„Mich nervt diese Kultur des Nachtragens“: Wie schnell man sich beim Thema Rassismus ins Abseits schießen kann, hat nun auch der Rapper LL Cool J erfahren. Ein Gespräch über Countrymusik, Südstaatenflaggen und den Ballast der Geschichte

Schon der Name zeigt, dass der Mann aus einer anderen Zeit stammt. LL Cool J – die Abkürzung steht für „Die Ladys lieben den coolen James“ – ist seit Mitte der 80er-Jahre mit Hits wie „I Need A Beat“ und „Going Back To Cali“ im Geschäft und heute einer der letzten Überlebenden der alten Schule des Hip-Hop. Als Schauspieler („Swat“, „Deep Blue Sea“, „Navy CIS“) hat er sich in Hollywood nicht nur ausprobiert, sondern etabliert. Mit seinem 14. Album „Authentic“, das Ende April erscheint, will James Todd Smith, wie LL Cool J bürgerlich heißt, jetzt beweisen, dass er auch als Musiker nicht nur älter, sondern reifer geworden ist. Wenn da nicht „Accidental Racist“ wäre, ein kürzlich veröffentlichter Song des Countrysängers Brad Paisley, auf dem LL Cool J mitrappt. Das Lied, das sich an einer kritischen Aufarbeitung des Rassismus in den USA versucht, hat eine saftige politische Kontroverse ausgelöst.

SZ: Sie stehen in Ihrer Heimat gerade wegen des Songs „Accidental Racist“ im Kreuzfeuer, Mister Cool J. Besonders ein Satz darin von Ihnen hat wütende Kritik provoziert: „Wenn du mich nicht für meine Goldketten verurteilst, werde ich die Eisenketten vergessen.“ Lassen sich 400 Jahre Sklavengeschichte so mir nichts dir nichts abhaken?

LL Cool J: Viele Kritiker haben mir vorgeworfen, die Sklaverei zu verharmlosen. Dabei habe ich das ganz anders gemeint. Natürlich weiß ich, wie viel Schreckliches sich damals zugetragen hat. Aber viele Menschen schaffen es eben vor lauter historischem Kontext nicht mehr, die lebende Person zu sehen, die vor ihnen steht.

Ärger hat es auch gegeben, weil Sie die rassistisch vorbelastete Südstaatenflagge Ihres Country-Kollegen Brad Paisley verteidigt haben – mit dem Hinweis, dass er ja auch Ihre Hip-Hop-Mode akzeptiere.

Ich habe bereits in der „Jay Leno Show“ zugegeben, dass der Song nicht perfekt ist. Vier Minuten sind zu kurz für 400 Jahre Geschichte. Trotzdem glaube ich daran, dass wir ein wenig Ballast über Bord werfen dürfen, wenn uns das die Chance eröffnet, als weiße und schwarze Amerikaner zusammenzufinden. Warum muss man diese Dinge so verkomplizieren? Liebe ist eine verdammt simple Sache.

Versöhnung ist eine Sache. Aber liefern Sie mit dem Song nicht jedem weißen Rassisten die perfekte Ausrede, um sich nicht mehr mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen?

Mich nervt diese Kultur des Nachtragens. Pausenlos beschweren wir uns. Über Verletzungen durch unseren Partner, unseren Chef im Büro, unsere Lehrer, die Regierung. Martin Luther King hat einmal gesagt: Du kannst Dunkelheit nicht mit Dunkelheit austreiben. Nur Liebe und Vergebung können das erreichen. Deswegen möchte ich nicht über die Vergangenheit verbittern, sondern positiv nach vorne schauen. Sehen Sie mal, wie gut die Fusion von Rap und Country funktioniert: Können wir uns da nicht auch auf anderen Ebenen die Hand reichen?

Hip-Hop und Country sind nicht gerade musikalische Geschwister. Wie kommen Sie als New Yorker Rap-Legende zur Musik der weißen Vorstädte?

Das stimmt doch gar nicht. Hip-Hop und Country haben viel gemeinsam. Das Publikum für Country rekrutiert sich zum größten Teil aus der unteren Mittelklasse und ärmeren Schichten, und da kommen auch die Hip-Hop-Hörer her. Hier wie dort haben wir einfache Leute, die über ihren Alltag berichten. Vielleicht haben sie eine unterschiedliche ethnische Herkunft und drücken sich anders aus. Aber ansonsten leben sie in derselben Welt. Wir müssen endlich diese künstlichen Barrieren zwischen uns durchbrechen. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu tolerieren.

Sie haben neben Brad Paisley unter anderen noch Eddie Van Halen, Earth Wind & Fire und Seal als Gäste auf Ihrem neuen Album. Das klingt, als wollten Sie es auch musikalisch allen recht machen.

Ihr Kritiker reitet immer auf ethnischen und sozioökonomischen Unterschieden herum. Aber Quincy Jones hat mir mal gesagt: Deine Musik wird immer genau den Reichtum ausdrücken, den du auch als Mensch in dir zulässt. Braucht Hip-Hop wirklich eine Ghetto-Mentalität? Diese Musik ist doch mal angetreten, um alle Schranken einzureißen und Dinge miteinander zu kombinieren. So gesehen kannst du alles durch den Hip-Hop-Wolf drehen. Wenn es auf meinem iPod zusammenpasst, passt es auch auf meinem Album zusammen.

Wie passt denn Ihr heutiges Image als treuer Ehemann und Familienvater mit Ihrem Ruf als erstes Sexsymbol der Hip-Hop-Geschichte zusammen?

Mann, glauben Sie mir, ich habe echt nie versucht, sexy zu sein. Ich bin einfach immer nur ich selbst gewesen. Und warum sollte ich nicht ab und zu auf der Bühne mein Hemd zerreißen? Dafür habe ich schließlich meine Bauchmuskeln trainiert.

Sie haben als 45-Jähriger also kein Problem damit, immer noch mit dem Schürzenjäger- und Maulhelden-Image Ihrer Jugend zu spielen?

Ein oder zwei anzügliche Videos würde ich heute nicht mehr so drehen wie damals, vor allem aus Rücksicht auf meine Frau. Aber hey, das ist ein Teil von mir – und wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich die Freiheit, die Songs von früher zu spielen.

Die jungen Rapper von heute treten nicht mehr so breitbeinig auf wie Sie früher. Kanye West oder Kendrick Lamar reden in ihren Liedern von den eigenen Unsicherheiten und Fehlschlägen. Wie finden Sie das, als geläuterter Senior?

Ich war doch der erste Rapper, der mit „I Need Love“ ein Liebesgeständnis abgelegt und sein Bedürfnis nach Zuwendung thematisiert hat. Das war 1987 und hat mich ganz schön Überwindung gekostet. Auch für mein neues Album habe ich ein paar extra-romantische Songs aufgenommen. Wenn man im Hip-Hop schon über alles und jedes geprahlt hat, dann muss man eben auch weiterziehen, zu anderen Themen. Ich mag gerade Kendrick Lamar sehr gerne. Trotzdem bleiben für mich die 80er- und 90er-Jahre die goldene Zeit des Hip-Hop. Damals habe ich eine Menge Ehrlichkeit und Herz in der Musik gespürt. Da ging es nicht nur ums Geschäft.

Ihnen geht es nicht ums Geschäft?

Schauen Sie, ich verdiene mit der Schauspielerei wirklich viel Geld. Ich brauche Hip-Hop nicht mehr, um mir Goldketten oder Autos leisten zu können.

Sie haben vier Kinder, Ihre jüngsten Töchter sind zwölf und 17 Jahre alt. Dürfen die alles hören, was Hip-Hop so an Unflätigkeiten bereithält?

Sie meinen die Typen, die fünf Mal „Lutsch meinen Schwanz“ in einem Vers unterbringen? Sie meinen Lil’ Wayne?

Ja, nehmen wir Lil’ Wayne . . . 

. . . Mein Job als Vater ist es, meinen Töchtern das menschliche Fundament zu geben, um solche Dinge einordnen und auf gesunde Weise damit umgehen zu können. Man darf seine Kinder nicht vor allem beschützen. Ohne meine harte Jugend – und verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wünsche niemandem, so von seinem Stiefvater verprügelt zu werden, wie es mir passiert ist – ohne all das hätte ich vielleicht nicht diesen Biss im Leben entwickelt, diesen Ehrgeiz, es allen zu beweisen.

Sie haben mal gesagt, Sie könnten sich nach der Schauspielerei auch noch eine Karriere als Politiker vorstellen.

Das war mal, Mann. Jetzt, wo ich sehe, wie viel Wirbel schon eine lausige Songzeile auslösen kann, ganz egal, welche guten Absichten du hast. . . nein. Nein, Danke!

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 24.4.2013

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