Wir haben keine Gewehre: Der Gründer des „Festival au Désert“ Manny Ansar über Islamisten, Tuareg und die Kraft der Musik

Vor 13 Jahren gründete Manny Ansar mit einem Kollektiv von Tuareg aus dem Norden Malis das Festival au Desert. Es entwickelte sich bald zu einem der beliebtesten Musikfestivals Afrikas und zum Treffpunkt von Tuareg-Bands und malischen Musikern mit westlichen Musikern, Produzenten und Zuhörern. Nach Drohungen islamischer Fundamentalisten wurde es 2010 von Essakane an den Stadtrand von Timbuktu verlegt. Dieses Jahr soll es nur im Exil stattfinden. Derzeit plant Ansar eine Europatournee im Juli.

SZ: Herr Ansar, die Musikkultur Malis steht im Westen höher im Kurs als je zuvor. Noch im Februar vergangenen Jahres trat Bono in Timbuktu auf. Auch Damon Albarn, Robert Plant von Led Zeppelin oder Manu Chao haben Ihr Festival besucht. Dennoch haben Sie alle Pläne für dieses Jahr abgesagt.

Ansar: Wir hatten geplant, das Festival trotz der Besetzung Nordmalis durch Islamisten auch dieses Jahr auszurichten. Als Friedens-Karawane. Sie sollte vom Süden Mauretaniens nach Süd-Mali, Burkina Faso und Niger ziehen – unter Beteiligung von geflüchteten Musikern aus Nord-Mali. Wir wollten damit ein Zeichen setzen: Niemand kann unsere Musik stoppen. Nun haben wir das ganze abblasen müssen.

Warum?

Die Islamisten hatten nicht nur jede Unterhaltungsmusik und selbst Handy-Klingeltöne verboten. Als sie Timbuktu übernahmen, war eine ihrer ersten Aktionen, unsere Ausrüstung, die Bühnenanlage und Generatoren zu zerstören. Und das große Tor, das den Eintritt zum Festivalgelände markiert, haben sie als Zielscheibe für Schießübungen verwendet. Nun sind sie aber aus den großen Städten des Nordens vertrieben.

Was halten Sie von der Anweisung der malischen Regierung, auf Konzerte in der Sahel-Zone zu verzichten?

Einerseits ist die Gefahr von Entführungen real. Andererseits hat gerade das Festival viel für die Einheit Malis geleistet: Vor seiner Einführung gab es aufgrund der Tuareg-Aufstände der Neunzigerjahre große Animositäten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Mali. Doch dann tanzten Mitglieder aller Ethnien, Männer, Frauen und Kinder zusammen auf den Dünen. Wir Musiker können in Mali unser Volk viel leichter zusammenbringen als die Politiker.

Haben Sie und die Musiker heute Angstum ihr Leben?

In Bamako fühle ich mich relativ sicher. Aber in den Norden, wo meine Tuareg-Verwandtschaft lebt, würde ich momentan nicht reisen. Musiker und Musikveranstalter sind dort immer noch gefährdet. Die Islamisten brachen bei einem Musiker-Freund von mir zu Hause ein, verbrannten alle Musikinstrumente und drohten seiner Frau: Wenn dein Mann noch einmal Musik spielt, hacken wir ihm die Finger ab. Am selben Tag packte er die Koffer und flüchtete in den Niger.

Ist Flucht die einzige Möglichkeit, als malischer Musiker zu überleben ?

Viele malische Musiker haben in den letzten Monaten ihre Stimme gegen die Islamisten erhoben. Wir haben keine Gewehre. Aber wir können sie mit Kultur bekämpfen. Mit Musik. Wenn wir die Islamisten nicht stoppen, überrollen sie irgendwann ganz Afrika. Aber wir müssen mit Racheakten und Selbstmord-Anschlägen rechnen.

Hatte das Festival au Desert denn ursprünglich eine Botschaft?

Anfangs trafen sich die nomadischen Völker rund um Timbuktu auf dem Festival. Später luden wir Musiker, Musikproduzenten, Konzertveranstalter aus aller Welt ein. So wurde das Festival zur Chance für Interessierte aus Afrika, Europa und Amerika mit den Tuareg zusammen zu kommen und zu musizieren. Das half einerseits der Tuaregkultur. Andererseits verschaffte es der heimischen Bevölkerung Jobs und Einkommen. Viele Musiker nutzten uns als Sprungbrett. Bands wie Tamikrest oder Tinariwen die heute weltweit touren, waren vor ihrem Auftritt bei dem Festival bestenfalls lokale Größen.

Inzwischen ist die Tuareg-Musik im Westen angekommen. Aber hat sich die Situation der Tuareg-Minderheit in Mali deswegen verbessert?

Die Tuareg befinden sich in einer schwierigen Situation: Sie sind in den Flüchtlingslagern sehr unglücklich, wollen zurück in ihre Dörfer und dort in Frieden mit ihren Tieren leben. Aber nun haben sie wieder Angst: Weil sie die Rache malischer Soldaten fürchten. Teile der Armee stempeln die Tuareg zu Sündenböcken der Krise ab, dabei war es nur ein sehr kleiner Teil, der sich an dem islamistischen Aufstand beteiligte.

Aber haben die Tuareg diesen Konflikt nicht selbst provoziert, als sie einen eigenen Staat Azawad ausgerufen haben?

Das waren Splittergruppen, die nicht die Mehrheit der Tuareg repräsentieren. Ich persönlich halte nichts von derlei Ideen: Warum einen eigenen Staat ausrufen? Wir leben heute in einer modernen Welt, wo man Konflikte mit Diplomatie, nicht mit Gewehren austragen sollte.

Geht denn auch ein Riss durch die Gemeinschaft der malischen Musiker?

Nein, wir Musiker haben immer über alle ethnischen Grenzen hinweg zusammen gearbeitet, egal ob Tuareg aus dem Norden oder Bambara aus dem Süden. Niemand von uns wollte den Krieg oder die Abtrennung des Nordens. Wir sehen uns viel mehr als Brüder. Alle Malier teilen diese Liebe zur Musik. Wir können uns kein Leben ohne sie vorstellen.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 6.4.2013

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