Paul McCartney ist ein Kumpel: In Mali ist die Musik politisch: Der Volkssänger Bassekou Kouyaté über seine Lieder, die Islamisten und Angela Merkel

Der malische Musiker Bassekou Kouyaté gehört zu den Griots, den traditionellen Geschichtenerzählern Westafrikas. Der Sänger und Ngoni-Spieler hat die jahrhundertealte Musik modernisiert und spielt heute mit internationalen Popstars wie Taj Mahal, Damon Albarn und Paul McCartney zusammen. Seitdem die Islamisten den Norden Malis besetzt haben, gilt der 47-Jährige als eine der wichtigsten politischen Stimmen des Landes.

Herr Kouyaté, Musik gehört zu den international begehrtesten Exportgütern Ihres Landes. Wie hat sich der Krieg im Norden Malis auf die heimischen Musiker ausgewirkt?

Bassekou Kouyaté:

Der Krieg hat uns sehr getroffen, nicht nur unsere Wirtschaft, sondern auch die Musiker. Gott sei Dank kam uns die französische Armee zu Hilfe – sonst stünden die Islamisten jetzt in Bamako und hätten uns unsere eigene Kultur verboten. Wir sind doch alle Muslime. Und im Koran ist überliefert, dass unser Prophet selbst die Musik liebte. Wir Musiker haben immer für den Frieden gesungen. Aber nun haben wir wegen des Ausnahmezustands keine Arbeit, verdienen keinen Franc, müssen aber weiterhin unsere Miete zahlen, unsere Kinder und Familien ernähren. Es gibt keinen Tourismus mehr, keine Musikfestivals, aber tausende von arbeitslosen Musikern und Sängern.

Sie haben berühmte Musikerfreunde in aller Welt. Haben Sie nie daran gedacht, das Land zu verlassen und Ihren Lebensunterhalt im Exil zu verdienen?

Ich bin als Griot meinem Volk gegenüber verpflichtet. Das Schicksal meines Landes war immer Grundlage meiner Musik. Natürlich hatte ich nach der Besetzung des Nordens und dem Militärputsch Angst, und ich habe tatsächlich überlegt, ob es nicht besser wäre, nach Frankreich zu gehen. Aber die Verantwortung wog schwerer. Also blieb ich. Wir Musiker haben auch viele aus dem Norden geflohene Kollegen unterstützt und bei uns aufgenommen. Sie haben alles zurück gelassen. Die bewaffneten Banditen im Norden haben alle ihre Instrumente zerstört. Sie haben keine Gitarren oder Trommeln mehr. Sie sind mittellos in den Süden gekommen. Wir haben alles mit ihnen geteilt, was wir haben.

Sie haben 2012 während der tiefsten Krise Ihr neues Album „Jamako“ aufgenommen. Sprechen Sie in Ihren Songs auch über die gegenwärtigen Probleme Malis?

In „Sinaly“ besinge ich einen Peul-König, den jeder in Mali kennt. So wie Frankreich jetzt die Islamisten in Mali gestoppt hat, so hat er im 15. Jahrhundert die Araber daran gehindert, den Süden Malis zu kolonisieren. Es ist eine ähnliche Konstellation, derselbe Kampf. Diese Islamisten sind keine richtigen Moslems. Sie wollen nur zwei Dinge: Macht und Geld. Deshalb werde ich nicht müde, mit meinen Liedern gegen sie anzusingen.

Sie haben in der Vergangenheit auch mit Musikern aus dem Norden zusammengearbeitet, sind bei Tuareg-Festivals aufgetreten. Heute aber verteufeln viele Politiker in Süd-Mali die Tuareg als Verursacher des Kriegs im Norden.

Ich erinnere mich an all die Feste, die wir zusammen mit den Tuareg gefeiert haben. Egal, ob bei der Biennale in Bamako oder einem Festival in Kidal: Die Tuareg waren immer Teil unserer malischen Kultur. Wir haben zusammen gelebt, zusammen gegessen und zusammen gearbeitet. Jetzt müssen wir uns zusammensetzen und reden. Die Tuareg können ihre Rechte einfordern. Aber nicht mit Waffen, sondern respektvoll am Verhandlungstisch. Das singe ich in „Jamako“: Dass wir alle Malier sind und zur selben Nation gehören. Wir wollen keine Teilung unseres Landes.

Sie kritisieren die Militärputschisten dafür, dass sie die Musikvideos aus dem Fernsehen verbannt haben und unbequeme Stimmen zensieren.

Nur ein guter Führer wird von den Griots gepriesen. Geld hin oder her: Kein Einziger von uns hat einen Song für die Militärputschisten gemacht. Eher im Gegenteil. Ein Kollege von mir musste Hals über Kopf aus Bamako fliehen, nachdem er darüber gesungen hatte, wie die malische Armee vor dem Feind davonrannte. Es war die Wahrheit. Und sie haben ihn mit dem Tod bedroht.

Sie halten auf jedem Ihrer Konzerte flammende Reden gegen die Islamisten, gegen Militärdiktatur und Zensur. Ist es üblich, dass Griots so offen die Politik kommentieren?

Mein Großvater hat das schon so gemacht. Er war das Sprachrohr des Königs – aber auch sein Kritiker. Er hat im malischen Radio Texte gesungen, die so kein Journalist hätte bringen können. Er hat ausgesprochen, was sich wirklich in Mali abspielt. Die Musik der Griots ist heilig. Deshalb kann ein Griot die Machthaber kritisieren und seine Meinung kundtun.

Für Ihr jüngstes Album „Jamako“ haben Sie den kanadischen Produzenten Howard Bilerman von der Band Arcade Fire engagiert. Welche Einfluss hat der westliche Pop auf die jahrhundertealten Musiktraditionen Malis?

Wir erleben da gerade einen großen Umbruch. Die Welt verändert sich, und unsere Musik verändert sich mit ihr. Ich spiele nicht mehr die selben Sachen wie mein Großvater oder mein Vater. Ich benutze zum Beispiel Wahwah-Pedale und elektronische Verstärker und Verzerrer für meine Ngoni-Laute. Wir haben den Sound verändert, aber nicht die Musik und ihre Struktur.

Damon Albarn, Bono, Taj Mahal, Bela Fleck: Sie haben mit vielen Rockstars aus dem Westen Bühne und Studio geteilt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Die letzten Jahre habe ich viel mit Damon Albarn zusammen gespielt. Er verehrt afrikanische Musik, er ist begierig, sie zu erlernen, und er hat viel für uns Afrikaner angestoßen: Auf der Karawane der afrikanischen Musiker, mit der er jüngst durch England tourte, brachte er mich sogar mit Paul McCartney auf der Bühne zusammen. Ich dachte mir: Vorsicht, das ist ein unglaublich berühmter Musiker! Aber dann erwies er sich als liebenswerter Kumpel.

Können Sie sich vorstellen, warum so viele westliche Musiker ausgerechnet in Mali nach Inspiration suchen?

Die malische Musik ist – selbst für Afrika – einmalig in ihrer Vielfalt. Von den achtzig Ethnien Malis hat jede ihre eigenen rhythmischen und melodischen Variationen. Wir schöpfen aus dem Vollen, deswegen können wir so kreativ und produktiv sein. Auch wenn wir ein bitterarmes Land sind. Unsere Musik öffnet uns die Türen zur Welt. Ansonsten würde wohl niemand wissen, wer wir Malier eigentlich sind.

Am 28. Juli sind Präsidentschaftswahlen in Mali. Was erhoffen Sie sich davon?

Alle Musiker hoffen, dass wir bald wieder wie früher auf Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen spielen können. Wir beten für einen weisen Führer, der uns aus unserer Misere herausführt. Jemanden wie Angela Merkel. Ich bewundere ihre Intelligenz und Umsicht, sie ist eine starke Frau, aber sie manipuliert nicht.
Interview: JONATHAN FISCHER
Die Welt 5.7.2013

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