„Alles ist besser, als hierzubleiben“: Der Senegalese Moussa Touré über seinen Film „Die Piroge“

Gut sechzigtausend verzweifelte Westafrikaner sollen in den vergangenen sieben Jahren versucht haben, mit Pirogen vom Senegal zu den Kanarischen Inseln überzusetzen. Nach Angaben senegalesischer Verbände von Familienangehörigen kam dabei jeder zehnte Flüchtling ums Leben. Der senegalesische Filmemacher Moussa Touré über seinen Film „Die Piroge“, die Verantwortung der Afrikaner für die Bootsflüchtlinge und warum die Jugend im Senegal heute neue Hoffnung schöpft.

SZ: Herr Touré, was hat Sie dazu bewogen, einen Spielfilm über Bootsflüchtlinge aus Senegal zu drehen? Wollen Sie die Europäer wachrütteln?

Moussa Touré: Das auch, aber ich habe den Film in erster Linie für ein afrikanisches Publikum gedreht. Schließlich bin ich Senegalese. Wir haben ihn mangels funktionstüchtiger Kinos vor 8000 Zuschauern Open Air in einem Vorort von Dakar uraufgeführt und dann vor noch mal so vielen Menschen im größten Theater der Stadt. Die Menschen haben mit den Protagonisten, die während der Überfahrt auf der Piroge nach und nach all ihre Hoffnung verlieren, mitgeflucht, mitgeweint, ihre eigenen Wunden gespürt. Sie sind viel näher dran als europäische Zuschauer.

Einer der Darsteller sagt: „Ich fahre nach Europa, um wieder in die Geschichte einzutauchen.“ Wie meinen Sie das?

Das ist eine Antwort an Europa und an Sarkozy, der bei seinem Besuch in Senegal vor einem Saal voller Studenten behauptete: „Ihr Afrikaner seid noch nicht in die Geschichte eingegangen.“ Das klang nicht nur für meine Ohren geringschätzig. Viele der Großväter dieser Studenten haben im Zweiten Weltkrieg an der Seite Frankreichs in Europa gekämpft. Und unser Präsident Wade, dieser Speichellecker, hat Sarkozy auch noch in Schutz genommen.

Wollen Sie mit Ihrem Film auch die Regierung Ihres Landes anklagen?

Ja, ich habe den Film gedreht, als noch Präsident Wade an der Macht war. Seine Regierung hat der Jugend nichts geboten. Da gab es zwar Millionenzahlungen von der EU, um die Flucht zu stoppen und um Gegenmaßnahmen vor Ort zu initiieren. Und was hat die Regierung gemacht? Man drückte jedem rückgeführten Flüchtling 15 Euro in die Hand, der Rest ist wohl in irgendwelchen dunklen Kanälen versickert.

Wie würden Sie die Botschaft Ihres Filmes „La Pirogue“ zusammenfassen?

Nun, Botschaften sind Sache des Propheten Mohammed. Eher sehe ich mich als Chronisten. Ich spüre, was die Senegalesen berührt, welche Freuden und Sorgen wir teilen, und setze das filmisch um. Mein französischer Produzent hat mich drei Jahre verfolgt, bis ich bereit war, mit ihm „Die Piroge“ zu drehen: Anfangs hatte er mir zu viele europäische Ideen im Kopf. Dabei bin ich viel näher an der wahren Situation der Menschen hier. Ihrer Hoffnungslosigkeit. Aber auch ihrem Ehrgeiz, ihrem Aktionshunger, ihrem animistischen Glauben. In der Vergangenheit habe ich nicht nur Spielfilme, sondern auch viele Dokumentationen gedreht: Über die Polygamie, Vergewaltigungen, Straßenkinder, gestrandete Immigranten in Europa. Oft vergleiche ich dabei, wie Menschen auf dieselben Probleme in Europa und Afrika reagieren.

Jedes sechste Boot geht auf der Überfahrt verloren, Tausende Afrikaner sind in den vergangenen zehn Jahren im Atlantik ertrunken. Riskieren nicht viele junge Senegalesen ihr Leben, weil sie sich Wunderdinge in Europa erhoffen?

Wir sind alle durch das Internet mit Europa verbunden. Auch gibt es jede Menge zurückgekehrte Flüchtlinge und Immigranten: Den Jugendlichen mangelt es nicht an Information. Sie wissen, dass in Europa kein Paradies auf sie wartet. Und trotzdem denken sie sich: Alles ist besser, als hierzubleiben, an der Armut zu ersticken. Einer der Bootsflüchtlinge in meinen Film sagt: „Selbst wenn eine Welle den Motor zerbricht und wir alle ertrinken – wir wollen nicht zurück.“ Wir Afrikaner haben eine andere Art, das Leben mit allen seinen Konsequenzen, ja selbst den Tod zu akzeptieren.

Die Lösung des Flüchtlingsproblems liegt also in Afrika?

Jahrzehntelang hat die senegalesische Regierung angesichts dieses Problems die Arme verschränkt. Erst mit unserer neuen Regierung unter Präsident Macky Sall passiert etwas: Mit der Rückkehr der Hoffnung ist der Flüchtlingsstrom abgeebbt. Keine europäische Wirtschaftskrise und auch kein Film über die Gefahren der Überfahrt hätte das erreichen können.

Was leistet die neue Regierung konkret, um diese Hoffnung zu rechtfertigen?

Erstens werden endlich korrupte Politiker zur Rechenschaft gezogen. Zweitens hat die Regierung sich mit Vertretern der senegalesischen Jugend getroffen und Arbeit für viele junge Menschen mit Universitäts-Diplom geschaffen. Drittens hat Macky Sall neue Fischereiverträge mit den Ländern der EU geschlossen.

Profitieren Sie als Filmemacher auch von dieser neuen Politik?

Wir sind ein armes Land. Da hat die Kulturförderung nicht den allerhöchsten Rang. Trotzdem stellt die neue Regierung für nächstes Jahr eine Milliarde CFA, das sind fast zwei Millionen Euro, für die Wiederherstellung der Kinos im Senegal bereit. Das ist Teil eines Plans, um den Jugendlichen wieder Hoffnung zu geben. Dazu sichert der Staat durch Gehälter und eine feste Anzahl von Konzerten den Lebensunterhalt unserer Hip-Hop-Musiker und anderer junger urbaner Künstler.

Ist das auch ein Verdienst des neuen Kulturministers Youssou N’Dour?

Er ist ein großer Segen. Wir sind seit Langem befreundet, und er hätte sogar die Musik für „Die Piroge“ machen sollen. Aber als Minister ist er einfach zu beschäftigt. Dafür arbeite ich gerade an einer Verfilmung seines Lebens.

Wird also ein Youssou-N’Dour-Biopic Ihr nächster Kino-Beitrag?

Nein erst drehe ich noch einen Film über den Konflikt zwischen Flamen und Wallonen in Belgien. Und zwar deshalb, weil wir Afrikaner Erfahrung auf diesem Gebiet haben: In Senegal leben immerhin über ein Dutzend Ethnien friedlich zusammen.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 22.6.2013

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.