Urpunk vom Mississippi – Es klingt fremd und doch so vertraut wie Heimweh: Auf ihrem Album «Pushin‘ Against A Stone» schwelgt die schwarze Folksängerin Valerie June in Südstaaten-Mythen. Als Produzent mit von der Partie ist Dan Auerbach

Der erste Eindruck angesichts eines knarzenden, nasalen Gesangs: Irritation. Kann diese Stimme wirklich zu der hübschen Afroamerikanerin auf dem Cover gehören? Oder hat hier jemand eine vergessene Feldaufnahme irgendwo vom Mississippidelta aufbereitet oder gesamplet? Valerie June verunsichert im besten Sinne: «Sie sieht aus wie ein Supermodel und singt wie eine 100-jährige Blues-Oma», schrieb der Londoner «Standard». Genauso eigenwillig tönt ihr gerade erschienenes Album «Pushin‘ Against A Stone». Aufreizende Folk-Fiedeln kratzen da über akustischen Gitarren. Ein Banjo tönt aus den Baumwollfeldern herüber. Und wie in einer dieser Baptisten-Holzkirchen im tiefen Süden improvisiert der Organist eine schlichte Gospel-Melodie.
Spannungen

Das alles klingt alt und weht dem Hörer doch so erfrischend wie eine Prise Meeresluft ins Gesicht. Ein wohlfeiles Gegengift zu all den überzuckerten Casting-Amseln, die den schwarzen Pop der Gegenwart mit geschultem Bühnenauftritt und gefälligem Tralala oft unerträglich einförmig machen. Auch Dan Auerbach hatte Junes Stimme gleich am Haken. Zumal der Black-Keys-Gitarrist und Produzent sehr gut weiss, dass gerade Unreinheiten und Seltsamkeiten Spannung erzeugen, dass eine gewisse Unfertigkeit des Gesangs die Chance zum Experiment bietet und dass hier jemand in der Traditionslinie von Billie Holiday bis Nina Simone sein eigenes Ding macht. Auerbach jedenfalls sagte sofort zu, Valerie Junes Major-Label-Debüt zu produzieren. Er wollte mit ihr Songs entwickeln, die wie Outtakes aus dem Soundtrack von «Brother Where Art Thou» klingen. «Amerikanische Roots-Musik», erklärt Valerie June, «ist doch die Ursuppe, aus der wir alle stammen, egal, ob wir unsere Musik Rock’n’Roll, Punk oder Country nennen.»

Zusammen rollen die beiden den Pop von ganz weit hinten auf: Da trifft Retro-Instrumentierung auf die Rotzigkeit des Indie-Rock. «Organic Moonshine Rootsmusic»: So nennt die 30-jährige Sängerin aus Tennessee ihren Stil. Was nicht nur die Musik beschreibt, sondern auch ihre Haltung. Denn bisher hatte sich Valerie June strikt dem Markt verweigert. Sie spielte mit ihrem Banjo auf Bürgersteigen und tingelte durch Coffee-Shops, wo sie neben selbstproduzierten CD auch handgemachte Seife verkaufte. Eine Hippie-Wiedergängerin, die zur richtigen Zeit kommt. Die fünfziger, sechziger und siebziger Jahre mögen im Pop bereits ihr Comeback feiern. Valerie June aber dreht das Rad ein halbes Jahrhundert zurück.

Die Frau mit langen Dreadlocks und feingeschnittenem Gesicht musste mit sich ringen, bevor sie zu ihrer eigenartigen Stimme stehen konnte. Ihre Biografie klingt zunächst typisch: Aufgewachsen in einer Kleinstadt zwischen Memphis und Nashville; in der Kirche Gospel gesungen; dem Vater, einem Bauunternehmer, zur Hand gegangen. Und wie es dem Klischee entspricht, hat sie später als Sängerin einer Soulband in Memphis Bühnenluft geschnuppert. Doch irgendwann merkte June, dass sie sich für den Soul verbiegen musste, dass sie von ihrem Herzen und ihrer «Deep South»-Stimme woanders hingezogen wurde: zum Folk, zum Blues und zu Vorbildern wie Bessie Smith, Janis Joplin und dem Country-Gesang von Rose Maddox und den Carter Sisters. Folglich brachte sie sich bei, Gitarre, Banjo und Ukulele zu spielen. Und zunehmend begeisterte sie sich für die Musik ihrer Urgrosseltern. – Im Gespräch erzählt June, wie die «field recordings» eines Alan Lomax und die Folklore-Sammlungen von George Mitchell, der in den sechziger Jahren Bluesmusiker in Mississippi dokumentierte, zu ihrer Bibel wurden. «Um zu überleben, arbeitete ich oft gleichzeitig als Koch, Haushaltshilfe und Verkäuferin. Aber ich hatte meine Freiheit. Ich musste mich nicht mehr entlang künstlicher Genre-Grenzen bewegen und konnte wie die Sänger auf den Feldaufnahmen meine Inspiration aus weisser und schwarzer Musik ziehen.» Valerie June bleibt damit dem Erbe ihrer Heimat treu. Gehörte es einst im tiefen Süden doch zum Alltag, dass schwarze und weisse Musiker sich austauschten und den Stil des jeweils anderen kopierten. «Wir hatten hier mit Stax Records eines der ersten Plattenlabel, die gemischtrassige Bands aufnahmen.»

Ein Glücksfall, dass Valerie Junes Aufnahmen Dan Auerbach in die Hand fielen: Der Black-Keys-Gitarrist, sagt die Sängerin, habe ihr ihren eigenen Kopf gelassen. Die Hälfte der Songs auf dem neuen Album hat sie selbst geschrieben. Der Rest entstand dann zusammen mit Auerbach, der mit seiner eigenen Band auch die Arrangements rund um Junes aussergewöhnliche Stimme baute.

«Ich fühlte mich in Dan Auerbachs Easy Eye Studios in Nashville wie in einem Spielzeugladen. Überall fanden sich alte Banjos, Mandolinen und Vintage-Mikrofone. Dan hat diese Instrumente in jahrelanger Arbeit zusammengetragen.» Nun liefert Auerbachs Instrumenten-Sammlung die Klangfarben für ein Album, das Differenz grossschreibt – und ein Ambiente schafft, wie man es kaum auf einer Produktion des Jahres 2013 erwartet hätte. Junes Songs kommen ohne jede Verzierungen und künstliche Geschmacksverstärker aus und oszillieren fast bruchlos zwischen Blues, Country und Bluegrass. Dazu singt June von Sehnsucht, verlorener Liebe und harter Arbeit: «I’ve been working all my life!»
Wie Slow Food

Kann gute Musik so einfach sein? Valerie June vergleicht ihre Songs gerne mit Slow Food, mit nichtraffiniertem Essen, das man erst nach zu vielen Hamburgern und Milkshakes wirklich zu schätzen weiss. Vor allem aber bedient sie meisterhaft die Mythen des alten Südens. Mit Songs wie der Debüt-Single «Working Woman Blues», auf der sie die schneidenden Klagen einer Vamp-Frau ausbreitet: «I ain’t fit to be no mother / I ain’t fit to be no wife . . . yeah.» Dann wiederum streift sie Gospelterrain, wenn sie zur Orgelbegleitung von Booker T. Jones‘ «Somebody To Love» schmachtet. Oder mit der Unschuld eines Schulmädchens die Folk-Harmonien von «Twined & Twisted» anstimmt. Oft sind es nur ein paar dürre Banjo-Akkorde, die June begleiten, bis Dan Auerbach dann einen schmutzig-lässigen Bluesrock auffährt und die Sängerin sich in die Trance eines Field-Holler fallen lässt. Das klingt fremd – und doch vertraut wie Heimweh. Valerie June schickt Klang-Postkarten aus der Vergangenheit. Nachrichten aus einem Universum, das wir längst untergegangen glaubten und das heute so frisch anmutet wie das letzte Mix-Tape auf dem iPod.
JONATHAN FISCHER
NZZ 26.4. 2012
Valerie June: Pushin‘ Against A Stone (Sunday Best, erscheint am 3. Mai)

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