Rap für mehr Demokratie: Malis Musiker Amkoullel über die Wahlen in seinem Land

Issiaka BG, alias Amkoullel ist der bekannteste Rapper Malis. Seit seinem Debüt im Jahr 2002 gilt der 29-jährige Hip-Hop-Aktivist, Fernsehmoderator und Konzertveranstalter als Stimme der malischen Jugend. Der Sohn zweier Ärzte verbrachte seine frühe Kindheit in Berlin und lebt heute in einem Vorort der Hauptstadt Bamako. Nach der Militärintervention Frankreichs und der Vertreibung der Islamisten aus dem besetzten Norden Malis sollen Präsidentschaftswahlen am 28. Juli das westafrikanische Land zur Demokratie zurückführen. Insgesamt 27 Kandidaten treten in der ersten Runde an, unter ihnen sind viele bekannte Gesichter. Die Hoffnung, dass die Abstimmung einen Neuanfang einläuten könnte, ist durch die Angst vor Anschlägen und unvollständige Wählerlisten getrübt. Hunderttausende Malier sind nicht in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Die Wahlbeteiligung ist traditionell niedrig.

Amkoullel, Sie rufen zusammen mit einem Dutzend Rapper-Kollegen die jungen Malier dazu auf, wählen zu gehen. Warum braucht es Hip-Hop-Songs wie „Vote“ für eine demokratische Mobilisierung?

Wir leben in einem Land mit 70 Prozent Analphabeten. Da kann ein Song mehr Menschen erreichen als jede Zeitung – vor allem wenn er über Facebook oder Twitter mitgeteilt wird. Wir Rapper rufen zusammen die Jugendlichen dazu auf, zur Wahl zu gehen. Wir werben für keinen speziellen Kandidaten. Sondern für die aktive Beteiligung an der Demokratie. Man muss das den Kindern schon in den Schulen beibringen. Denn nur mit Bildung lässt sich etwas ändern.

Sie verfolgen als Rapper einen politischen Bildungsauftrag?

In einer traditionellen Gesellschaftsordnung funktioniert Bestechung möglicherweise ganz gut. Aber wir leben in einer Demokratie. Also muss man die Menschen zum Nachdenken bringen: Ist es wirklich besser, für denjenigen zu stimmen, der ihnen Geld gibt, oder für denjenigen, dessen Politik dem ganzen Land Gewinn bringt?

Haben Sie es begrüßt, dass die ehemalige Kolonialmacht Frankreich Anfang dieses Jahres Truppen geschickt hat, um den Norden Malis von islamistischen Rebellen zu befreien?

Klar, als ehemalige Kolonialmacht hat Frankreich nicht den besten Ruf hierzulande. Aber nun hängen überall in Bamako französische Flaggen: Es fühlt sich fast so an, als ob uns die Franzosen das Leben gerettet hätten. Wir haben ja schon im Norden Malis das Terror-Regime der Islamisten erlebt: kein Alkohol, kein Radio, kein Tanz, keine Musik. Sie haben Musikinstrumente verbrannt, und den Musikern gedroht, die Hände abzuhacken. Wir sind ein Land von Handwerkern, Händlern, Künstlern – was hätten wir den gut bewaffneten islamistischen Milizen schon entgegenzusetzen gehabt? Jetzt ist es Zeit, dass wir alle am selben Strang ziehen.

Sie sind als Rapper aber nicht nur den Islamisten, sondern auch vielen Politikern in Bamako ein Dorn im Auge . . .

Viele Politiker schimpfen uns Rapper als respektlos. Dabei haben wir nichts gegen die traditionellen Regeln in Mali. Aber wir attackieren die korrupten Machthaber.

Mali ist für seine reiche und jahrhundertealte Musikkultur berühmt. Wirken die Rapper da nicht wie ein westlicher Import?

Die traditionelle Musik wird in Mali von den Griots, den traditionellen Barden-Dynastien, am Leben gehalten. Sie haben vor allem die Aufgabe, die Herrschenden zu preisen, Kritik können sie nur kaschiert üben. Wir Rapper akzeptieren keinen Maulkorb. Es ist ja noch nicht so lange her, dass in Mali überhaupt Musiker aus dem einfachen Volk spielen. Erst als ich die Musik von Public Enemy, Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa entdeckte, hatte ich den Mut, als Rapper aufzutreten und Konzerte zu organisieren. Allerdings wollen wir Malier keinen amerikanischen Hip-Hop imitieren. Deshalb etwa benutze ich in meiner Musik traditionelle Instrumente wie die Ngoni-Laute, Kora und Balafon.

Sie sind bereits oft durch Amerika und Europa getourt. Wie unterscheiden sich die Hip-Hop-Spielregeln in Mali vom Westen?

Hierzulande kann man mit Hip-Hop kein Geld verdienen. Wir laden unsere Songs kostenlos hoch. Aber ich habe zum Glück ein Kollektiv junger Malier hinter mir, die meine Clips unterstützen und mit denen ich zusammen Hilfslieferungen in den Norden Malis organisiere. Es ist sehr wichtig, dass wir Rapper in der Sprache der malischen Jugend reden. Denn immer wieder kommen Jugendliche aus entlegenen Dörfern an meine Tür: Dann erklären sie, was bei ihnen passiert, und bitten mich, davon zu berichten.

Dürfen Sie denn alles sagen, was Sie wollen? Oder gibt es auch eine Zensur für die malischen Rapper?

Ja, es gibt hier eine Zensur. Ich habe etwa einen Monat vor dem Staatsstreich im Jahre 2011 diesen Videoclip gedreht. Der Song hieß „SOS“, um die Stimmung im Land auf den Punkt zu bringen: Alle sind frustriert, irgendetwas wird explodieren. Wir hatten den Song an die verantwortlichen Politiker unseres Landes adressiert. Nach dem Putsch im Frühjahr 2011 hat das Militär das Video zensiert. Es durfte nicht mehr im Rundfunk laufen. Aber über die sozialen Netzwerke wurde es trotzdem zum Hit.

Regierungskritische Journalisten sind in Mali zuletzt von Schlägertrupps angegriffen worden. Kann Ihnen das nicht auch passieren?

Ich habe telefonisch mehrere Gewaltdrohungen bekommen. Es ist die einzige Zensur, die den korrupten Machthabern noch bleibt: Musikern oder Journalisten, die eine unbequeme Botschaft aussenden, Angst einzujagen. Das ist eine psychologische Waffe. Aber wenn wir uns einschüchtern lassen, dann gewinnen diejenigen, die Mali als Selbstbedienungsladen sehen.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 27.6.2013

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