Kontinent im Würgegriff: Ein Band über die Macht der Drogenkartelle in Lateinamerika

Nur ein dürrer Fluss trennt die mexikanische Ciudad Juarez von El Paso in Texas. Tausende von Menschen und Fahrzeugen überqueren täglich die vier Grenzübergänge, um auf der anderen Seite zu studieren, zu arbeiten, einzukaufen. Und doch gilt Ciudad Juarez – im Gegensatz zur touristischen Schwesterstadt El Paso – als einer der gefährlichsten Orte der Welt. 3156 Menschen wurden dort allein 2010 ermordet. Fast alle sind Opfer der beiden rivalisierenden Drogen-Organisationen, dem Sinaloa- und dem Juarez-Kartell.

In der Reportage „Die Schöne und die Hässliche“ liefert die mexikanische Journalistin Lourdes Càrdenas drastische Bilder zu den soziologischen, politischen und kulturellen Analysen, die einen Großteil des Sammelbandes „Narcozones – Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika“ ausmachen. In der Nahaufnahme erst werden die Folgen des sogenannten „Drogenkrieges“ begreiflich: Denn während die Wirtschaft in El Paso boomt, verkommt Ciudad Juarez immer mehr zur Geisterstadt, in der Zehntausende Geschäfte schließen, Bars verwaisen, und das charakteristische Gesumm auf den Straßen und Märkten verstummt ist. Wer es sich leisten kann, flieht nach Norden in die USA. Diejenigen, die zurückbleiben, lehren ihre Kinder in den Grundschulen, wie sie sich im Fall eines bewaffneten Angriffs zu verhalten haben: „Wirf dich hin und stell dich tot“.

„Narcozones“ beleuchtet die Durchdringung des Alltags in Lateinamerika durch immer mächtigere Drogen-Kartelle. Was muss in einem Land passiert sein, wenn schon Sechzehnjährige für ein paar Pesos töten? Warum sind Polizei, Justiz und Politik so offensichtlich von der Bekämpfung der mafiösen Strukturen überfordert? Gibt es Antworten aus der Zivilgesellschaft auf die Zerstörung des sozialen Lebens? Das sind einige der Fragen, denen sich in diesem Band Historiker, Juristen, Politologen, Soziologen, Kulturwissenschaftler und Journalisten stellen.

Seit dem Tod des kolumbianischen Drogenbosses Pablo Escobar Anfang der 1990er Jahre hat sich das Drogengeschäft verändert: Die mexikanischen Kartelle dominieren den Markt. Sie geben Morde und Entführungen in ganz Mittelamerika in Auftrag, sichern Nachschub-Routen nach Argentinien und Westafrika, rekrutieren Sub-Unternehmer aus lokalen Straßen-Gangs. Längst geht es nicht mehr nur um Kokain, Heroin und Marihuana. Sondern um ein transnationales Wirtschaftsimperium. Waffenschmuggel, Menschenhandel oder der lukrative Markt mit Raubkopien und Internet-Betrug gehören dazu. Gewaschen wird das Geld dann über Touristenhotels in der Karibik. Oder auch mit Einkaufszentren in Deutschland.

Zwar hat der mexikanische Präsident Felipe Calderon seit 2006 das Militär gegen die Drogenkartelle mobilisiert. Doch die Gegenwehr des Staates bleibt halbherzig – die Drogenbosse haben genug Macht und Geld, um Bürgermeister, Richter und Polizeichefs zu kontrollieren, selbst das Militär zu infiltrieren. „Narcozones“ versucht die Omnipräsenz der Kartelle aus politischer wie soziokultureller Perspektive zu erklären. Da geht es einerseits um den Niederschlag des Drogenkrieges in den Medien und der Literatur. Andererseits um dessen Verflechtung mit regionalen Konflikten in ganz Lateinamerika: Die Drogengangster in den Favelas in Rio und die Bauernvertreibung in Guatemala, die ökologisch fragwürdige Kokafelder-Vernichtung in Kolumbien und die Jugendarbeitslosigkeit in Mexiko – sie werden hier als Unterkapitel des selben großen Wirtschafts-Krimis sichtbar.

Gut und Böse sind dabei schwer zu unterscheiden: So erfährt man von den Patenrollen, die viele Kartelle für die von der Regierung vernachlässigten Armenviertel übernehmen. Oder auch von staatlichen Spezialeinheiten, die geschlossen zu den Kartellen überlaufen. Die zivilen Gegenkräfte – Christen, Linke, Indigene und Opfer-Angehörige – wirken dagegen relativ ohnmächtig.

Eines der spannendsten Kapitel steuert der mexikanische Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II bei: In „Narcogewalt – Acht Thesen und viele Fragen“ berichtet er von einem Stadtviertel in Ciudad Juarez namens „Disneylandia“, in dem Aschenputtel-Schlösser und Villen wuchern, die Kartelle unbehelligt ihr Geld zur Schau stellen, ohne dass die Steuerbehörden eingriffen. Warum, fragt er, hat die mexikanische Regierung von den Vereinigten Staaten keine Maßnahmen gefordert, die den Geldfluss des Drogenhandels blockieren?

Taibo II gehört zu den wenigen Autoren, die über den Grenzzaun nach Norden schauen. Dort liegt der größte Absatzmarkt der Kartelle. Dass der Krieg gegen sie allein auf mexikanischem Boden geführt wird, ihre Finanz- und Marktstrukturen in den Vereinigten Staaten aber unangetastet bleiben, muss wie die zynische Auslagerung einer amerikanischen Gesellschaftskrise auf die Schultern des ärmeren Nachbarlandes erscheinen.
JONATHAN FISCHER
SZ 7.9.2012

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