Volksmusik der Mega-Citys Unwiderstehlich und daheim verboten: Pop aus den Slums von Tansania

Die Band aus den Vororten der tansanischen Hauptstadt Daressalam hat bei der Wahl ihres Namens – Jagwa wie Jaguar – nicht die Raubkatze im Sinn gehabt. „Dege La Jeshi“ (Kisuaheli für Kampfflugzeug) verkündet ein Zusatz. Den Namen des britisch-französischen Kampfjets adaptierte Jagwa Music zu Zeiten des zweiten Golfkriegs Anfang der Neunzigerjahre, nachdem sich eine rivalisierende Combo nach der russischen Rakete Scud benannt hatte.

Die kriegerischen Allegorien passen zum Mchiriku, der hyperventilierenden Tanzmusik der tansanischen Jugend, bei der Geschwindigkeit, Lärm und Eleganz eine bemerkenswerte Allianz eingehen. Bei Jagwa Music erzeugen vier Trommler auf mit Fellen bespannten Plastikschläuchen und Holzschemeln den Beat-Unterboden. In den Höhen fiepen zwei bis zum Anschlag verzerrte Casio-Keyboards. Dazu skandiert ein MC Kisuaheli Volksliedtexte wie „Wasser fließt nie bergauf“ und „Respekt kannst du nicht kaufen“.

Ähnlich wie die kongolesischen Likembe-Orchester, die vor einigen Jahren mit ihren übersteuerten Fingerklavieren unter dem Label Congotronics in den Industrieländern Furore machten, verbreitet sich der Mchiriku gerade in europäischen und amerikanischen Clubs. Westliche Elektro-Produzenten, experimentelle DJs und Konzertpromoter entdecken den manischen Sound aus Tansania. Bands wie Animal Collective, Deerhoof, Wilco und der Hip-Hop-Avantgardist Flying Lotus haben sich bereits zu Fans des Mchiriku erklärt, experimentieren mit den quallenartigen Kontraktionen und Ausdehnungen, die den Soundkörper afrikanischer Straßenmusik prägen. Und das gerade wegen seiner radikalen Absage an Popkonventionen: „Wir hören keine westliche Musik“, sagt Kazimoto, der MC von Jagwa Music.

Ihr Debütalbum „Bongo Hotheads“ (Crammed Discs) wurde von dem deutschen Ethnologen Werner Gräbner live aufgenommen und vom Congotronics-Pionier Vincent Kenis abgemischt. Ansonsten kursiert Mchiriku nur auf Kassetten. Das passt zum Sound eines täglichen Überlebenskampfes. Zu Bars, in denen achtzigprozentiger mit Insektiziden gepanschter Alkohol ausgeschenkt wird. Zu den stets hoffnungslos überfüllten Dala Dalas, den Kleinbus-Taxis. Zur Schattenwirtschaft der Taxifahrer, Haltestellen-Ausrufer und Saftverkäufer, aus deren Milieu sich auch die Musiker von Jagwa Music rekrutieren.

Obwohl die Refrains der Mchiriku-Bands auf vielen der Dala Dalas prangen, ihre Songs über Treulosigkeit, Aids und Armut über jeden Markt plärren, hört man sie auch in Tansania nie im Radio. Zu zweifelhaft ihr Ruf, zu kriminell ihr Umfeld. In Daressalam sind nächtliche Club-Konzerte von Mchiriku-Bands deshalb schon seit Jahren verboten. Aufhalten lässt sich der Erfolg trotzdem nicht.

Bei einem Auftritt auf dem Roskilde-Festival in Dänemark hatten Jagwa Music mit ihrem so selbst gebastelte Sound innerhalb weniger Minuten mehrere tausend Rockfans auf ihrer Seite. Dass das alles auch mit Technik zu tun hat, verraten Bühnennamen wie Komputa und Diploma. Und doch bleibt die Intensität dieser Musik rätselhaft: Afro-Punk haben manche Kritiker den Mchiriku getauft. ihn mit zu schnell abgespieltem Hip-Hop oder handgemachtem Techno verglichen.

Das sind eher hilflose Versuche, einen Sound einzuordnen, der sich losgelöst von allen westlichen Popmoden im Unterholz afrikanischer Großstädte entwickelt hat. Man hört ihn ganz ähnlich auf den Straßen von Kinshasa und Dakar: Scharfkantige Trommelrhythmen, verzerrte Elektronik, Feedback-Schleifen. Und einen schmutzigen Drive, den westliche Musiker vergeblich im ausgeleierten Fundus des angloamerikanischen Pop suchen.

Genauso wie die verwandten Feedback-Orgien der kongolesischen Likembe-Orchester entwickelte sich der Mchiriku aus Notwendigkeiten: Als Anfang der Neunzigerjahre billige Casio-Keyboards aufkamen, ersetzten sei schon bald das indische Harmonium. Man konnte sie leichter transportieren, besser verstärken, und wenn man sie an die in Astgabeln und auf Dächern postierten Lautsprecher anschloss, schallte ihr schrilles, im eigenen Feedback schwimmendes Genudel über das ganze Viertel. So haben die Musiker aus den Slums von Daressalam ein Lärm-Hybrid geschaffen, das einen Nerv der westlichen Elektronik-Avantgarde trifft.

Gebrauchte Casio-Keyboards – und nur die sind für den Mchiriku tauglich – erzielen auf Ebay inzwischen hohe Liebhaber-Preise. Längst hat sich eine experimentelle Szene rund um deren Elektrosounds gebildet. Spannend wird es, wenn dem Casio nach stundenlangem Musizieren die Batterien ausgehen, und sich durch den Spannungsabfall ganz eigene Klangverschiebungen herausbilden. Erst dann klingt der Mchiriku „richtig“. Dieselbe urafrikanische Ästhetik, die einst für das Gitarren-Feedback oder das Scratching am Plattenspieler Pate stand, knistert, knackt und brummt heute durch die überforderten Verstärkeranlagen der Mchiriku-Bands. Zufällige Störgeräusche werden nicht eliminiert. Das vermeintlich Unsaubere wird zur Identität umgemünzt.

Wie immer, wenn der Pop neue Energiequellen entdeckt, macht er sich auch bald daran sie auszubeuten. So remixte letztes Jahr der Berliner Techno-Produzent Mark Ernestus ein Album mit quirliger Shangaan-Musik aus Südafrika. Er ging mit Jeri Jeri, einer senegalesischen Mbalax-Trommelgruppe ins Studio, um den Minimal-Techno aus ihren Rhythmen und Synthesizer-Riffs herauszukitzeln. Und die kongolesischen Likembe-Straßenorchester sind längst Inspiration für experimentierfreudige Rockmusiker.

Gerade in Tansania wird deutlich, was für eine Kraft die Musik aus den Randbezirken afrikanischer Megacities entwickeln kann. Sicherlich gibt es afrikanischen Pop, der professioneller klingt. Längst hat sich Hip-Hop auch auf dem Kontinent einer urbanen Jugend etabliert. Doch die Raps der Hip-Hop-Kids aus der Mittelschicht (vor Ort Bongo Flava genannt) laufen immer öfter auf übliche „Baby, Baby“ hinaus, die Beats kopieren zweitklassige amerikanische Vorbilder.

Der Sound der Armenviertel und Squatter-Camps kratzt dagegen weiterhin im Low-Fidelity-Bereich. Weil hier niemand Rücksichten nehmen muss. „Unsere Musik wird von den offiziellen Medien ignoriert“, sagt Jagwa-Music-MC Jackie Kazimoto. „Und für unsere Kassettenaufnahmen bekommen wir ein einmaliges Handgeld.“ Am Ende zählt nur die Anzahl der Füße, die zum Trommel-Getöse und Keyboard-Gefiepe des Mchiriku den Staub der Straße aufwühlt. Volksmusik im wahrsten Sinne des Wortes.
JONATHAN FISCHER
SZ , 22.10.2012

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