Die personifizierte Masslosigkeit: Die Wiederentdeckung des brasilianischen Exzentrikers, Lebemanns und Soul-Crooners Tim Maia

Der brasilianische Soul-Crooner Tim Maia zählte in den siebziger Jahren zu den Innovatoren der brasilianischen Pop-Musik. Nun erscheint auf dem World-Music-Label Luaka Bop eine Reissue-Kollektion mit Aufnahmen des 1998 verstorbenen Talents.

Von Jonathan Fischer

Zehn Jahre und viele Lizenzkämpfe hat David Byrnes Plattenfirma Luaka Bop gebraucht, um die Kollektion «Tim Maia – Nobody Lives Forever» auf den Markt zu bringen. Aber hätte man etwas anderes von dem Nachlass eines der schwierigsten und grössten Talente der brasilianischen Musik erwarten dürfen? Denn Tim Maia war schon zeitlebens vor allem eines: die personifizierte Masslosigkeit. Oder um es positiv zu betrachten: ein in allen Dingen überschwänglicher Pop-Alchimist. Sagenumwoben bleibt nicht nur Tim Maias Körperfülle, sein unersättlicher Appetit nach Drogen, fleischlichen und spirituellen Genüssen, sein wankelmütiger Umgang mit Konzertterminen (er liess selbst wichtige Auftritte sausen) und seiner Plattenfirma (an deren Angestellte er einmal hundert Tütchen LSD verteilte).

Innovator

Legendärer noch ist sein Aufstieg zum Innovator der brasilianischen Musik Anfang der siebziger Jahre. Ohne Maia wäre weder die politisch-kulturelle Black-Rio-Bewegung noch die Fusion von amerikanischem Soul und Funk mit den brasilianischen Bossa-nova- und Tropicália-Moden denkbar gewesen. Er blieb drei Jahrzehnte lang – bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1998 – einer der populärsten Sänger des Landes. Maias Einfluss wirkt bis heute nach: Nicht nur dreht sich eines der erfolgreichsten brasilianischen Musicals der vergangenen Jahre um sein wildes und kreatives Leben, auch ein Film über ihn ist in Entstehung, während jüngere Stars wie Seu Jorge oder der Rapper Marcelo D2 Tim Maias Fusion für die Nachgeborenen auffrischen.

Brasilianer in New York

Der Mann bleibt einfach unwiderstehlich. Man stelle sich einen brasilianischen Elvis vor: Elefanten-Präsenz, wuchtige Stimme, XXL-Pop-Appeal. Und dann lasse man ihn über Ufos, Sex und Frieden singen. Umso ungeheuerlicher, dass der Name Tim Maia – trotz Auszeichnung als «grösster brasilianischer Sänger aller Zeiten» durch den «Rolling Stone» – jenseits des portugiesischsprachigen Südamerika meist nur Schulterzucken auslöst. Vielleicht weil er so schwer einzuordnen ist. Tim Maia singt bald englisch, bald portugiesisch. Der Musiker hat das Etikett «psychedelisch» vor allem als zeitweiliger Anhänger einer nach Ausserirdischen spähenden Sekte verdient. Und wo Kollegen brasilianische Musik als gut verkäufliche Exotik verpackten, zeigten Maias Songs offen die Verehrung für afroamerikanische Kollegen wie Sly Stone, die Isley Brothers oder Curtis Mayfield. Er spielte Pingpong mit den Pop-Moden beider Amerikas.

Die Lebensgeschichte des Sebastião Rodrigues Maia hatte ihn für diese Mission prädestiniert: Der Bub aus den nördlichen Vororten von Rio de Janeiro, zweitjüngstes von 19 Geschwistern, hatte bereits im Alter von acht Jahren begonnen, Songs zu schreiben. Mit vierzehn spielte er Schlagzeug. Später lernte er Gitarre und gründete sechzehnjährig die Band The Sputniks, die 1958 selbst im brasilianischen Fernsehen auftrat. Das Jahr darauf zog er in die Vereinigten Staaten. Offiziell um Kommunikationswissenschaften zu studieren. Tatsächlich aber, um sich als Sänger und Kleindealer ohne Aufenthaltsgenehmigung durch die Musikklubs New Yorks zu schlagen. Als er 1963 Marihuana rauchend in einem gestohlenen Wagen erwischt wurde, deportierte man ihn nach sechs Monaten Haft zurück nach Brasilien. Dort begann er zusammenzumischen, was für seine Ohren zusammengehörte: die populäre romantische brasilianische Musik und Funk, Soul, Disco aus New York.

Maias enorme Stimme zog auf Anhieb die Massen an. Dabei verströmte er bei aller Wucht immer etwas Sanftes, fast Entrücktes und vermochte körperliche Liebe mit blumigen Versprechungen einer besseren Welt zu verzieren. Gesanglich bezieht sich Maia weniger auf Gospel, vielmehr entwickelte er über grossorchestrale Funk-Arrangements einen Charme, der Sex und spirituelle Selbstbefreiung suggeriert. Als ob Barry White in Brasilien zur Hippie-Gegenkultur gestossen wäre.

In seiner Heimat füllte Tim Maia mit dieser Melange Fussballstadien. Er produzierte 32 Alben in 28 Jahren. Und brachte Soul-Musik aus Amerika dauerhaft in den Mainstream des Landes ein. «Tim war der Big Bang, der die Szene komplett revolutionierte, als er Anfang der siebziger Jahre ankam», sagt Nelson Motta, ein Plattenproduzent und Autor eines brasilianischen Bestsellers über Tim Maia. «Er nahm das schwarze amerikanische Ding und mischte es mit brasilianischen Formen wie Samba, Baião und Xaxado und hob damit eine neue Richtung brasilianischen Pops aus der Taufe: die der urbanen schwarzen Musik.»

Sein Stil – das zeigt die neue Luaka-Bop-Compilation – hat in den letzten dreissig Jahren nichts von seinem Appeal verloren: Bläser, Fuzz-Gitarren, Hammond B3 und ein entspannter Back-Beat finden sich da bald in glühenden Soul-Balladen, bald im Mid-Tempo-Funk zusammen. Wie etwa das hymnische «Que Beleza»: ein Stück aus Maias künstlerischem Zenit Mitte der siebziger Jahre, das er lediglich auf einem kleinen Privatlabel veröffentlichte.

Interplanetare Esoterik

Damals kündigte er seine Konzerte als Werbeveranstaltungen für eine Ufo-Sekte an und besang deren Bücher in seinen Songs so leidenschaftlich wie R’n’B-Sänger sonst ihre Seidenlaken. Maias Popularität konnte die interplanetare Esoterik nichts anhaben. Im Gegenteil: Was taugt ein Pop-Star ohne exzentrische Macken? Zumal Maia noch eine ganz andere, eine politische Seite entfaltete. Denn erst mit dem Afro tragenden Soulman bekam die Black-Rio-Bewegung – Brasiliens Äquivalent zu Black Power – ihre Schlagkraft: als auch Bands wie Banda Black Rio seinen Stil übernahmen, die Jugendlichen an Tim-Maia-Konzerten die Fäuste zum Bruder-Gruss erhoben und das weisse Militärregime alarmiert auf die Zeichen wachsenden schwarzen Selbstbewusstseins zu reagieren begann.

Insofern leistet die Luaka-Bop-Kollektion mehr als nur gute Dienste für DJ. Sie holt ein Stück brasilianische Geschichte ins Bewusstsein zurück.

Tim Maia: World Psychedelic Classics Vol. 4 – The Existential Soul of Tim Maia: Nobody Can Live Forever (Luaka Bop).

NZZ 28.12.2012

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