Globale Endlosschleife: Der 71-jährige Meistertrommler Tony Allen trägt den Afrobeat in die Pop-Welt hinaus

Tony Allen braucht keine grossartige Gerätschaft. Ein zerbeultes Drum-Set, geliehen aus einer benachbarten Kirche – das reichte etwa 2007 in Kinshasa, um den transatlantischen Jam «Africa Express» zu retten. Mit von der Partie waren damals Gitarristen und Fingerklavier-Spieler aus dem Kongo sowie ein halbes Dutzend westlicher Rock- und Hip-Hop-Musiker. Und als Mastermind: Blur-Sänger Damon Albarn. Zunächst tönte es nach einem Desaster; im Sound-Clash machte es den Anschein, als fänden die Musiker nie zu einer gemeinsamen Sprache – bis sich Allen zu ihnen setzte. Mit Lässigkeit liess er seine Sticks tanzen. Und so geschickt nahm er Impulse seiner Mitspieler auf, dass es bald tönte, als ob zwei weitere Schlagzeuger über dem Grund-Beat improvisierten. Egal, dass der Strom immer wieder ausfiel. Egal auch, dass das Drum-Set repariert werden musste. Allen setzte seinen Kurs seelenruhig fort, schnürte die unterschiedlichen Sounds förmlich zusammen mit Endlosschleifen, minimalen Verschiebungen und den energischen Doppelschlägen seiner Bass-Drum: B-boom, B-boom, B-boom.

Rhythmische Verschiebungen

Nun erscheint eine Platte, die ausschliesslich den Breaks von Tony Allen gewidmet ist: «The Original Afrobeat Patterns Recorded By The Master Drummer Tony Allen». Produziert von den Afrobeat-Makers, nimmt es die raffinierten Rhythmusverschiebungen des Afrobeat-Erfinders unter die Lupe. Es seziert und exponiert Allens hohe Kunst auf Albumlänge. Brian Eno hatte Tony Allen einmal den «wichtigsten Musiker der letzten 50 Jahre» genannt. Miles Davis pries in seiner Autobiografie Allens ureigenen Rhythmus, den Afrobeat, als «Musik der Zukunft». Und kaum ein Kollege, der nicht eine Anekdote über die technischen Fähigkeiten des einstigen Fela-Kuti-Schlagzeugers beizutragen hätte: «Ich spiele», hat Allen behauptet, «das gleiche Pattern niemals zweimal. Warum auch, wenn es so viele Variationen gibt?»

Nicht weniger wichtig als Allens Originalität und Virtuosität ist seine kulturelle Übersetzungsarbeit. «Tony Allen got me dancing», sang Damon Albarn 2000 in einem Blur-Song. Die Zeile hatte Folgen. Nicht nur für Albarns und Allen – für die westliche Pop-Musik insgesamt. Dank dem musikalischen Import-Export-Geschäft galten Metropolen wie Lagos, Kinshasa und Addis Abeba bald als cool. Afrika verschwand aus der verstaubten Weltmusik-Schublade, um auf der Must-Liste der Hipster wieder aufzutauchen.

Globaler Afrobeat

Und Tony Allen? Er trommelte, als wäre nichts geschehen, weiter seine Beats, freute sich, dass sein handgemachter Rhythmus technoide Experimente mit Hip-Hop-Produzenten wie Danger Mouse, Doctor L oder der Berliner Dub-Techno-Koryphäe Mark Ernestus inspirierte. Er hatte es vorausgesagt: Dass der Westen – wie gewohnt mit einiger Zeitverzögerung – irgendwann entdecken würde, was afrikanische Musiker bereits in den siebziger Jahren erfunden hatten. Nun schwören junge Indie-Rock-Bands plötzlich auf den Sound alter Fela-Kuti-Platten. Losgelöst von seinen Ursprüngen in Nigeria, fasst der Afrobeat heute in sämtlichen westlichen Metropolen Fuss. Dafür sorgen Karl Hector und die Malcouns in München, die Heliocentrics in London oder Antibalas in Brooklyn. Und Damon Albarn schafft immer wieder neue Crossover-Projekte. Zuletzt «Rocket Juice & The Moon». Tony Allen sitzt auch hier – wie bei den Gorillaz oder bei «The Good, The Bad & The Queen» – am Schlagzeug.

Kein Wunder, dass Allen mehr Angebote bekommt, als er in drei Leben bewältigen könnte: Der Mann baut unglaubliche Startrampen. Er tippelt, zischelt und schlägt genial vertrackt und treibt selbst plumpe Mitmusiker in die Weiten des Afro-Space-Funk hinaus. Bis heute beherrscht niemand so wie er die Fusion afrikanischer und afroamerikanischer Musikformen. «Afrobeat», sagt der 71-jährige Nigerianer, «bedeutet, Grenzen einzureissen. Aber eben nicht durch Vereinfachung. Sondern durch Komplexität.» Gerade heute, da Techno und House um den menschlichen Faktor, die minimale Abweichung innerhalb ihrer Rhythmus-Loops ringen, steht Allens Kunst höher im Kurs denn je. Seine Beats formen den Puls eines modernen Funk.

Allen hatte als Jugendlicher Aufnahmen von Max Roach, Art Blakey und dem ghanesischen Drummer Guy Warren studiert und sich dank Anleitung des Jazzmagazins «Downbeat» das Spielen auf dem Hi-Hat-Spiel beigebracht – noch bevor ihn dann Fela Kuti hörte: «Wie kommt es, dass du der Einzige in Nigeria bist, der Jazz und Highlife spielen kann?» Allen und Kuti schöpften aus Bands wie Koola Lobitos und später Africa 70 aus einem gewaltigen Musikpool: dem Afro-Atlantik. Ihr Gemisch amerikanischer und afrikanischer Pop-Spielarten aber sollte erst nach einer Tour durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1969 richtig zünden. Black Power, Free Jazz, Funk: Mit revolutionären Ideen im Gepäck kehrten sie nach Lagos zurück, wo Kutis Texte sich zum Politischen wendeten, während Keyboards, Bläser und Gesänge fortan einem elektrifizierten Call-And-Response-Muster folgten. Dirigent und Motor des neuen Sounds aber war Tony Allen. Am Ende führten menschliche Faktoren jedoch zum Bruch. 1978 verliess Allen Kutis Band.

Immun gegen Verkrustungen

1984 siedelte er nach London um, lebte dort als Illegaler und fand erst nach einem weiteren Umzug nach Paris wieder ins Geschäft: King Sunny Ade, Manu Dibango, Charlotte Gainsbourg und Grace Jones engagierten ihn. Anders als sein Ex-Arbeitgeber, der Afrobeat vor allem als politisches Vehikel betrachtete, ging es Allen um das musikalische Potenzial: um eine artistische Sprache. Allens elliptische, in ewiger Vorwärtsbewegung den Beat umtänzelnde Shuffles konnten offensichtlich spielend Dub-, Elektro- und Hip-Hop-Einflüsse aufnehmen. Dabei scheint Afrobeat vorläufig ziemlich immun gegen Verkrustungen. Das Prinzip der Erneuerung sei in dieser Musik schon angelegt, findet der Schlagzeuger und kommt in Fahrt: «Der Afrobeat dehnt sich ständig aus. Seit über dreissig Jahren! Deshalb arbeite ich gerne mit Leuten zusammen, deren Musik nicht wie meine eigene klingt. Wenn ich junge Rapper begleite, dann habe ich eine Botschaft: Afrobeat geht mit jeder Art von Musik zusammen. Und alles wird anders!» – Auf eines ist bei Allen aber Verlass: das B-boom, B-boom, B-boom.
JONATHAN FISCHER
NZZ 27.10.2012

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