Prediger des Blues: Der Sänger Bobby „Blue“ Bland ist gestorben

Bobby „Blue“ Blands Auftritte waren so mitreißend, wie die Gottesdienste in den Gospelkirchen seiner Heimatstadt Memphis, Tennessee. Schwarze Großfamilien aller Generationen klopften da den Takt auf ihren Kühlboxen mit, riefen dem elegant gekleideten Mann die Refrains zu: „If you got a heartache, ain’t nothing you can do“. Niemand verstand sich so gut darauf, den oft so nach Innen gerichteten Blues als kollektives Ritual zu zelebrieren wie er. Und sobald er seinen warmen Bariton erhob, mit sanftem Schnurren die Luft zum Vibrieren brachte, glänzten manche Gesichter tränenfeucht.

Weil unter seiner Weltmüdigkeit stets auch die Inbrunst des Gospel loderte, konnte es etwas Verbindendes haben, wenn er über die Einsamkeit sang. Da klagte nicht einer über sein eigenes Leid, sondern über das Leid aller. Auch deshalb haben sich seine Songs tief ins Gedächtnis Amerikas eingegraben, gehören Balladen wie „St. James Infirmary“, „I Pity The Fool““ und „Cry Cry Cry“ oder das vorwärtstreibende „Turn On Your Lovelight“ zu den Standards der Blues- und bald auch der Rockgeschichte.

Er brauche ein Mindestmaß an Tragik, verriet der Boby „Blue“ Bland in einem seiner seltenen Interviews. Und: „Mir geht es darum, mit möglichst wenig Worten möglichst viel zu sagen“. Dabei half ihm stets sein Markenzeichen, ein kehliges, suggestives Grunzen: „Ngchchrrr“. The squall. Ein Gurgellaut, der ganze Geschichten erzählten konnte. Viele haben sich an Blands Intonation versucht, aber niemand hat ihn erreicht: Weder sein einstiges Vorbild B. B. King noch Verehrer wie Van Morrison oder Simply-Red-Sänger Mick Hucknall.

Auf Don Robeys Duke-Label entwickelte Bland Ende der Fünfziger Jahre einen eigenwilligen Bigband-Stil. Und als ihm nach Erfolgsalben wie „Dreamer“ Mitte der Siebzigerjahre das Disco-Aus drohte, rettete das Südstaaten-Soul-Label Malaco ihn und seine treue Fangemeinde. Zwei Jahrzehnte sampelte Jay-Z Blands „Ain’t No Love In The Heart Of The City“ und eroberte für ihn die Hip-Hop-Generation.

Bland, der früher ein seidenes Taschentuch aus der Brusttasche zog und sorgfältig vor sich auf der Bühne entfaltete, bevor er sich zum Gefühlsausbruch niederkniete, hat zwar anders als B. B. King nie den weißen Mainstream erreicht. Und doch verkörperte er den Bluestraum der schwarzen Unterschicht: Haltung bewahren selbst im Dreck. Am Sonntag verstarb Bobby „Blue“ Bland mit 83 Jahren nach langer Krankheit in seiner Heimatstadt Memphis, Tennessee.
JONATHAN FISCHER
SZ 25.6.2013

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