die Mentalität der Menschen abfärbt? Es verblüfft oft, wie trotz fehlenden Ampeln, Verkehrspolizisten und Regeln alles in friedlicher Ordnung dahinfliesst. Kaum jemand schimpft, selbst die Kriminalität in Bamako ist marginal. – Erst abends geht in der Stadt am Niger ein anderes Leben los. Links und rechts der vierspurigen Koulikoro Road sind in den letzten Monaten viele neue Klubs eröffnet worden; Dutzende von Bands konkurrieren in Freilufttavernen und Discokellern um die Nachtschwärmer. Ausgangssperre? Offiziell sind Ansammlungen von mehr als siebzig Personen verboten – wegen der Gefahr von Anschlägen. Doch die Verordnung scheint nur auf dem Papier zu existieren.
Nachtleben

Vor dem Eingang des Club 33 reihen sich Hunderte von Mopeds. Unter einem Blechdach wird Bier serviert, Bühne, Plastictische und Stühle aber befinden sich unter freiem Himmel. Nur zwei, drei Neonröhren erhellen den Innenhof. Die Schwüle ist erdrückend. Es riecht nach billigem Parfum und Benzin. Doch sobald Issa Bambas Band den ersten Blues-Akkord anschlägt, lassen die Gäste – Herren im Anzug und Damen in festlichen afrikanischen Stoffen – ihr Bier stehen. Immer mehr Paare drehen sich selbstvergessen über den Lehmboden. Über bluesigen E-Gitarren ertönen die Melismen des Sängers Issa Bamba – sein Gesang mischt Wehmut und Stolz. Und macht süchtig.

Auch der benachbarte Klub Obama Balafon ist gefüllt. Zwei Rapper intonieren unter dem Konterfei des amerikanischen Präsidenten ihre Bamana-Sprechgesänge, während Gruppen junger Frauen und Männer Shishas rauchen und sich über ihre iPhones beugen. Nebenan, im Duplex Club spielt die Band von Bassekou Kouyates Sohn Madou. Die Youngster in traditionell bestickten Hemden schwingen ihre Ngonis (traditionelle Lauten) wie Hardrocker. Bass und Schlagzeug geben einen harten Groove vor. Ngoni-Bass. So nennt Madou Kouyate seine Fusion. Erst um ein Uhr nachts füllt sich der Klub. Dann machen auch die Fotografen ihren Schnitt: Auf der Treppe in den Klub lassen sie ihre Kunden posieren. Eine Hand um den Partner gelegt, in der anderen das teure Handy. Mondän soll alles wirken. Und weltläufig. Dann steht man wieder vor der Klubtüre, wo einem Herden schlafender Ziegen ins Auge fallen.

Bankoni, ein armes Zuwandererviertel am Rande der grünen Hügel Bamakos: «Jama ko, jama ko!» – kommt zusammen, kommt zusammen! Der elektrisch verstärkte Gesang von Bassekou Kouyates Familienband schallt über die Lehmgehöfte und Rohbauten der Nachbarschaft. Heute spielt Madou Kouyate keinen rockenden Bass. Vielmehr begleitet er mit zwei Brüdern seinen Griot-Vater. Für den Videodreh zu Kouyates neuem Album «Jama Ko» haben alle ihre violetten Festtags-Boubous angezogen. Die Ngonis lassen einen abgehackten Rhythmus erklingen, Bassekous Frau Amy schmettert kehlige Bluesgesänge. «Jama ko, jama ko!» – Schneider, Elektriker, Schulkinder und Marktfrauen aus der Nachbarschaft sind dem Ruf gefolgt, drängen sich im Karree des Flachbaus. Mit Hüften und Händen nehmen sie den Puls der Musik auf. Der Groove steckt an. Ein Dutzend Frauen in leuchtenden Gewändern bilden einen Kreis, Kinder hüpfen dazwischen. Demonstrativ schüttelt Bassekou den geistlichen Würdenträgern die Hände – dem Prediger der Nachbarmoschee sowie einem evangelischen und einem katholischen Priester. Dann umarmt er einen befreundeten Tuareg-Musiker. Die Botschaft seines Videos ist klar: Wir Malier halten zusammen – egal, ob wir aus dem Norden oder dem Süden stammen, dunkel- oder hellhäutig sind, zu Mohammed oder Christus beten.
Sündenböcke

«Über 90 Prozent der Malier», sagt Kouyate, «sind Muslime. Wir singen seit Jahrhunderten Loblieder auf den Propheten. Aber unsere Form von Islam hat nichts mit der radikalen Form der Scharia zu tun.» Besonders schlimm findet er, dass die Tuareg aus dem Norden für viele Leute aus dem Süden nun als Sündenböcke erscheinen: «Auf meinem Album singe ich von all den Festen, die wir zusammen mit den Tuareg gefeiert haben. Sie waren stets Teil unserer malischen Kultur. Jetzt müssen wir uns wieder zusammensetzen und reden!»

Sich zusammensetzen und reden: Das gehört zu den traditionellen Aufgaben eines Griot. Schon als Kind, erzählt Kouyate, habe er von seinem Vater die jahrhundertealten Melodien und Geschichten gelernt. In Mali begleiten Griots alle bedeutenden Ereignisse: Geburt, Hochzeit, Tod. Daneben werden sie von den Mächtigen, ob demokratisch oder nicht, für ihre Lobgesänge engagiert und dienen als Schlichter. Bassekou Kouyate verbindet eine lange Ahnenlinie mit einem Leben im Hier und Jetzt. Dauernd hantiert er mit seinem iPhone: Ein Minister aus Niger bucht ihn für ein Staatsbankett, ein britischer Rapper fragt wegen eines Ngoni-Gastspiels an, dann zeigt Bassekou Videos von Auftritten mit Paul McCartney, Bela Fleck, Taj Mahal und Damon Albarn. Kouyates Name hat einen guten Klang bei westlichen Kollegen – seine neues Album etwa wurde vor Ort von Howard Bilerman von Arcade Fire produziert. «Ich spiele nicht mehr dieselben Sachen wie mein Grossvater oder mein Vater», erklärt er im klimatisierten Wohnzimmer zwischen Flachbildschirm-TV und klobigen Ledersofas. «Sie hatten noch keine Verstärker oder Wah-Wah-Pedale, wie ich sie benutze. Man muss mit der Zeit gehen. Wir haben den Sound verändert, aber nicht die Musik und ihre Struktur.»
Die Narrenfreiheit des Griot

In seinen Songs kritisiert Kouyate nicht nur den Irrglauben der Islamisten, sondern auch die derzeitigen Machthaber in Mali. Als Griot geniesse er eine gewisse Narrenfreiheit. Schon sein Grossvater, sagt Kouyate, habe in seinen Liedern auf eine Weise Kritik geübt, wie es heute Aufgabe der Journalisten sei. «Ich eifere ihm nach. Politiker, die ihre Macht missbrauchen und lügen, sind es nicht wert, von einem Griot gepriesen zu werden.» Die Kritisierten wehren sich auf ihre Weise. Ein befreundeter Griot, der das malische Militär in einem Song der Feigheit bezichtigte, musste nach Morddrohungen aus Bamako fliehen.

Doch niemand vermag die malische Jugend mehr zu politisieren als ihre Rapper. Amkoullel heisst der Berühmteste unter ihnen. Er empfängt auf der Dachterrasse seines Hauses in Bamako – und trägt statt amerikanischen Hip-Hop-Looks einen traditionellen weissen Boubou und einen Schilfhut. Ursprünglich, sagt der Arztsohn Amkoullel, habe er einmal Ambitionen als Schriftsteller gehabt. Bis er die Raps von Tupac Shakur und Public Enemy hörte – und sich mit der Wucht ihrer Musik infizierte. Bassekou Kouyate und dessen Frau Amy Sacko hätten ihn zu Beginn seiner Karriere als Paten protegiert: «In Mali war es lange Aufgabe der Griots, dem Herrscher kaschiert die Wahrheit zu präsentieren. Wir Hip-Hopper sehen uns in ihrer Nachfolge. Nur brauchen wir keine blumigen Umschreibungen mehr.» Amkoullels Song «SOS» klagte 2012 die korrupten Verhältnisse in Mali an – und kam deswegen auf den Index der staatlichen Medien. Über Facebook und Twitter wurde der Track dennoch zum Hit. In Mali, sagt Amkoullel, habe ein Rap-Song grössere Reichweite als jede Zeitung. In seinem jüngsten Song ruft er zusammen mit anderen Rappern die Jugendlichen auf, zur Wahl zu gehen. «Wir werben nicht für einen Kandidaten. Sondern für die aktive Beteiligung an der Demokratie.»

Dass malischer Hip-Hop sich auch Instrumenten wie Balafon, Kora, Talking Drum bedient, spricht für das Selbstbewusstsein der jungen Malier. «Wir wollen nicht den Westen kopieren, sondern eigene Ideen entwickeln.» Leider förderten die Schulen in Mali kaum das Demokratieverständnis. So bleibe es den Hip-Hoppern überlassen, über Machtmissbrauch der Geistlichen und der Militärs aufzuklären und demokratische Spielregeln einzufordern. Ob er angesichts der Überfälle von Schlägerkommandos auf kritische Journalisten keine Angst habe? «Nein», sagt Amkoullel, «ich habe auch telefonische Drohungen erhalten, aber wer Angst hat, hat schon verloren. Wir können es uns nicht leisten zu schweigen.»
JONATHAN FISCHER
NZZ 19.8.2013

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