Sie köchelt mit der Ursuppe des Pop: Valerie June rettet die alte Südstaaten-Musik in die Gegenwart und weist bei ihrem Berliner Konzert in die Zukunft des Blues

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Der Prince Charles Club in Kreuzberg erinnert nicht gerade an eine Juke-Joint-Kneipe aus dem Mississippi-Delta: spröder Beton-Minimalismus, schmucklose Bar, die Rückwand der Bühne schwimmbadblau gekachelt. Diesen Abend aber pilgerten die Hipster nicht für irgendeinen urbanen Zukunfts-zauber hierher, sondern um den Pop noch ein paar Dekaden weiter zurückzu-drehen, genauer: bis zur ländlichen Südstaaten-Musik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. „Ihr wartet doch bestimmt noch, bis ich mir mein Banjo umgehängt habe?!“ Valerie June sagt das im breitesten Tennessee-Twang. Dann huscht ein Lächeln über das Puppengesicht der jungen Afroamerikanerin, sie wirft ihr Schlangennest aus Dreadlocks in den Nacken und pluckert los.

Weht wirklich eine warme Brise durch den Betonwürfel? Oder sind es nur Valerie Junes derbe Bluesriffs, die diesen schwülen Mississippi-Dampf verströmen? Die zierliche Frau, die so ausschaut, als wäre sie gerade der Titelseite der „Vogue“ entsprungen, ist keine Virtuosin auf dem Saiteninstrument und pflügt sich wie ein Traktor durch die Furchen eines steinigen Hangs. Aber alles stimmt, sobald Valerie June ihren Mund aufmacht. Ihre mal glockenhelle, mal rotzig-nasale Stimme scheint Hunderte von Jahren auf dem Buckel zu haben und würde wohl bei jeder Casting-Show durchfallen. Eher seltsam als perfekt.

All die Vernarbungen und Unreinheiten von Junes Gesang rufen bisweilen den schneidenden Ton einer alten Schellackplatte ins Gedächtnis. Und doch wirkt die aus einer Kleinstadt in Tennessee stammende Folksängerin nie gestrig, sondern so dringlich wie der letzte Hip-Hop-Hit. Weil auch noch Bluesrock-Gott Dan Auerbach ihr Major-Debüt „Pushin‘ Against A Stone“ produzierte, sorgte June für reichlich Aufregung in den vom Retro-Diskurs ermatteten Redaktionsstuben. Man hatte diese Art von Musik irgendwann für eine abgeschlossene Geschichte erklärt, sie sauber katalogisiert, in Bluesboxen, den Field Recordings von Alan Lomax oder George Mitchells „Anthology of American Folk Music“ für die Nachwelt verwahrt.

Und nun erwacht sie urplötzlich zum Leben. Wie ein frischer Trieb, der aus einem abgestorbenen Baumstumpf sprießt. „Ich lebe genauso in der heutigen Zeit wie in der Vergangenheit“, erklärt Valerie June im Gespräch. „Songideen halte ich auf meinem iPhone fest, zum Komponieren benutze ich Computerprogramme wie Garage Band. Das Gute an der Vergangenheit ist doch: Man kann sie studieren, um aus ihr Wissen für die Zukunft zu gewinnen.“

„Organic Moonshine Rootsmusic“ nennt die Sängerin ihre ureigene Melange aus Bluegrass, Folk, altem Country, Gospel und Blues. Bisher hatte sich die Bauunternehmerstochter strikt dem Markt verweigert: Sie spielte mit ihrem Banjo auf Bürgersteigen und tingelte durch Coffeeshops, wo sie neben selbstproduzierten CDs auch handgemachte Seife verkaufte. Bis ein gemeinsamer Bekannter ihre Musik Dan Auerbach vorspielte. Den erinnerte diese Stimme an Bessie Smith und Nina Simone. Und dazu diese rohe Energie! Wie Auerbach einst verkaufte sie ihre Platten aus dem Kofferraum heraus und ließ sie sich in ihrer Do-it-Yourself-Philosophie kaum von aktuellen Moden beeindrucken: „Wenn ich könnte“, kokettiert June , „würde ich vielleicht wie Robert Johnson oder Maybelle Carter spielen. Aber meine handwerklichen Unzulänglichkeiten kamen mir zum Glück in die Quere: weil sie mich zwangen, bei mir zu bleiben.“

Für die Arbeit an „Pushin‘ Against A Stone“ brachte Valerie June Hunderte von Songskizzen mit: Einige davon, wie der Blues-Holler „Twined And Twisted“, seien ihr als komplettes Lied im Traum erschienen, andere existierten lediglich als Ideen – „und Dan half mir als Songwriter und Produzent, das Baby auf die Welt zu bringen“. Er habe, sagt June , vor allem übersetzt: um ihre ureigene Stimme für eine breiten Markt aufzubereiten. Das gelingt nicht nur dem Album, einem Panoptikum aus sentimentalem Country, karg instrumentierten Gospels und Bluesrock-Stompern.

Valerie June hält auch bei ihrem Live-Auftritt die Spannung: Mal stellt sie sich nur mit Gitarre oder Banjo vor das Mikrofon. Die Intensität ihres Klagegesangs und die zeitlosen Texte über harte Arbeit, Sehnsucht und Stolz reichen aus, um den Raum zu füllen. Dann wieder metzeln schmutzige E-Gitarren dazwischen, reißen Bassist und Trompeter ein Johnnie-Taylor-Riff an, um schließlich einen schleifenden Country-Walzer, inklusive weinender Steel-Gitarre, anzustimmen: „Tennessee Time“, eines der melancholischsten Stücke in Junes Repertoire, wie so viele ihrer Songs von mehrstimmigen Gesängen geprägt.

Bisher galten Folk-Wiedergänger wie Jake Bugg oder der Erfolg von Soul-Spätzündern wie Charles Bradley und Sharon Jones als Beweis für die zyklische Natur des Pop. Aber passt das Retro-Etikett auch auf Valerie June ?“Diese Musik aus dem Mississippi-Delta und den Appalachen stellt die Ursuppe aller heutigen Popmusik dar“, erklärt sie. „Was würde ich dafür geben, könnte ich heute wie einst Alan Lomax herumreisen und all diese verstorbenen Bluegrass- und Bluesmusiker interviewen!“ Wenn die Sängerin das Publikum mit leuchtendem Gesicht auffordert, einen field holler mitzuklatschen, muss sie nicht lange warten, und die Aura harter Arbeit, trotziger Lebenslust und einer Wertschätzung der Gemeinschaft springt auch auf die bierflaschenklopfenden Hipster über. Dann sind alle Baumwollpflücker, Bluesfrauen und Baptistenprediger, zumindest drei berückende Minuten lang!
JONATHAN FISCHER
FAZ 3.5.2013

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