Rebellion des Lebenshungers! Aus dem Mississippidelta in die Zukunft des Rock: Die „Sun Blues Box“ liefert die bisher umfangreichste Dokumentation der Blues- und Rock’n’Roll-Pioniere

Mitte der achtziger Jahre fuhr Rufus Thomas mit seinem roten Sportwagen vor dem Admiral Benbow Inn in Memphis vor: Keine Show, bloß ein Interview sollte der seit dem Abschied von Stax ein wenig aus der Zeit gefallene Blues- und Funkveteran geben. Thomas wusste natürlich, was er seinem Ruf schuldete: Anzug, Einstecktuch, Krokodillederschuhe und ein paar lässige Sprüche zu den schwarzen Damen an der Rezeption, die prompt in Gekreische ausbrachen: „Oh, it’s Rufus!“

Das Interview lief dann weniger als Antwort-Frage-Spiel, sondern mehr als Rezitativ – eine von Schmähungen und Witzen untermalte Geschichtsstunde, in der Rufus Thomas augenrollend seine neueste Schöpfung, einen, nun ja, Rap-Song, vorführte und die Musikindustrie von Memphis samt dem untergegangenen Soulkonzern Stax als unfähig schimpfte, allerdings eine Plattenfirma davon ausnahm: Sun Records. Nun gut, Sam Phillips sei natürlich ein gerissener weißer Geschäftemacher gewesen, der seine schwarzen Künstler fallenließ, nachdem er mit Elvis, Jerry Lee Lewis und Carl Perkins seine Umsätze verzehnfachen konnte. Und doch habe Sun Records den Grundstein gelegt: „Wir Schwarzen hatten da mit dem Blues etwas Kostbares; aber Sam war der Weiße, der zuerst verstand, wie man die Sache verpacken und verkaufen konnte. Der Blues ähnelte einem Notenblatt. Wir brachten die schwarzen Noten, er das weiße Papier.“ Auf diese Weise kristallisierte Sun Records die kreativen Schätze Hunderter Bluesmusiker aus dem Hinterland von Memphis in Singles, deren Wirkung sich nicht in Chart-Erfolgen erschöpfte und deren Erregungswelle bis heute die Popmusik antreibt.

Rückblickend kann man behaupten, dass Sam Phillips‘ Plattenfirma den Blues aus den Baumwollfeldern des Mississippideltas in die Herzen der schwarzen und weißen Großstadtjugend katapultierte. Er presste unerhörte „Dschungel“-Rhythmen auf die Singles mit dem gelben Sonnenlogo und bereitete rohe ländliche Traditionen zu donnernden Vorboten des Rock’n’Roll auf. Hier ging es nicht um gitarrenzupfende Bluesonkels im Schaukelstuhl. Typen wie Ike Turner oder Howlin‘ Wolf verkörperten sexy Gewalt – und gewaltigen Sex.

Alles, was Pop in den nächsten Jahrzehnten seinen Treibstoff liefern würde, schimmerte als Rohdiamant durch die Singles von Little Junior Parker, Roscoe Gordon, Joe Hill Louis oder BB King. Aus Bluesmännern erwuchsen Rock-Entertainer. Hipster, die den Farmerschmutz unter den Fingernägeln gegen die neueste Hutmode eingetauscht hatten, Show-Stars, die wussten, wie man aus einem Auftritt einen rhythmischen Aufstand macht und jede Menge Adrenalin in Gitarren und verzerrte Rhythmen packt. Vielleicht verkörperte niemand diesen neuen Typus des Entertainers besser als Rufus Thomas. Der „Tigerman“ ging selten ohne seine Plateaustiefel und Tigerhöschen auf die Bühne und nahm mit Blues-Aufputschmitteln wie „Tigerman“ oder „Bearcat“ sowohl die Energie als auch den Aberwitz späterer Funk- und Hip-Hop-Künstler voraus. Als die Jon Spencer Blues Explosion diesen Mann in den neunziger Jahren als special guest zurück auf die großen Bühnen brachte, war Sam Phillips‘ Studio längst zum Mythos herangewachsen: als Ort, wo der Blues zu seiner Hipness fand und aus dem Mississippischlamm die Rockmusik der Zukunft heranwuchs.

Höchste Zeit also für eine Anthologie, die die Memphis-Blues-Männer (und auch ein paar Frauen) aus dem Schatten des später alles überschattenden Labelkollegen Elvis heraustreten lässt und sich nicht mit den üblichen greatest hits zufriedengibt: „The Sun Blues Box“. Die Zehn-CD-Box, inklusive erst jüngst gefundener Bänder, nie veröffentlichter Outtakes und eines akribisch recherchierten Buchs im LP-Format, hat höchsten Unterhaltungswert. Der Blues kocht da, anders als die ihn heute domestizierenden Coffeehouse-Langweiler, über vor Frechheit und kreativem Mut: Wahnsinnige Ein-Mann-Bands wie Joe Hill Louis rattern sich ins Delirium, Gospelquartette flehen um Erlösung, und Roscoe Gordon droht über einem besoffenem Piano-Riff seine Gespielin umzulegen. Man hört Sam Phillips krude Versuche, mit dem Echo zu spielen, Verzerrung und Mehrspurtechnik ins Spiel zu bringen. Und man erfährt – wenn nicht aus den Liedtexten, dann zumindest aus dem Beibuch -, was Karrieren zwischen Juke Joints und Straße mit sich bringen können: Alkohol, Armut, Gewalt, Ehebruch und Betrug färben die Biographien vieler Bluesgenies, die hier eine späte Würdigung erfahren, dunkel bis bitter ein.

Wen wundert es, dass diese Musik kaum einmal gemütlich wirkt, sondern wie eine Rebellion des Lebenshungers gegen Wohlstand und Sattheit der Nachkriegsjahre wirkt? Oft genug erzählen die Bluessongs die Geschichten derjenigen, die das Delta auf dem Weg nach Norden – und auf der Suche nach einer besseren Welt – verließen und dabei notgedrungen Sam Phillips‘ Studio in der Union Street kreuzten. So hatte der Sun-Produzent das Glück, spätere Legenden wie Howlin‘ Wolf, Junior Parker, James Cotton, Little Milton und B.B. King ganz am Anfang ihrer Karriere aufzunehmen.

Kompromisse mit dem Mainstream spielten damals noch keine Rolle. Die Songs zielten ausschließlich auf die schwarzen Radiostationen. Und Sam Phillips brauchte sich keine Sorge um den Nachschub an Talenten zu machen. Die großen Plattenfirmen hatten während des Zweiten Weltkriegs aufgrund der Schellack-Rationierung die meisten ihrer Musiker ohne nationales Pop-Publikum entlassen. Das traf vor allem Bluesmusiker. Unabhängige Labels wie Sun, oder Chess in Chicago, waren in die Bresche gesprungen. Ihnen reichten schon 30 000 verkaufte Singles für einen Hit. Obendrein hatten die Künstler kaum Agenten und Rechtsanwälte, Verträge beschränkten sich oft auf Einmalzahlungen, und das Publikum verlangte keine aufwendig polierten Soundqualitäten – zum Glück, können wir heute sagen.

Denn Sam Phillips‘ Aufnahmen entfalten ihre Intensität nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer technischen Beschränktheit. Der Blues wird hier auf der Schwelle vom Delta in die großen Städte des Nordens festgehalten. Verzweiflung, Hoffnung und Zukunftserregung schwingen immer mit – und eine zärtliche Brutalität, die Rufus Thomas einmal dazu veranlasste, den Blues „dieses Ding, das dir ein Loch in deine Eingeweide brennt“, zu nennen.

JONATHAN FISCHER, FAZ 4.6.2013

„The Sun Blues Box“. Blues, R&B and Gospel Music in Memphis 1950-1958
10 CDs, Begleitbuch, Bear Family ECD 17310

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