Bamako-Blues: Ben Zabo, der jüngste Held der malischen Musik, reist als Botschafter der Demokratie um die Welt

Vor meinem Debut war mein Volk, die Bo, kaum bekannt“, erzählt der schmale junge Sänger in gebrochenem Englisch. Sein Künstlername bedeute „Sohn der Bo“. Der junge Malier Ben Zabo erteilt dem Publikum im gut gefüllten Frankfurter Palmengarten immer wieder kleine Geschichtslektionen: „In Mali leben über achtzig verschiedene ethnische Gruppen. Aber Musik ist eine universelle Sprache, sie ist der Kitt, der uns Malier zusammenhält.“ Dann stimmt seine Band „Wari Vo“ an. So heißt sein aktueller Hit, der seit einem Jahr in den malischen Radios heißläuft und deren pentatonisch flirrender Blues auch die Tänzer vor der Frankfurter Freiluftbühne erhitzt. „Sie will ein Auto, ich habe nur ein Moped, sie will ein teures Handy und neue Kleider, aber ich kämpfe ums Überleben“, singt Zabo auf seiner Muttersprache Bwa. Ein Beziehungsthema in malischen Verhältnissen. Es ist der Blues der afrikanischen Straße. Und die neueste Fusion, die sich anschickt, von der westafrikanischen Wiege der Musik aus die globalisierte Popwelt zu erobern.

Für den jungen malischen Popstar und seine Band war es ein Hürdenlauf nach Europa zu kommen. Vielleicht liegt es ja an den Nachkriegswirren in Mali: Einer von Ben Zabos Musikern bekam nicht rechtzeitig seinen Pass ausgestellt. Und dann waren da auch noch die europäischen Visa-Behörden davon zu überzeugen, dass hier kein Flüchtlingsproblem exportiert werden soll, sondern vielmehr eine jahrtausendealte, von Bono bis Damon Albarn bewunderte Musikkultur. Dabei haben es die Musiker in Mali schon schwer genug: Bis zur französischen Militärintervention im Februar hatten radikale Islamisten den Norden besetzt, jede Form weltlicher Unterhaltung verboten, Musikinstrumente verbrannt und Musiker mit dem Tod bedroht. Wer konnte, flüchtete in den Süden. Aber auch dort liegen Tourismus und Kulturbetrieb seit Beginn der Krise vor eineinhalb Jahren am Boden. Die Hotels in Bamako stehen leer. Vielen Musikern sind ihre traditionellen Jobs auf Hochzeiten und Familienfeiern weggebrochen. Mit Ausnahme etablierter Weltstars wie Salif Keita, Bassekou Kouyate oder Omou Sangare kämpft auch die ehemals blühende Popszene um ihr tägliches Überleben.

Ben Zabos erste Europatournee sendet da mehr als ein Hoffnungszeichen. Für die Musik und die Völkerverständigung: Zabos Debutalbum hat der Roots-Rocker Chris Eckman von The Walkabaouts produziert, er brachte den 29-jährigen Musiker auch zu seiner deutschen Plattenfirma Glitterhouse, die eigentlich eher für ihre Americana bekannt ist: Aber die Globalisierung schreitet immer zügiger voran. Und mag Ben Zabo in Mali im Camouflage-Outfit auftreten, so präsentiert er sich im Frankfurter Palmengarten als traditioneller Krieger: Seine Band betritt mit Netzhemden, Lendenschurzen und bunten, an Irokesenkämme erinnernden Kopfbedeckungen die Bühne. Lokalpatriotismus trifft Weltoffenheit. Selbst der kurzfristig eingesprungene Münchner Gitarrist Jan Weissenfeldt trägt einen großen malischen Federbusch auf dem Kopf. In unseren Breitengraden gerät so etwas schnell unter Ethnokitsch-Verdacht. Aber da ist ja noch dieser komplexe Groove.

Denn es ist Ben Zabos roher, aggressiver und ungeschliffener Sound, der die Erwartungen mancher Hörer erst mal enttäuscht. Im besten Sinne. Gibt doch Ben Zabo der üblichen Musik vom Niger einen neuen Dreh. War malischer Pop bisher eher für elegisches Kora-Geklimper und friedlichen Wüstenblues bekannt, bringt der Sänger und Gitarrist die rüde Energie von Rock und Funk ins Spiel. Schlagzeug, Talking Drum und E-Bass bereiten den pulsierenden Grund. Schmutzige Gitarrenakkorde erden den Rhythmuskreisel – während das hölzerne Geklöppel des Balafons darüber hinwegfliegt und energische Kontrapunkte setzt. So viel Ben Zabos Musik auch Paten wie James Brown und Fela Kuti verdankt, sein loser Funk strahlt eine sehr malische Lässigkeit aus. „Ich habe“, erzählt er im Interview, „viele verschiedene Popstile studiert und ihre Gemeinsamkeiten mit der Musik meines Volkes untersucht. Ich fühle mich als sein Botschafter.“ In einem Land, in dem Dreiviertel der Bevölkerung Analphabeten sind, spielen Musiker eine unverzichtbare Rolle. Als Übermittler von Nachrichten und Identitäten. Ihn wundere es nicht, sagt Ben Zabo, dass die Islamisten in Nordmali als erstes die Musik verbannten. Mit ihr stehe und falle der soziale Zusammenhalt. „Wer den Menschen in Mali die Musik nimmt, lässt sie vergessen, wer sie sind und wo sie herkommen.“

Ben Zabo predigt, wenn er singt. Ob er eine Liebesgeschichte oder einen traditionellen Jägertanz aufgreift. Stets geht es – wie generell in der malischen Musik – um die Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Und das betrifft auch die Politiker: „Vorgestern“, erklärt Zabo, „war ein Festtag für Mali. Wir haben unseren Präsidenten gewählt. Vielleicht den ersten wirklich demokratisch legitimierten.“ Bisher wäre Mali nur auf dem Papier eine funktionierende Demokratie gewesen. Dass die Wahlen nicht nur friedlich und geordnet abliefen, sondern auch noch sein Wunschkandidat Ibrahim Boubacar Keita gewann, das versetzt Zabo in Hochstimmung. Und so präsentiert er dem Frankfurter Publikum „Democracy“, den Song zur Wahl. In der zehnminütigen Jamsession zeigt der freundliche Sänger seine zornige Seite: „Die Reichen feiern mit Champagner, während die jungen Malier keine Arbeit finden.“ Auch „Cinquantanaire“ – „einige unserer Politiker sind Diebe“ – erinnert Fela Kutis Protestsongs, während der Balaphon-Spieler im Stehen, Liegen und Springen auf seine Holzstäbe prügelt, als wollte er die Korruption exorzieren.

Und noch etwas zeigt die mitreißende Fusion Zabos: Afrikanischer und westlicher Pop brauchen sich gegenseitig. Bevor Ben Zabo seinen ersten Hit landete, hatte er als Toningenieur im bekannten Studio Bogolan in Bamako gearbeitet. Er nahm Alben für Stars wie Ali Farka Touré auf, sah westliche Musiker – vom BritPopper Damon Albarn bis zum Led Zeppelin-Bassisten John Paul Jones auf der Suche nach Inspiration durchreisen. Als Ben Zabo in den Aufnahme-Pausen seine eigene Musik spielte, entdeckte ihn sein späterer Produzent Chris Eckman. Nein, am Sound habe der Amerikaner nicht viel verändert. Aber er habe, mit dem Blick des Fremden, die auffällige Nähe zum weltumspannenden Indierock gesehen – und gefördert. Und der junge Popstar aus Bamako zeigt Mut: „Wir sind ein armes Land“, erklärt er dem Publikum in Frankfurt, „aber alle lieben unsere Musik.“ In einer Zeit, in dem sich die großen Plattenfirmen ängstlich mit bewährten Rezepte begnügen und die Retorten-Klänge selbst im Afropop überhand nehmen, legt der pentatonische Rock des Bo-Sohnes ein sinnliches Störfeuer.
JONATHAN FISCHER
Die Welt 15.8.2013

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