Man, you got the spirit – Der Drummer Max Weissenfeldt über Sessions mit Dr. John, Pop, Weltmusik und Coolness

Max Weissenfeldt gründete zusammen mit seinem Bruder Jan 1990 in München die Indie-Funk-Band Poets of Rhythm. Seitdem hat er als Bandleader und Musiker in diversen Formationen (Whitefield Brothers, Das Goldene Zeitalter) über 30 Schallplatten veröffentlicht. Er lernte von den Weltmusik-Pionieren Embryo, dem amerikanischen Jazzschlagzeuger Marvin „Bugalu“ Smith, dem indonesischen Komponisten Gutama Soegijo und dem ghanaischen Meistertrommler Mustapha Tettey Addy. Heute gilt er als stilprägender Schlagzeuger und Wegbereiter bei der Verschmelzung traditioneller asiatischer und afrikanischer Musik mit urbanem Soul. In den vergangenen Monaten hat er Thomas Ostermeiers „Othello“ an der Berliner Schaubühne begleitet, Hip-Hop-Beats für ghanaische Rapper produziert, in Ghana einen Film gedreht und nicht zuletzt mit Dan Auerbach von den gefeierten Black Keys „Locked Down“ aufgenommen, das neue Album der amerikanischen Vodoo-Soul-Legende Dr. John.

SZ: Herr Weissenfeldt, wie kommen Sie als deutscher Schlagzeuger dazu, ein Album mit Dan Auerbach und Dr. John in Nashville aufzunehmen?
Max Weissenfeldt: Das kommt wohl daher, dass ich mir, seitdem ich am Schlagzeug sitze, das Soul-Drumming zu meiner zweiten Natur gemacht habe. Dan Auerbach wusste und schätzte das und so habe ich genau in seine Vision, die er von der Dr. John Platte hatte, gepasst.

SZ: Auch in die von Dr. John selbst?
Weissenfeldt: Ich hatte für ihn einen kleinen Beat erfunden, der auf einem 12/8-Rhythmus basiert aber die Betonung ein wenig verschiebt. Dieser schwebende Groove hat ihm sehr gefallen. Jedenfalls hat er mir deswegen mehrmals Komplimente ins Ohr geflüstert: „Man, you got the right spirit.“

SZ: Sie sind mit ihm im April auch eine Woche lang in der Brooklyn Academy of Music aufgetreten. Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit einer Musiklegende wie ihm vorstellen?
Weissenfeldt: Als New Orleans-Original und ordinierter Voodoo-Priester ist der Mann randvoll mit Geschichten – und ein Lehrmeister in punkto Coolness. Am ersten Tag der Plattenaufnahmen stellten wir „Young Lions“ uns auf die Hinterpfoten, wollten wir ihn unbedingt beeindrucken. Am zweiten Tag kam Dr. John mit einer berühmten Revuetänzerin aus New Orleans zur Session. Die fing dann an sich vor dem Studio im Bikini in der Sonne zu aalen – und wir fühlten uns wieder wie sehr kleine Jungs.

SZ: Nicht nur an der Seite von Dr. John fungieren Sie als Mittler zwischen afrikanischen und afroamerikanischen Traditionen. Sie sind in den letzten Jahren mehrmals zu den Voodoo-Wurzeln nach Westafrika gepilgert und planen gerade ein Zweit-Studio in Ghana einzurichten.
Weissenfeldt: Durch meine Reisen hoffte ich, ein tieferes Verständnis der traditionellen afrikanischen Musik zu bekommen. Andererseits liebe ich es einfach, mit heimischen Musikern zu jammen. So entstand in Kumasi, dem Sitz des Ashanti-Königs, die Idee, zusammen mit örtlichen Trommlern eine Suite mit überlieferter ghanaischer Musik für den König auszuarbeiten. Als wir damit anfingen habe ich festgestellt, dass viele der jungen Menschen in den grossen Städten ihre traditionelle Musik, mit der ich mich vor der Reise anhand musikethnologischer Aufnahmen befasst hatte, nicht wirklich kannten…

SZ: Ausgerechnet ein deutscher Schlagzeuger bringt den Afrikanern ihre eigenen Traditionen nahe?
Weissenfeldt: Ich will nicht den Missionar geben. Aber als ich jungen Musikern alten Highlife der 60er und 70er Jahre vorgespielt habe, waren die ziemlich überrascht. Sie hatten den Zugang zu der Musikkultur ihrer Väter und Grossväter verloren, da diese Musik mit ihren Akteuren einfach erloschen ist. Ich versuche nun, wenn ich mit jungen Musikern aus Ghana spiele, die Begeisterung an der eigenen Tradition bei ihnen zu wecken – und zwar, indem ich weiterführende Ideen in ihrer musikalischen Sprache anrege. Tradition macht nur dann Sinn, wenn sie sich bewegt. Alles andere ist Konservierung und alles Konservierte wird irgendwann ungeniessbar. Dass hingegen die seit Jahrhunderten tradierte Musik in den ländlichen Gegenden noch lebendig ist, hat mir in der Folge eine Reise durch die Küsten- und Regenwaldregionen des Landes gezeigt. Was ich da gehört habe hat mich schwer beeindruckt. Diese Eindrücke habe ich in dem Film „Ghana Panorama“ festgehalten.

SZ: Sie gelten heute als Vorreiter der Fusion von Funk und ethnischer Klänge. Wie kamen Sie als junger Hip-Hop-Fan dazu, sich für abseitige afrikanische oder sogar asiatische Rhythmen zu interessieren?
Weissenfeldt: Notwehr. Ich war Plattensammler. Beim tagelangen Wühlen in Second-Hand-Plattenläden schweifte ich irgendwann notgedrungen zum Ethno-Fach ab. Soul Platten waren in den neunziger Jahren begehrt und deshalb teuer. Afrikanische und asiatische Volks- und Kunstmusik wurde hingegen verschleudert. Die Frage war also: Eine James Brown Platte für 50 Mark oder 50 Ethnoplatten, die zudem noch viel spannender waren, für eine Mark? So ging es los. Aber mein Handwerk habe ich erst durch Christian Burchard von Embryo gelernt. Ohne die Tourerfahrung mit den Münchner Weltmusik-Pionieren wäre ich nicht so leicht in Kontakt mit Musikern aus aller Welt gekommen.

SZ: Sie spielen außerdem in einer Gamelan-Gruppe, haben die einzigartige Kompositionsmethodik des indonesischen Komponisten Gutama Soegijo studiert.
Weissenfeldt: Ich hatte Gutama nach einem Konzert in Berlin angesprochen und gefragt, ob er mir seine Musik erklären mag. Er lud mich daraufhin zu einer Probe ein. Gutama lehrt, indem er einen einfach mitspielen lässt – ganz ähnlich wie bei Embryo. Immer wenn ich eine Frage hatte, kreierte er für mich kurze Übungen, die alles beantworteten. Inzwischen habe ich mir ein Studio neben seinem Proberaum in Berlin eingerichtet – so dass ich die Gongs und Metallophone des Gamelan immer um mich habe.

SZ: Der Weg vom HipHop zur Gamelan-Musik lässt sich dann aber doch nicht so ohne Weiteres nachvollziehen.
Weissenfeldt: Als ich Teenager war fing die Entdeckungsreise, wie bei vielen meiner Generation, mit Hip-Hop an. Von Eric B & Rakim zu James Brown. Von James Brown zu den Meters. Dann wuchs mir der Bart und es ging von New Orleans und dem Jazz weiter zurück zu den afrikanischen Rhythmen. Dort angekommen war plötzlich das Interesse für alle Winkel der Welt da.

SZ: Sie kommen gerade von einer weiteren Session mit Dan Auerbach und der Tuareg-Gruppe „Bombino“ aus Nashville zurück. Gehört der afrikanischen Musik die Zukunft des Pop?
Weissenfeldt: Ich merke schon, dass es in der Popwelt einen großen Hunger nach neuen Inspirationsquellen gibt, nach unverbrauchten Rhythmen jenseits des altbekannten Rock’n Roll-Universums. Afrika ist da einfach Nummer 1.

SZ: Von den Black Keys bis Kanye West und Damon Albarn scheint die ganze Popwelt inzwischen Ihre Musik zu bewundern. Für Ende des Jahres steht eine Kooperation mit dem amerikanischen HipHop-Produzenten Madlib auf dem Programm. Auf Ihren ersten eigenen großen Hit warten Sie aber immer noch.
Weissenfeldt: Hits kommen und gehen wann sie wollen – da warte ich lieber nicht.

editierte Version eines Interviews, das am 3.10. in der SZ erschien
JONATHAN FISCHER

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.