Wassermusik: Ein Pirogen-Ausflug auf dem Niger, dem größten Strom Westafrikas – und in die träge, friedliche Seele der malischen Hauptstadt Bamako

Eine Flussfahrt? Bourama Diallo springt auf, als habe er schon seit Wochen auf das Stichwort gewartet. Gerade döste der Mann in dem durchlöcherten T-Shirt und den Badelatschen noch im Schatten eines Mangobaumes – und sah den Wasserlilien-Inseln nach, die der breite Strom wie eine träge grüne Tierherde mitten durch Bamako treibt. Hier am Niger-Ufer scheint die Zeit fast still zu stehen. Männerrunden hocken um eine Kanne Pfefferminztee, und gelangweilte Kellner haben mangels Gästen das zauberhafte Fluss-Panorama von der Terrasse des Mande-Hotels allein für sich. Nun aber kommt Leben in das Dornröschen-Idyll. Der Bootsführer ruft nach seinem Gehilfen, schraubt mit geübten Handgriffen am Außenbordmotor der Fluss-Piroge, rückt die vergilbten Sitzmatten zurecht. Bis März diesen Jahres war das tägliche Routine. Die malische Hauptstadt zog Scharen westlicher Reisender an, die hier an den Ufern des Niger ein grünes Paradies vorfanden. Das Afrika ihrer Träume. Und das nicht nur in den alten Kolonialvierteln, wo man zwischen uralten Baumbeständen und Parkanlagen von Markt zu Markt flanieren kann. Sondern auch im Nacht-Leben der Stadt.

Da locken Open Air-Restaurants mit lässig swingenden Afrobeat-Orchestern. Kann man in Clubs wie dem „Obama Balafon“ bei einer Shisha-Pfeife örtliche Rapper auschecken. Oder in der Bar America zu den malischen Soulgesängen von Ben Zabo tanzen. Bamako hat afrikanische Club-Geschichte geschrieben: So werden die Fotografien, die Malick Sidibe in den 60er-Jahren von euphorischen Tänzern schoss, inzwischen rund um die Welt als Blick in eine Aera des afrikanischen Aufbruchs gefeiert. Doch ihr Geist lässt sich auch heute noch finden. So wie Sidibes Studio immer noch Besucher anzieht, die sich hier im Original-Ambiente von einst porträtieren lassen, hält auch die lokale Musikszene – anders als in vielen anderen Großstädten Afrikas – an ihren Traditionen fest. Die Ngoni-Laute, die Kora-Harfe oder das Balafon- ein großes Xylophon – bringen die Menschen genauso zum Tanzen wie Computer-Beats. „Wir in Mali“, hatte Moussa Mariko, der Direktor des Ensemble National Instrumental du Mali, erklärt, „hören immer noch die Musik unserer Vergangenheit. Selbst die HipHopper lassen traditionelle Instrumente sprechen, und rappen in lokalen Sprachen wie Bambara, Songhai oder Senufo“. Und wer Glück hat, spaziert in eine Straßen-Hochzeit hinein: Dann wird er einen Griot-Musiker über den großen Fluss singen hören. „Bajouru“. Das Lied, das die Griots – so heißen die singenden Chronisten hier – seit fast achthundert Jahren in ihrem Repertoire haben, handelt davon, wie der erste von ihnen sein Instrument, die Ngoni-Laute, geschenkt bekam. Als er auf dem Niger fuhr, schwamm ein Wassergeist heran und überreichte sie ihm. Seitdem sind Fluss und Musik eng miteinander verbunden. Beide tragen ihre uralten Geschichten und Sagen von Generation zu Generation fort. Auf dass die Schönheit des Niger auf die Welt abstrahle.

Doch seit März gleichen die meisten Touristenhotels Bamakos Geisterschiffen, sind Bourama wie auch seine Bootsführer-Kollegen praktisch arbeitslos. Damals überrollten gleich mehrere Katastrophen Mali: Im Norden übernahmen bewaffnete Islamisten die Kontrolle. Sie zerstörten in Timbuktu uralte Sufi-Heiligtümer und setzten die Scharia ein. Musik, Tanz, Theater: Alles, was die uralte malische Kultur ausmachte, das war in ihrem Herrschaftsbereich plötzlich verboten. Kurz danach putschte die frustrierte malische Armee in Bamako. Daraufhin zogen die meisten Hilfsorganisationen ihr Personal ab, erließen viele westliche Staaten Reisewarnungen. „Warum bestrafen sie uns auch noch, anstatt uns zu helfen? Wir haben die westlichen Besucher doch immer gut behandelt. “ Bourama spricht aus was viele Malier denken. Tatsächlich ist Bamako für westliche Touristen nach wie vor eine der sichersten Städte Afrikas. Keine Spur von Belagerungszustand. Vielmehr gleichen seine Straßen einem großen Markt: Jeder, der auch nur ein paar Mangos oder getrocknete Fische zu verkaufen hat, bietet sie am Straßenrand feil. Telefonkartenverkäufer dösen vor ihren Ständen. Eselskarren zuckeln zwischen Trauben von Mofas. Ja, fast hat man das Gefühl, der träge, friedliche Strom habe der ganzen Stadt seinen Rhythmus aufgeprägt. Breit wie ein See durchschneidet der Niger Bamako, und ragten in der Ferne nicht ein paar Hochhäuser über die Akazien, könnte man vom seinem Ufer aus die Stadt glatt vergessen.

Sobald Bouramas Piroge Fahrt aufgenommen hat, ist außer dem leisen Tuckern des Außenbordmotors kaum noch etwas zu hören. Ein Baldachin spendet zum Glück Schatten. Und der Fahrtwind streichelt als schwüle Brise die Haut. Wie könnte man der Mittagshitze Bamakos angenehmer ausweichen als hier, mitten auf dem größten Fluss Westafrikas? Der Himmel spiegelt sich auf der leicht gekräuselten Wasseroberfläche. Nur ab und zu fliegt ein Reiher aus den treibenden Pflanzenknäueln auf. Die einzigen anderen Menschen in Sichtweite sind Fischer, die wie vor hundert Jahren von ihren Einbäumen aus Netze werfen. Eine Flussfahrt auf dem Niger – das ist auch eine Zeitreise in ein Afrika, das sich seit den Postkarten aus der Kolonialzeit kaum verändert zu haben scheint. Wäscherinnen mit auf den Rücken gebundenen Kindern. Badende junge Frauen, Männer, die ihre Reusen auslegen. Auf Inselbüscheln stehen primitive Schilfhütten. So ähnlich muss es hier schon ausgesehen haben, als der schottische Entdecker Mungo Park im Jahre 1796 als erster Europäer den Fluss erblickte. Lange war der Lauf des Niger ein Mysterium gewesen – fließt er doch von seiner Quelle in den Bergen Guineas erst einmal in weitem Bogen von der Küste weg nach Norden bevor er nach einem Knick hinter Timbuktu durch Niger und Nigeria wieder auf den Atlantik zuläuft. Seinen Namen hat der drittgrößte Strom Afrikas wohl aus der Sprache der Tuareg: Egerew n-igerewen nennen sie ihn.Was soviel wie bedeutet wie: Fluss der Flüsse. Tatsächlich ist der Niger die Lebensader Malis, ernähren Fischfang und Ackerbau entlang seiner Ufer Millionen Westafrikaner.

Ein paar Kilometer stromaufwärts hat der Fluss sich tief in die rötliche Erde gefressen. An der Uferböschung: Goldwäscher, Männer, Frauen und Kinder, die ihre Siebe im Wasser rütteln. Mali besitzt reiche Goldvorkommen. Doch davon bekommen die einfachen Menschen hier wenig mit: Die Claims sind zumeist an internationale Konzerne verpachtet, aber an den Ufern des Niger darf jeder sein Glück versuchen. Und wer kein Gold findet, dem bleibt immer noch der Sand. An einer flachen Landestelle liegen Dutzende von Holzbarken schwer beladen im Wasser: In Teams schaufeln Jugendliche den Sand, den sie zuvor Eimer für Eimer aus der Flussmitte hochgezogen haben auf Tragen. Harte Akkord-Arbeit. Abnehmer sind örtliche Bauunternehmen. Sie verschaffen auch den Bootsbauern nebenan ihre Arbeit. Ein paar Bretter, Äxte, Hämmer, Nägel und Pech: Mehr brauchen sie nicht um die breiten und bis zu acht Meter langen Barken herzustellen. Drei Tage, erklärt der Chef eines Bautrupps, bräuchten er und seine drei Mitarbeiter für ein Boot. Verkaufspreis: 6000 malische Francs. Das sind umgerechnet gerade mal zehn Euro. Allerdings sei die Arbeit immer noch besser bezahlt als die der jungen Frauen nebenan: Sie waschen große Bündel verschmutzter Plastiktüten in der trüben Brühe des Niger, um sie anschließend wieder auf dem Markt zu verkaufen.

Nur wenige hundert Meter weiter leuchten am Ufer mehrstöckige Villen im Hollywood-Stil. Der Kontrast zwischen dem Leben des Durchschnitts-Arbeiters und dem der lokalen Haute-Volee könnte nicht augenfälliger sein. Besonders drastisch wirkt dieser Bruch an der großen Brücke, die vom Regierungsviertel über den Niger führt. Da verkaufen Kinder Erdnüsse vor dem Rohbau eines Luxushotels. Spiegeln sich die Eselsgespanne in den Glasfassaden der Ministerien.Protzige Palastgebäude im maurischen Stil. „Alles mit Bestechungsgelder von Gaddafi gebaut“, hatten die lokalen Rapper von Tata Pound geschimpft. Ihr Song „Mere Zoun“ (Mutter Dieb) über den ehemaligen Präsidenten Amadou Toumani Toure kennt trotz Zensur jedes Kind in Mali. „Er hat der Regierung Millionen geschenkt. Und sie hat ihm dafür freie Hand mit seinen malischen Söldnern gelassen“. Gaddafis Geschenke haben bei den Maliern einen schlechten Nachgeschmack hinterlassen. Als dessen Tuareg-Söldner nach dem Krieg aus Libyen mit ihren schweren Waffen in den Norden Malis zurückkehrten, riefen sie im Verbund mit islamistischen Milizen ihren eigenen separaten Staat aus. Später rissen dann die Islamisten die Macht ganz an sich. In Bamako sind die Schreckensmeldungen aus dem Norden Tagesgespräch. Selbst unpolitische Popstars wie der Griot Bassekou Kouyate singen inzwischen über die Bedrohung ihrer Kultur: „Sie wollen unsere ganze Lebensart austauschen,“ donnert er bei einem Club-Auftritt gegen die Islamisten, „sie verbieten die Musik, den Tanz, den Alkohol, das Fernsehen. Wir wollen aber keine importierte Scharia, wir haben eine jahrhundertelange Tradition des friedlichen Zusammenlebens.“ Bourama stimmt dem zu. Der malische Islam sei eine Religion der Toleranz. „So wie der Fluss strömt auch das Leben in vielen verschiedenen Seitenarmen“.

Kurzer Halt an einem Krokodil-Reservat auf der gegenüberliegenden Uferseite: In zwei Beton-Becken dümpeln die Echsen vor sich hin. Ab und zu steckt eines der Jungkrokodile seine schmale Schnauze aus dem trüb-grünen Wasser – und eine Schar malischer Kinder kreischt begeistert auf. Bourama hat währenddessen seine Gebetsmatte am Ufer entrollt. Mit dem Ruf des Muezzins kommt das Straßenleben in Bamako vielerorts zum Stillstand. Und selbst ein Touristenführer sollte – soweit möglich – die Gebetszeiten einhalten. Weil gerade Ramadan ist, hat Bourama nicht mal eine Trinkflasche an Bord. Nein, Essen und Trinken könne bis Einbruch der Dunkelheit warten. Die Sonne steht bereits tief über dem Niger, als unsere Piroge wieder in Richtung Altstadt übersetzt. Im Gegenlicht zeichnen sich die drei Hügel über Bamako als dunkle Silhouetten ab. In Ufernähe werfen die Fischer ihre Netze aus, winken freundlich. Was sie gefangen hätten? „Capitaine“. So heißt hier der Nilbarsch, ein bis zu 90 Kilo schwerer Fisch, der auf keiner Speisekarte Bamakos fehlen darf. Allerdings würden die Hotel-Restaurants seit dem Ausbleiben der Touristen den Fischern kaum noch etwas abnehmen. Ihr Einbaum ist mit bunten Zeichen bemalt – traditionelle Symbole für die Wassergeister, die den Niger seit Jahrhunderten bevölkern. Am liebsten ist Bourama die Flussgöttin Faro. Der Legende nach eine Frau mit schwarzem, ebenholzartigem Haar, die den Niger schützt und Feinde abwehrt. „Wir brauchen dringend ihre Hilfe. Denn wir alle leben vom Fluss“. Es klingt wie eine Beschwörung. Ein Gebet, dass das zähe Warten unter dem Mangobaum bald ein Ende haben möge. .
JONATHAN FISCHER
SZ 18.10.2012

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