Land der Gewinner: Der Drehbuchautor David Simon über Großstädte, das Ende des Rassismus und die Kultur der Armut in Amerika

Kaum ein Autor hat die amerikanischen Städte so gut verstanden wie der Drehbuchautor David Simon. In der Serie „The Wire“ beschrieb er am Beispiel Baltimore den Niedergang der amerikanischen „Inner City“. In „Treme“ erzählt er die Geschichte von der Wiedergeburt New Orleans’ nach den Verwüstungen des Hurrikans Katrina . Beide Serien stehen für Entwicklungen, die sich in jeder amerikanischen Großstadt finden. Und nach dem Hurrikan Sandy hat gerade die Wiederaufbaugeschichte von „Treme“ eine beunruhigend aktuelle Bedeutung.

SZ: Sind die optimistischen Erzählungen vom Neuanfang im New Orleans nach „Katrina“ in „Treme“ ein Bruch mit Ihren Langzeitrecherchen bei der Polizei und den Drogenhändlern von Baltimore für Ihre Bücher und „The Wire“?

David Simon: „Treme“ ist eigentlich die logische Ergänzung zu „The Wire“. Es geht darum, was die amerikanische Stadt leisten kann. Und ihr Potenzial als Schmelztiegel. In New Orleans hat die Unterschicht einen Gemeinsinn über alle ethnischen Grenzen hinweg entwickelt, aus dem einst die größte kulturelle Errungenschaft Amerikas hervorging: der Jazz. Er wäre nicht ohne die Weißen und ihre europäischen Instrumente passiert und nicht ohne die trommelnden Sklaven auf dem Congo Square mit ihren pentatonischen Melodien.

Hat sich in New Orleans nach „Katrina“ nicht auch ein kräftiger Pessimismus gehalten?

Sicher. Die Politik der Bush-Regierung wirkt bis heute. Nach Katrina kam die Hilfe nur zögerlich. Einige republikanische Politiker wollten die Stadt sogar ganz aufgeben und nicht wieder aufbauen lassen. Nicht zuletzt, weil sie mehrheitlich schwarz und demokratisch war, eine liberale Insel in einem sehr konservativen Staat. In der Folge ist die Stadt nun seit Katrina viel weißer geworden. Und sie wählt zuverlässiger republikanisch.

Kann man so eine demografische Veränderung in so kurzer Zeit denn steuern?

Die Stadt ließ die Sozialwohnungsblocks schleifen, um dem Drogengeschäft Herr zu werden. Angeblich – nach dem Abriss stieg die Kriminalität nämlich an. Aber es wird viel für das wirtschaftliche Wachstum getan. New Orleans ist eigentlich arm und hat wie viele der amerikanischen Großstädte aus der zweiten Reihe ein riesiges Drogen- und Gewaltproblem. Doch je mehr Mittelstand dorthin zieht, desto besser für die städtischen Steuereinnahmen. Also werden die Armen vertrieben. Auch wenn es eigentlich die Grundlage einer zivilisierten Gesellschaft sein sollte, die Ursachen der Armut anzugehen.

Das ist ja auch eines der Leitmotive von „Treme“: Dass die einfachen Leute vergeblich auf Hilfe von oben warten. Hat Ihre Fernsehserie der Straßenkultur von New Orleans in Amerika eine gewisse Anerkennung verschafft?

Ich bin kein Missionar. Diejenigen, die New Orleans lieben, lieben es. Diejenigen, die die ewige Party auf den Straßen hassen, hassen sie noch immer. Diese Stadt spaltet Amerika. Weil sie uns mit unserer Angst vor dem Fremden konfrontiert.

Kann man das in Amerika denn so klar definieren – das Fremde?

Die Angst vor dem anderen hat schon zu vielen Massenmorden in der amerikanischen Geschichte geführt. Und ich bezeichne den sogenannten Krieg gegen die Drogen mit seinen Zehntausenden Toten und Millionen gewaltlosen Kleindealern, die unsere Gefängnisse füllen, als Genozid. Die armen Schwarzen in den Inner Citys sind Überschuss-Amerikaner. Unsere Wirtschaft braucht sie nicht mehr. Deshalb sollen sie verschwinden.

Aber hat nicht die Wahl Obamas zum Präsidenten gezeigt, dass ein überwiegender Teil der Amerikaner den alten Rassismus hinter sich gelassen hat?

Die große Mehrheit der Amerikaner entwickelt eine Art Farbenblindheit. Und das ist gut so. Für mich war es selbstverständlich, in eine Schule mit 20 Prozent Angehörigen von Minderheiten zu gehen. Wir waren überzeugt, dass wir uns zu einer immer besseren, toleranteren Gesellschaft entwickeln. Tatsächlich hat dieses Land seit meiner Jugend die schlimmsten rassistischen Exzesse und Animositäten überwunden.

Heißt das, der Klassenkampf hat sich vom Rassismus abgelöst?

Ja, deswegen können wir uns jetzt als Gesellschaft moralisch erst einmal besser fühlen. Oder wie die Republikaner auf ihrem Parteitag auch ein paar braune und schwarze Gesichter um uns scharen und gemeinsam auf die Armen schimpfen: Sind doch selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit und Kriminalität!

Viele der einstigen Obama-Wähler waren enttäuscht, weil er angeblich nicht genug für die Armen getan hat. Sehen Sie eine Perspektive für die amerikanische Unterschicht?

In Amerika reden wir immer über die Gewinner. Niemand redet über diejenigen, die es nicht geschafft haben. Aber es muss auch Platz in Amerika für diejenigen geben, die keine Gewinner sind. Die nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben.

Das klingt nach klassischer Kapitalismuskritik.

Ich habe überhaupt nichts gegen den Kapitalismus. Er ist das einzige System, das bisher dazu in der Lage war, Wohlstand für die Massen zu schaffen. Nur sollte er im Dienste gesellschaftlicher Gerechtigkeit bestimmte Rahmenbedingungen erfüllen. Schließlich war das auch mal Teil des Mythos: Wenn du dich an die Regeln hältst, wirst du vielleicht nicht reich, aber du wirst genug zum Leben haben. Vielleicht kannst du dir keine Reservierung in einem Edelrestaurant leisten, aber für eine Pizza reicht es. Und am Ende der Woche hast du etwas Geld übrig und musst dich nicht vor der Mietzahlung fürchten. Dieses Versprechen gilt heute nicht mehr.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ, 6.11.2012

In Deutschland laufen „ The Wire “ und „ Treme “ derzeit auf Sky Atlantic. Die fünfte Staffel von „The Wire“ erscheint am 9. November als deutsche DVD.

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