Die hipsten Rattenfänger des Planeten Der Afrobeat pulsiert heute in New York: Das Brooklyner Kollektiv Antibalas changiert zwischen Fela Kuti, Hiphop und globaler Protestmusik.

Nirgendwo leben wohl mehr Hipster auf einem Haufen als in Williamsburg. Ein Konzert in dem von Medienmachern, Künstlern und Musikern frequentierten Bohème-Viertel von Brooklyn bedeutet immer auch eine Nagelprobe für die eigene Hipness – wie auch die Chance, die Popmusik mit neuen Klangfarben und Rhythmen voranzutreiben. So jedenfalls lautet die selbstgestellte Mission von Antibalas. Hätte Miles Davis nicht schon vor drei Jahrzehnten behauptet, der Afrobeat sei die Musik der Zukunft, würde es wohl schnell jedem klar, der heute die zwölfköpfige Formation aus Brooklyn hört.

An einem milden Abend im Williamsburg Park – noch vor dem Hurrikan Sandy – haben sich gut zehntausend Zuschauer mit Decken und Klappstühlen auf dem ehemaligen Parkplatz am East River eingefunden. Der Duft von Marihuana liegt in der Luft. Vollbärtige Typen und Frauen in Patchwork-Kleidern stehen für Zen-Burger oder „Big-Gay“-Eiscreme an, andere Stände verkaufen grünen Tee oder bewerben Bürgerinitiativen. Sobald die sechs Antibalas-Bläser auf der Bühne das erste schmutzige Riff anblasen, geht eine sanfte Bewegung durch die Menge. Der Afrobeat hämmert nicht, sondern wirkt wie eine unterstützende Sprungfeder. Hüftschwung und Wiegeschritt – auch auf der Bühne: Schlagzeuger und Conga-Spieler treiben ihre gegenläufigen Rhythmen voran, eine psychedelische Orgel verzahnt sich mit dem Beat, während die Gitarren ihren funky „Chicken-Scratch“ unterlegen. Das mag man so schon mal bei Fela Kuti gehört haben. Aber diese dicken Bässe? Und die so dicht wie Hiphop-Samples gestaffelten Riffs? Was bei dem nigerianischen Afrobeat-Gründer einst in zwanzigminütigen Jams dahinplätscherte, komprimieren seine Jünger aus Brooklyn auf kompakte fünf bis sechs Minuten. Entsprechend schieben die Rhythmen! Bisweilen wirkt es, als würden die Antibalas-Musiker einen Druckkochtopf notdürftig unter Verschluss halten, mit ihren Riffs die Energie gerade mal so im Zaum halten – bevor das Raumschiff abhebt und ganz Williamsburg auf eine neue Bewusstseinsstufe hievt, in die Afrosphäre schießt. Schließlich ist der Afrobeat heute längst ein globales Leitmedium des Protests. Wenn Fela Kuti noch gegen das korrupte Militärregime in seinem eigenen Land ansang, hat heute jede westliche Großstadt ihre Afrobeat-Combo.

Wenngleich der amerikanisch-nigerianische Sänger Abraham Amayo bisweilen ein paar Brocken Yoruba in seine englischen Texte mischt, dringt die politische Botschaft doch unmissverständlich durch: „Him no go catch the rat / Him no get security“, chantet er den Refrain des neuen Stücks „The Rat Catcher“. Es geht um einen Rattenfänger: Der baut immer größere, perfektere Fallen, doch er fängt nur Katzen, Hunde oder Eichhörnchen, während die Ratten sich munter vermehren. Die Parallelen zur amerikanischen Sicherheits-Paranoia, dem Kampf gegen das Bedrohliche und Fremde, das verstehen hier alle.

Bei Antibalas spielen Musiker asiatischer, lateinamerikanischer, angelsächsischer und afrikanischer Herkunft. Als die Gruppe, deren Name der spanische Ausdruck für „schusssicher“ ist, sich vor fünfzehn Jahren gründete, war nach Ansicht des Bandleaders Martin Perna die Sozialkritik im Hiphop und alternativen Rock so gut wie verstummt. „Wir aber wollten Musik für die Front machen. Und was lag da näher, als weiterzumachen, wo Fela Kuti einst aufhörte?“

1997 schien Afrobeat so gut wie vollständig von der Szene verschwunden. Mit Ausnahme von Kutis Sohn Femi führten allein Antibalas das Erbe dieses großartigen Musik-Bastards fort. Perna hatte zuvor jahrelang bei den Dap-Kings – der Begleitband von Sharon Jones und später auch Amy Winehouse – mitgespielt, doch in dieser geschlossenen Welt des alten Soul und Funk fehlte ihm etwas. „Ich selbst bin mexikanischer Herkunft, und habe in Kuba Querflöte studiert“, sagt der Antibalas-Saxophonist. „In diesen Gesellschaften dient Musik eher als soziales Bindemittel – während man sich im Westen gerne Identität über Abgrenzung sucht“. Pernas Weltoffenheit beschränkt sich nicht auf die Musik: Er hat Lehmarchitektur bei einem iranischen Professor studiert, praktiziert in einer Santeria-Gemeinde und betreibt nebenbei Gartenbau, um seine Familie so weit wie möglich selbst zu versorgen. Mit Antibalas, sagt er, sollten verschiedene Welten zusammen finden. Afrobeat und Salsa, Soul, Hiphop und karibischer Funk. Frühen Alben wie „Talkativ“ und „Who Is This America“ hört man diesen Anspruch an. Am experimentellsten klingt das 2007 von John McEntire (Tortoise) produzierte Opus „Security“ mit seinen Jazzrock- und Electro-Anwandlungen.

Nun geht die Reise wieder zurück: Das neue, schlicht selbstbetitelte Album „Antibalas“ wurde wieder auf Daptone Records veröffentlicht und gleicht eher einer Forschungsreise in die große Afrobeat-Tradition. „Wir haben innerhalb der traditionellen Grammatik eine Menge Freiheit entdeckt. Zwischen 80 und 180 Beats per Minute, einem Sechsachtel- und einem Viervierteltakt lassen sich jede Menge neue Texturen finden“, sagt Perna. Stücke wie „Dirty Money“ schaffen es mühelos, Protestbotschaft und elektrisierende Rhythmuswalze zu verbinden.

Schon seit Jahren sind Martin Perna und Kollegen vielgefragte Studiogäste: etwa auf Alben von TV On The Radio. Selbst die Hiphop-Szene schätzt das Brooklyner Kollektiv und rekrutiert daraus gern Live-Musiker. Zwar verdienen Antibalas noch immer nicht genug, um allein von ihrer Band zu leben. Dennoch haben sie es geschafft, dass Afrobeat nicht mehr nur mit nigerianischen Musikern wie Tony Allen und Fela Kuti assoziiert wird. Perna sieht im Afrobeat eine „globale hybride Musik“, die “ zur DNA der amerikanischen Großstadt gehört“. Jedenfalls ließen sich die Parolen der Occupy-Bewegung, all die Rattenfänger- und Schmutzgeld-Fabeln noch nie so gut tanzen wie zu diesem Album. Selbst Moral kann manchmal verdammt sexy klingen.
JONATHAN FISCHER
FAZ 17.11.2012

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