Blind Willie Johnson und Beethoven: Matthew White aus Richmond über Anachronismus und die Entstehung seines Debütalbums „Big Inner“

Der Mann mit dem Rübezahl-Bart, der Zottelmähne und dem epischen Americana-Sound ist die Überraschung des Jahres: Matthew E. White, ein 29-jähriger studierter Jazzer aus Richmond, Virginia, hat ein zeitloses Debütalbum vorgelegt, das mühelos ein halbes Jahrhundert amerikanische Musikgeschichte in Songs gießt, die so klingen, als wären sie schon immer da gewesen. Nun bringt er „Big Inner“ mit großer Besatzung live auf die Bühne.

SZ: Mr. White, Ihr etwas melancholischer, großorchestraler Sound scheint die Kritiker zu fordern. Mal werden Sie mit Spiritualized, mal mit Randy Newman, mal mit Isaac Hayes verglichen. Wie beschreiben Sie selbst Ihre Musik?

White: Da ist überall was Wahres dran. Aber mein Konzept ist vor allem von der brasilianischen Tropicalia-Musik und ihrer Melange aus Folk und klassischer Musik des 20. Jahrhunderts beeinflusst. Mir gefällt daran die Balance von sogenannter Hochkultur und Straßenmusik: Als ob Blind Willie Johnson und Beethoven die selbe Bühne bespielen würden.

Ich hätte eher auf New Orleans und den Südstaaten-Soul getippt.

New Orleans ist neben Brasilien und Jamaika eine meiner großen Inspirationsquellen. Aus New Orleans stammt jedenfalls die Philosophie meiner Big Band: als Individuen zusammen zu swingen. Ich gebe zwar die Arrangements vor, aber jeder Musiker hat die Freiheit, darin seine eigene Stimme zu finden. Wichtig ist dabei die Balance zwischen kompositorischer Strenge und Laissez-faire. Da orientiere ich mich an Vorbildern wie Leon Ware, der „What’s Going On“ für Marvin Gaye arrangierte, an Lee Perry in seiner Black Ark-Periode oder eben dem New Orleans Produzenten Allen Toussaint.

Wie Toussaint machen Sie alles selbst: Sie schreiben ihre Songs, arrangieren und produzieren mit einer Hausband.

Das kann ich mir nur dank Richmond, Virginia, erlauben. Ich hatte das große Glück, hier in dieser Kleinstadt in eine Musiker-Kommune hineinzuwachsen, in der jeder dem anderen aushilft. Das reduziert die Kosten für eine Aufnahme erheblich. Und da ich alles vorher auskomponiert hatte, dauerte es auch nur drei Tage, um „Big Inner“ einzuspielen.

Wobei Sie ja ursprünglich gar nicht vorhatten, ein Album aufzunehmen.

Stimmt! Zuerst war unser Spacebomb getauftes Label und Studio da. Dann fingen wir an, mit der Rhythmus- und Bläsersektion meiner einstigen Avantgarde-Jazzband Fight The Big Bull zu proben, aus der amerikanischen Musikgeschichte unseren eigenen Marken-Sound zu kondensieren. Und erst zum Schluss kam der Gedanke: Warum nicht selbst ein Album herausbringen? Unter meinem Namen? Ich erklärte mich bereit, den Anfang zu machen. Gleichzeitig arbeiten wir gerade an mindestens vier weiteren Werken.

Ist es im Zeitalter von Lo-Fi und Sampling nicht anachronistisch, eine gut 30-köpfige Hausband samt Bläsern und Streichern zu unterhalten.

Vielleicht bin ich etwas altmodisch: Aber ich mag es nicht, Stücke zusammen zu frickeln. Mich begeistert die Art, wie Platten früher aufgenommen wurden: All die Meisterwerke von Stax oder Motown – lebten die nicht immer von einer eingespielten Studiotruppe? Da ging es nie allein um einen Sänger allein, sondern um den organischen Prozess rund um den Gesang.

Und nun wollen Sie ausgerechnet in Richmond diese Legenden wiederbeleben?

Warum nicht? Es war großartig, für „Big Inner“ mit 35 Musikern zu arbeiten, wobei jede Person ihren eigenen Sound ins Studio gebracht hat, um all das zu einer großen Collage zusammenzufügen. Ich nenne es regionale amerikanische Psychedelik.

Anders als beim herkömmlichen Rock’n’Roll und dessen Affinität zum Höllenfeuer beschwören Sie in ihrer Musik immer wieder Jesus und eine christliche – wenn auch durch Zweifel und Todesahnungen gebrochene – Gemeinschaft. Hat das mit Ihrer Kindheit als Sohn zweier Missionare zu tun?

Ich habe vier Jahre meiner Kindheit mit meinen Eltern auf den Philippinen gelebt. Das hat meine Sicht auf unsere amerikanische Überfluss-Gesellschaft geprägt. Genauso wie die Freundlichkeit und die Hilfsbereitschaft in unserer Kirchengemeinde. Natürlich kritisiere ich manches. Aber in der Gospel-Affinität meiner Musik steckt nicht nur meine, sondern die Geschichte vieler Amerikaner meiner Generation.

Ihr Gesang hat etwas Verhaltenes, bisweilen fast Verhuschtes. Würden Sie Ihre Musik dennoch als Soul bezeichnen?

Hätten wir einen schwarzen Sänger in unserer Space Bomb Hausband, dann wäre es ohne Zweifel Soul. Ich selbst hegte nie Ambitionen als Leadsänger. Und ich mache mir auch keine Illusionen, dass jemand mich meiner Stimme wegen engagieren würde. Also passe ich sie auf „Big Inner“ so gut wie möglich in die Arrangements ein und lasse dabei Raum für all den anderen schönen Stoff. Wenn mich jetzt ein paar Leute als Soulmann bezeichnen: Wen stört’s? Tragen wir nicht alle – ob wir es nun wissen oder nicht – den Soul in uns?

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 10.4.2013

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