Er meditiert gern: Flying Lotus ist der Miles Davis der Gegenwart: Mit „Until The Quiet Comes“ legt er ein verstörend schönes Album zwischen Hiphop und Traumwandlerei vor

Spiele nicht das, was da ist. Spiele, was nicht da ist.“ Miles Davis gab diese Regel Ende der sechziger Jahre aus, als er anfing, mit Elektronik zu experimentieren, die Jazz-Orthodoxie gegen Rock-Fusion-Sounds eintauschte und den eigenen Spielraum mit wunderbar verträumten, zirkulären Grooves erweiterte. Das Album hieß „In A Silent Way“.

Wenn heute ein junger Hiphop-Produzent aus Los Angeles die Dynamik der Stille wiederentdeckt und das Weglassen als Kompositionsprinzip praktiziert, sind die Bezüge offensichtlich. „Until The Quiet Comes“ heißt Flying Lotus‘ meditatives Meisterwerk. Und wenn es um die mutige Erforschung einer neuen Formensprache geht, dann hegt der junge Elektroniker aus Los Angeles ganz ähnliche Ambitionen wie der Fusion-Pionier vier Jahrzehnte zuvor. Damals traf Schönheit auf Verstörung, statisch aufgeladene Sphäre („In A Silent Way“) auf mächtige Bass-Gewitter („Bitches Brew“). Flying Lotus ist der Miles Davis der Gegenwart. Wenn Letzterer permanent die Grenzen des Jazz verschob, erweitert der 28 Jahre alte Laptop-Komponist radikal die Sprache des Hiphop.

„Die Beats haben sich doch längst von der Straßenkultur abgekoppelt“, erklärt Steve Ellison alias Flying Lotus, „es gibt keine Tabu-Ideen mehr. An vielen Orten der Welt ändern sich gerade die Spielregeln des Hiphop.“ Die alte Straßenmentalität sei im Aussterben begriffen. Seit zehn Jahren schon schleicht Flying Lotus links und rechts der Hip-hop-Highways entlang: immer einen Beat neben der Spur. Immer den einen sphärischen Sound voraus. In seiner „Low End Theory“-Clubnacht in Los Angeles hat er ein Kollektiv experimentierfreudiger, junger Elektronik-Bastler um sich gesammelt: DJs und Laptop-Bastler wie Gonjasufi, Jeremiah Jae oder Gaslamp Killer, die sich als spirituelle Community begreifen, sich nicht mehr durch Industrienormen filtern lassen und nur noch im Netz oder auf Lotus‘ eigenem Brainfeeder-Label Musik veröffentlichen. Ihre Musik haben Kritiker mangels besserer Begriffe kurzum „glitch hop“ getauft. Glitch wie Macke. Flying Lotus hatte bereits 2008 mit seiner LP „Los Angeles“ Hiphop ins Säurebad getaucht. Der Nachfolger „Cosmogramma“ ließ seine Jazz-Ambitionen – Ellison ist der Großneffe von John Coltrane – noch deutlicher anklingen.

Noch nie allerdings klang der junge Produzent so dunkel und mystisch wie auf seinem dritten Album für das Techno-Label Warp. Nie klang er leiser. Und selten war eine Stille so verführerisch. Auf „Until The Quiet Comes“ lässt Flying Lotus die Straßen von Los Angeles endgültig hinter sich – um sich auf eine surreale Reise zu begeben. Sein neues Werk ist ein Märchen, das Los Angeles nur noch als Startrampe für ein kosmisches Szenario braucht. Man kann sich gut das stille Rauschen um drei Uhr nachts vorstellen, wenn der Produzent aus dem Studio tritt, den Sternhimmel über den Hollywood Hills betrachtet und sich die überwältigende Ruhe des Kosmos auf ihn herabsenkt: „Ich weiß nicht wirklich, woran es liegt. Wir sind hier alle ein bisschen entspannter als etwa in Chicago oder New York. Wir schauen auf den Pazifik und fühlen die Weite des Weltalls. Und wir sind eine Filmstadt. Wir wollen Geschichten erzählen.“

Die harschen Brüche von einst: Sie spielen auf dem neuen Album kaum noch eine Rolle. Stattdessen: abstrakte, traumartige Sphären-Beats. Glockengebimmel erinnert an Tempelmusik, Harfen-Melodien an Tante Alice Coltrane, in deren Aschram Flying Lotus aufwuchs und mit ihr über ihre spirituellen Studien redete. Alles flirrt wie ein Traum. Doch von Easy Listening ist Flying Lotus weit entfernt. Gerade wenn die ätherische Schönheit einzulullen droht, fährt ein Basskick oder ein verzerrter Synthesizer dazwischen, grollt es bedrohlich aus der Tiefe. Nie klang seine Soundpalette dynamischer: Ständig oszilliert sie zwischen Höhen und Tiefen, bewegt sie sich vom Dunklen zum Hellen, vom Weichen zum Harten und zurück. Steve Ellison geht es dabei nicht nur um Soundeffekte, sondern um die Dynamik des menschlichen Unterbewusstseins und die Vermittlung einer spirituellen Welt, die im Hiphop – mit Ausnahme von J. Dilla oder RZA – eher ein Tabu darstellt. „Dieses Album ist eine Erzählung mit Anfang, Mittelteil und Ende. Ich brauche diese Struktur. Denn vieles meiner Arbeit kommt aus dem Unterbewussten. Wenn ich mit einem Stück anfange, weiß ich nie, wie es einmal klingen wird. Seine Entstehung ist immer ein Mysterium.“ Man könnte „Until The Quiet Comes“ auch als Science-Fiction-Suite in drei Teilen beschreiben: mit einer Eröffnungssequenz („Until The Colours Come“, „Heaven“, „All In“), die einen Zustand tiefer Versenkung markiert, einem heftigen, bisweilen klaustrophobischen Mittelteil und einem Abspann, der alle Ängste in weite, lichte Räume („Phantasm“, „Dream To Me“) auflöst.

Steve Ellison meditiert täglich, bevor er den Computer hochfährt. Und er berichtet davon, seit seiner Kindheit regelmäßig Zustände zu erleben, in denen er aus seinem Körper tritt und durch den Raum schwebt. Er wolle das nicht in Beats übersetzen. Aber Stücke wie „Tiny Tortures“ können den Hörern zumindest eine Ahnung geben: Da erzeugen simulierte Holzblöcke, zischende Becken und Zimbeln einen geisterhaften Beat, bevor Thundercats Bassgitarre mit melodisch gleitenden Läufen einsetzt: unwirklich schön. An anderer Stelle konterkarieren schwankende Keyboard-Riffs einen Rhythmus aus Gongs und Händeklatschen, schweben wie in „Getting There“ Engelsgesänge aus dem Off heran.

Später verdickt sich die Atmosphäre: Da wachsen dem ätherischen Klangkörper auch mal irdische Beine, erinnern blockige Synthie-Beats an Computerspiele, schimmert das Hiphop-Erbe von Flying Lotus durch wie im Instrumental „The Nightcaller“. Es sind die popaffinsten Momente eines Albums, das ganz und gar den hermetischen inneren Welten Steve Ellisons folgt. Selbst die Gäste ordnen sich radikal unter: Sängerinnen wie Erykah Badu oder Laura Darlington liefern weniger Rhythm-&-Blues-Gesänge als Materialfäden, die Flying Lotus in seinen flirrenden Soundteppich einwebt. Auch Radiohead-Sänger Thom Yorke taucht als Geisterstimme über einem Rumpelbeat auf – eine atmosphärische Marke, nicht mehr.

Ellisons Bestreben, Bewusstseinserweiterung in Musik zu übersetzen, deutet gleichzeitig vor und zurück: in eine noch zu gestaltende Zukunft des Hip-hop und in eine Vergangenheit, in der Pharoah Sanders, sein Onkel John und seine Tante Alice den Jazz in kosmische Gefilde entführten. Flying Lotus übersetzt deren Ideen in ein revolutionäres elektronisches Ambiente. Spiele, was nicht da ist! Das funktioniert für den Coltrane-Neffen nur durch beständige spirituelle Selbsterforschung, die Überschreitung des eigenen Ego. Ideen, sagt er, seien ihm wichtiger als die richtige Software. Und nur wo Leere sei, könne Neues entstehen. Wohl auch deshalb pflegt der Beatbastler, dem gerade die gesamte Hipster-Welt zu Füßen liegt, eine fast mönchische Arbeitsdisziplin: „Musik zu produzieren ist für mich eine Form von Meditation! Du bist hypnotisiert und in Trance. Und das mache ich täglich auf einer 8-to-5-Basis: Sobald ich aufwache, fange ich mit der Arbeit an und höre erst abends wieder auf, wenn ich high bin.“ Klar, dass dieser Mann die Hoffnungen des unorthodoxen Hiphop repräsentiert. Nicht nur, weil er im Interview Vokabeln wie „motherfuckin'“ und „meditating“ kombinieren kann. Sondern weil er dem chartgesättigten Genre endlich wieder ein Stück Unberechenbarkeit schenkt.
JONATHAN FISCHER
FAZ, 18.10.2012

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