Opfern für eine größere Sache: RZA, Hip-Hop-Legende und jetzt Martial-Arts-Filmregisseur, über Kung Fu als universale Metapher, den Kampf der Ghetto-Underdogs und die Kraft spiritueller Disziplin

Robert Fitzgerald Diggs aus Brooklyn, besser bekannt unter seinem Künstlernamen RZA, ist der Spiritus rector der legendären Hip-Hop-Formation Wu-Tang Clan, Soundtrack-Bastler für Jim Jarmusch und Quentin Tarantino, Schauspieler für Ridley Scott und andere – und seit Neuestem auch Regisseur. „The Man With The Iron Fists“, mitgeschrieben von Eli Roth und präsentiert von Tarantino, ist inspiriert von den Kung-Fu-Klassikern der siebziger und dem Gangsta-Rap der neunziger Jahre. RZA spielt dabei auch eine der Hauptrollen: Den Schmied in einem chinesischen Dschungeldorf, der spirituelle Energien nutzt, um sich in eine Waffe für den Kampf und für die Erkenntnis zu verwandeln – ein Thema, das im Übrigen sein ganzes Schaffen bestimmt.

SZ: Sie haben als Hip-Hop-Produzent ein paar Jahre lang diktatorisch den Wu-Tang Clan dirigiert. Sind Sie auch als Filmregisseur ein Control-Freak?

RZA: So würde ich mich nicht bezeichnen. Aber ich bin Captain Kirk auf dem „Raumschiff Enterprise“, verstehen Sie? Am Ende steht darunter: Directed by the RZA. Bei den Dreharbeiten in Hongkong habe ich mich an Disziplin selbst überboten. Jeden Tag morgens um acht auf der Matte, wochenlang Sechzehn-Stunden-Schichten – und dabei keinen Krümel Gras geraucht.

Was hat Sie bei den Dreharbeiten am meisten gefordert?

Die Einsamkeit. Ich arbeitete in Hongkong anfangs ohne einen Freund vor Ort – alles war fremd, auf den Straßen kein einziger schwarzer Mensch. Ständig schickte ich Mails: Ich habe die Szene so und so gedreht, in Ordnung? Und dann erst die Post-Produktion. Es ist ja das erste Mal für mich, dass ich das verantworte. Früher haben mich meine Kumpels Jim Jarmusch oder Quentin Tarantino für den Soundtrack hinzugezogen, als diese Arbeit schon abgeschlossen war.

Sie sind also als ziemlicher Laie an den Schnitt dieses 20 Millionen Dollar teuren Filmes gegangen . . .

Dass ich Komponist bin, hat mir enorm geholfen. Ich sehe Bilder und Szenen wie Musikstücke, in Sequenzen. Dann habe ich selbst schon viele Schauspielrollen übernommen. Und als Musik- und Videoproduzent bin ich auch mit dem Prozess im Schneideraum vertraut. Die Samplelogik gleicht sich: In die Musik des Wu-Tang Clans habe ich Kung-Fu-Soundtracks geschnitten. Nun lasse ich Russell Crowe ein paar Szenen spielen, die meinen verstorbenen Rap-Cousin Old Dirty Bastard zitieren.

Mit Russell Crowe, Lucy Liu und Pam Grier haben Sie Ihre Wunschbesetzung aus Hollywood mitgebracht. Dass Sie als Film-Anfänger gleich große Namen für sich gewinnen konnten – spricht das für Ihren Stand in der Filmindustrie?

Meine Filmkarriere fing damit an, dass Jim Jarmusch sich als Wu-Tang-Fan geoutet hat. Wir beide kauften unser Gras vom selben Dealer, der hat uns dann zusammengebracht. Jarmusch sagte mir, er würde oft tagelang nur meine Musik hören, und ich sollte den Soundtrack für einen Film schreiben, den er gerade in der Mache hatte. Das war „Ghost Dog“.

Anschließend sind Sie bei Quentin Tarantino in die Lehre gegangen.

Wir haben angefangen, zusammen Kung- Fu-Filme anzuschauen. Jeder von uns versuchte, den anderen mit seinem Wissen zu übertrumpfen. Irgendwann fragte ich ihn: Quentin, willst du mein Lehrer sein? Er nahm an. Sechs Jahre lang hing ich regelmäßig in seinem Haus ab, schaute durch die Linse seiner Kamera. Viele Musiker – von den Wu-Tang-Rappern bis Kanye West – nennen mich ihren Lehrer. Aber ein guter Lehrer bleibt immer auch ein Schüler.

Ihr Umfeld reagierte skeptisch, als Sie Ihre erfolgreiche Musikproduzentenkarriere für Ihre Filmleidenschaft niederlegten. Haben Sie die Entscheidung einmal bereut?

Nein, schließlich sind die Früchte meiner Arbeit mit dem Wu-Tang Clan ziemlich unerwarteterweise in den Film eingeflossen. Ich hatte einen chinesischen Schauspieler namens Daniel Wu engagiert: In China ist er ein Superstar, wo auch immer wir ankamen: Alle Frauen drehten sich nach ihm um. Er erklärte mir am Set, wie sehr er in seiner Jugend in Amerika vom Wu-Tang- Clan profitiert hatte. Lange sei er als Asiate ziemlich geringschätzig behandelt worden. Erst mit dem Wu-Tang Clan sei sein Name Wu plötzlich cool geworden. Und das ist noch längst nicht die einzige Verbindung: Kennen Sie das Intro in der Wu-Tang-Nummer „Wu Tang Clan Ain’t Nothing To Fuck With“? „Tigerstyle . . .“ Das ist natürlich aus einem alten Kung-Fu- Film. Ich habe den Hauptdarsteller ausfindig gemacht, und jetzt spielt er in meinem Film mit. Allerdings nicht als der Master Killer, der er mal war. Sondern als weiser alter Mann.

Für den Wu-Tang Clan sampelten Sie alte Kung-Fu-Soundtracks, diese Filme spielen auch in Ihren Büchern und Raps eine große Rolle. Was hat Sie daran so angezogen?

Die Brüderschaft! Die Kung-Fu-Helden stellten das eigene Ich zurück, opferten sich für ihre Verwandten oder Glaubensbrüder, für eine größere Sache. So etwas kannte ich nicht aus dem amerikanischen Kino. Manche Kung-Fu-Filme haben mich und meine Wu-Tang-Kumpels zu Tränen gerührt – nachher adaptierten wir einige der Charaktere, die wir auf der Leinwand gesehen hatten . . .

Kung Fu als universale Metapher für die Verbrüderung der Underdogs?

Richtig, wir erkannten da zum ersten Mal: Unterdrückung existierte nicht nur im schwarzen Amerika. Da war zum Beispiel diese Schlüsselszene, in der ein paar Japaner Bruce Lee unmissverständlich klarmachten: Chinesen und Hunde sind bei uns nicht erlaubt.

Sie haben schon als Jugendlicher den Schulunterricht geschwänzt, um mit ihren Cousins Old Dirty Bastard und Ghostface Killah Kung-Fu-Filme zu gucken . . .

Natürlich waren wir zuerst vom Kampf-Aspekt angezogen. Bruce Lee durch den Raum wirbeln zu sehen, törnte mich an wie ein Soft-Porno. Später habe ich in New York einen chinesischen Shaolin-Mönch getroffen, der mich dann unterrichtete.

Sie betreiben nun seit 20 Jahren asiatischen Kampfsport, wird da der geistige Aspekt nicht irgendwann wichtiger als der körperliche?

Auf jeden Fall. Als Kung-Fu-Meister kämpfe ich kaum jemals physisch, ich beachte vielmehr diese Prinzipien für mein ganzes Leben. Die meisten Schüler lernen nur den Kampfsport und vernachlässigen die geistige Seite. Aber das widerspricht der Moral der meisten Kung-Fu-Filme, die genau davor warnen – dass die Bösewichte ihr Können nur zum Töten einsetzen wollen, dass junge Studenten auf physische Weise nach Rache streben. Nehmen Sie nur einen Kung-Fu-Klassiker wie „The 36 Chambers of Shaolin“. Die Szene, die mich einst so beeindruckte und letztlich die ganze Philosophie des Wu-Tang Clan begründete, war bestenfalls eine Minute lang: Ein junger Mönch trifft auf seine Meister: Er will kämpfen, für sie aber zählt allein die geistige Haltung. Dieser kurze Ausschnitt inspirierte mich dazu, Buddha und die Bibel zu lesen.

Und Bruce Lee?

Den habe ich immer mehr als Philosophen betrachtet: In einer Szene sagt er einem Schüler, als er auf den Mond deutet: ,Schau nicht auf meinen Finger – du verpasst das himmlische Schauspiel dahinter.‘ Oder: ,Ertrinke im Teich und werde wie das Wasser.‘ Das waren Sätze, die bei mir hängen blieben. Das gilt auch für „The Man With The Iron Fists“: Was auch immer im Schneideraum passierte, es gab da ein paar Zeilen Philosophie, die blieben unantastbar.

Ist die Moral Ihres Films nach tausend ähnlich gelagerten Kung-Fu-Plots nicht etwas vorhersehbar?

Für mich liegt die Moral nicht so sehr in der Storyline. Sondern in dem Umstand, dass ich überhaupt die Chance habe, einen Kung-Fu-Film zu drehen. Stellen Sie sich den Teenager vor, der die Schule schwänzt und sein Taschengeld spart, um in eines dieser Schmuddel-Kinos in der 42. Straße in New York zu gehen. Und wenn ich dann mangels Busgeld zwei Meilen zu Fuß zu meiner High School marschierte, hatte ich immer dieselbe Vision: Wie ich mal einen eigenen Kung-Fu-Film drehen würde. Die meisten Leute haben gesagt: ,Träum nicht so viel‘. Jetzt kann ich sagen: ,Falsch, ich zahle es dem Kung-Fu-Kino heim‘.

So sehr, dass es in einem chinesischen Dorf des 19. Jahrhunderts sogar einen schwarzen Dorfschmied geben kann . . . Warum nicht? Wir beide – der Dorfschmied und ich – teilen einen tiefen Wissensdurst. Wenn Sie wollen, hat auch das chinesische Dorf der Filmstory einiges mit den Sozialwohnungs-Blocks meiner Jugend in Staten Island gemeinsam. Die Gangs, die Kämpfe, das Gefühl verloren zu sein. Metaphorisch gesehen ist es eine weitere Ghetto-Story.

Sie thematisieren in Ihrer Musik wie in Ihrem Film immer wieder das Thema Selbstlosigkeit. Aber sind Hip-Hop wie Kung-Fu-Kino nicht stets auch Bühnen für Selbstdarsteller?

Sprechen wir lieber von Erdung: Mich hatte mal ein Haufen Gangsterrapper als Produzent gebucht. Ich fuhr mit ihnen zu meinem Berg-Camp in den Los Angeles Mountains hinaus: Bevor wir ins Studio gehen, sagte ich, möchte ich, dass ihr mit mir die Beete umgrabt und Holz hackt. Sie haben natürlich gemault: ,Hast du keine Mexikaner für diese Arbeit?‘ Ich aber blieb dabei: ,Wir müssen uns erst in die richtige Geistesverfassung bringen.‘

Welche Rolle spielt denn der Soundtrack in Ihrem Film? Immerhin konnten Sie einen der bedeutendsten Hip-Hop-Produzenten der Gegenwart für den Job gewinnen: sich selbst.

Ich wollte diesen Aspekt ursprünglich – in Umkehrung unserer alten Rollen – meinem Freund Quentin Tarantino anvertrauen. Aber dann hatte er wegen seines eigenen Films keine Zeit – RZA, mach du das lieber! Es gibt da ein paar alte Soulnummern und Wu-Tang-Klassiker, die mir während der Drehbucharbeiten durch den Kopf geisterten. Die habe ich nun für den Film neu arrangiert.

Das ist doch eine gute Nachricht!

Verdammt, ja. Jeder sieht das so, Quentin, meine Filmfirma, meine Produzenten.
INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 1.12.2012

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