„Zieht eure Gasmasken aus!“ Baris Uygur über Satire als Waffe in den Protesten gegen die türkische Regierung, Sprachcodes der Jugend und hilflose Mächtige

Baris Uygur (35) ist Mitherausgeber des in Istanbul verlegten Satire-Magazins Uykusuz (übersetzt „Schlaflos“). Jeder türkische Jugendliche kennt die Karikaturen von

Uykusuz wie auch der Konkurrenzblätter Penguen und LeMan : Sie zirkulieren wöchentlich mit Auflagen von mehr als 200 000 Exemplaren auf Schulhöfen und Campussen. Sie gelten als Sprachrohr der säkularen jungen Städter, die seit Ende Mai gegen die Regierung Erdogan demonstrieren.

SZ: Herr Uygur, in Ägypten haben Massenproteste zu einer Amtsenthebung der islamistischen Regierung durch das Militär geführt. Bestärkt das die Türken in ihrem Protest?

Baris Uygur: Nein, unsere Situation lässt sich nicht mit der in Ägypten vergleichen. Die Leute auf der Straße haben sich Freiheit gewünscht – und die Freiheit, das lehrt uns die türkische Geschichte, kommt niemals durch einen Staatsstreich der Armee. Keiner der Jugendlichen, die in Istanbul oder in anderen Städten auf die Straßen gingen, will ein autoritäres Regime durch ein anderes ersetzen. Wenn einige Kemalistengruppen mit dem Slogan „Wir sind die Soldaten Atatürks“ nach dem Militär riefen, antworteten sie: „Wir sind die Soldaten Gandalfs“. Oder sie bezeichneten sich als Armee einer berüchtigten türkischen Drag-Queen.

Den Demonstranten ist trotz des Gas- und Gewalteinsatzes der türkischen Polizei der Humor nicht vergangen?

Humor war ihre wirkungsvollste Waffe. Wenn etwa die Polizei anrückte, haben die Leute gerufen: Sprüht nur Pfefferspray! Aber zieht eure Gasmasken aus, und wir werden sehen, wer mehr verträgt!

Sie haben einmal gesagt, dass Sie vom Journalismus zur Satire gewechselt seien, „weil alle guten und unabhängigen Journalisten in der Türkei auf dieselbe Weise enden würden: im Grab oder im Gefängnis“. Haben Sie die Demonstrationen überrascht?

Von regierungskritischen Demonstrationen mit einer Million Menschen hätten wir früher nicht einmal geträumt. Erst recht nicht von deren kreativem Humor: Der „adam duran“, der schweigend auf dem Taksim-Platz stehen blieb, war nur die spektakulärste von vielen Flashmob-Aktionen. Es war das politische Coming-out der 16- bis 30-Jährigen, einer Generation, die ihre Freizeit bisher vor allem mit Videospielen und in Internetforen verbracht hatte.

„Uykusuz“ versteht sich als Sprachrohr dieser jungen Leute. Wie hat die Zeitschrift auf die Proteste reagiert?

Die letzten Nummern waren eine große Herausforderung für uns: Seit Jahren kommentieren wir humorvoll bis bissig die türkische Politik. Aber nun hat uns die Straße mit ihrer Art von Satire eingeholt. Nicht nur im Timing ist sie uns überlegen. Auch die Referenzen sind witzig wie nie zuvor: Sie beziehen sich auf aktuelle TV-Fantasy-Serien wie „Herr der Ringe“ oder auf Computerspiele wie „Call of Duty“, „Grand Theft Auto“ und „World of Warcraft“. Um sie zu verstehen, braucht man viel Vorwissen über Populärkultur. Da hat unsere Uykusuz -Taktik Nachahmer gefunden: Sie wechseln auf eine Sprachebene, auf der die Politiker machtlos wirken. Oder zumindest lächerlich.

Erdogan braucht also Übersetzer, um

zu verstehen, was die Demonstranten auf den Straßen schreiben und skandieren?

Nicht nur Erdogan. Die Machtzirkel der AKP haben diese Slogans genauso wenig verstehen können wie die Oppositionspolitiker von der CHP oder die Marxisten. Hier wird der Riss zwischen den Generationen sichtbar: Auch ich gehöre eigentlich nicht mehr zu diesen Jugendlichen, habe aber zu ihnen noch eine enge Beziehung, weil sie die Leser von Uykusuz sind und uns oft Mails und Karikaturen schicken.

Können Sie erklären, was diese bisher apolitische junge Generation fordert?

Das Gros der türkischen Jugendlichen würde sich nie in einer politischen Partei engagieren, sie wollen einfach ihr eigenes Leben führen: „Wir hören nicht mal auf unseren eigenen Vater, warum sollen wir dir gehorchen, Erdogan?“, riefen sie auf den Demos. Solange er nur seinen Job macht, interessiert er sie nicht. Aber sie sind wütend, dass er sich in ihr Privatleben einmischt, ihnen vorschreibt, wie viele Kinder sie gebären sollen, wo sie Bier trinken dürfen und wie sie sich zu kleiden haben. Ständig – und nicht nur bei der Bebauung des Gezi-Parks – bevormundet Erdogan die Bürger mit altväterlich-autoritären Ansichten. Auch deshalb sind Satire-Zeitschriften wie Uykusuz so populär. Wir haben keine Werbung, sind total unabhängig. Im Moment handelt unser ganzes Heft fast ausschließlich von den Protesten: Das kann sich keine andere Zeitung in der Türkei leisten.

Früher haben sich Satire-Magazine Beleidigungsklagen eingehandelt, wenn sie Erdogan etwa als Affen oder Kamel zeigten. Hat sich seit den Protesten die Pressefreiheit noch mal verschlechtert?

Offiziell gibt es in der Türkei keine Zensur. Aber bei drei Themen müssen wir vorsichtig agieren: Witze über Atatürk, das Militär und die Religion. Trotzdem bleiben die Satire-Zeitschriften, dank einer loyalen Leserschaft, die einzig wirklich freien Massenmedien hierzulande. Denn in der Regel verdienen Zeitungen und Fernsehsender in der Türkei kein Geld. Sie funktionieren nur als Teil von Wirtschaftsimperien wie Energiekonzernen, Banken, Automobilbauern. Wenn eines dieser Medien Opposition gegen Erdogan macht, hat das Auswirkungen auf deren Firmengruppen. Da steht dannplötzlich eine Steuerprüfung an.

Haben die Oppositionsparteien keine eigenen Zeitungen und Magazine?

Wir haben eine viel höhere Auflage und eine halb so alte Leserschaft. Die jungen Demonstranten waren mit Sicherheit eher unsere Leser. Das liegt daran, dass sich die Lesegewohnheiten drastisch geändert haben. Die langatmigen, einseitigen Artikel der türkischen Tageszeitungen erreichen kaum einen Jugendlichen. Fast alle verstehen Englisch: Also informieren sie sich auf den Webseiten der New York Times oder des Guardian – und witzeln anschließend über die Beschränktheit der türkischen Mainstream-Medien. Etwa wenn diese behaupten, die Proteste seien von Israel, Amerika oder Deutschland gesteuert. Oder wenn ein Fernsehmoderator nicht einmal weiß, was Graffiti bedeutet. Da quellen die sozialen Netzwerke vor witzigen Kommentaren über.

Was können Sie dem als Satire-Zeitschrift noch hinzufügen?

Unsere Redaktion ist nicht weit entfernt vom Taksim-Platz. Auf dem Weg zur Arbeit lesen und hören wir täglich neue satirische Slogans. Viele junge Menschen sprechen so zum ersten Mal über Politik. Das ist großartig. Wenn wir den Straßenwitz nicht nur kopieren wollen, liegt die Messlatte für uns viel höher als früher: Aber wer von uns wollte sich darüber beschweren?

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 17.7.2013

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