Club Obama – Die Pop-Hipster der Stunde pilgern nach Mali, aber dem Land droht die islamistische Revolution: Zu Besuch in einem bedrohten Biotop

Es gab viele Gründe, die gegen dieses Konzert sprachen. Die dunklen Regenwolken über Bamako. Die leeren Taschen der Malier. Die politische Krise eines Landes, das gerade durch einen Militärputsch destabilisiert ist und dessen nördliche Hälfte Islamisten besetzt haben. An diesem Freitag aber spricht noch ein viel gewichtigerer Grund gegen eine nächtliche Tanzveranstaltung unter freiem Himmel: Der Beginn des Ramadans. Ein Fastenmonat, in dem strenggläubige Muslime weder ausgehen, noch tanzen. Ben Zabo allerdings scheint das nicht allzu sehr zu beeindrucken: „Wir können hier über alles diskutieren“, sagt der junge malische Popstar in der selbstgeschneiderten Militäruniform: „Warum sollte ich als Christ im Ramadan kein Konzert veranstalten? Ich muss eben mit den Anwohnern diskutieren.“ Und so dreht Zabo, ein 28-jähriger Gitarrist und Sänger, dessen Songs gerade tagtäglich im malischen Radio zu hören sind, den ganzen Freitagvormittag seine Runden. Der schlaksige junge Mann klopft bei einigen Dutzend Häusern der überwiegend muslimischen Nachbarschaft im Westen Bamakos an. Spricht mit Familienvätern und Ladenbesitzern. Lächelt. Erklärt höflich. Auch die Polizeiwache fragt er. Am Ende hat – Ramadan hin oder her – niemand hat etwas gegen sein Konzert in einem Freiluft-Restaurant. Nicht einmal der Imam der benachbarten Moschee.

Ben Zabos Geschichte erzählt viel über die Kultur Malis. Über ethnische und religiöse Vielfalt und eine jahrhundertealte Toleranz. Sie erhellt, was angesichts der Bedrohung durch die Islamisten im Norden auf dem Spiel steht: Das malische Modell der Koexistenz. Der Reichtum einer Musikkultur, die zur gleichen Zeit, da Islamisten rund um Timbuktu alte Sufi-Heiligtümer zerstören, im Westen höher im Kurs steht als je zuvor. Früher mag es mal Indien gewesen sein oder Jamaika. Heute pilgern inspirationshungrige Pop-Hipster bevorzugt nach Mali, zuletzt gingen sogar Pop-Künstler wie TV On The Radio , Santigold oder Dan Auerbach von den Black Keys mit malischen Musikern ins Studio.

Aber auch Ben Zabos Musik hört man den musikalischen Austausch an: Er hat die uralten Rhythmen und Balafon-Melodien seines Stammes, der Bo, mit elektrischen Gitarren aufgerüstet. Und ließ sein Debüt-Album vom amerikanischen Rockmusiker Chris Eckman von den Walkabouts produzieren. „In Mali leben über 80 verschiedene Ethnien“, sagt Zabo, „wir sind es gewohnt, uns mit unseren Nachbarn auszutauschen“. Und so finden sich zwischen den Plastiktischen des Freiluftrestaurants Chez Symphorien am ersten Abend des Ramadan Christen und Moslems, Bambara und Bo ein. Der Innenhof ist nur von ein paar Petroleumlampen erhellt. Die Schwüle ist erdrückend. Es riecht nach billigem Parfüm und Urin. Doch sobald Ben Zabos Gitarre den ersten Blues-Akkord anschlägt, lassen die Gäste – Herren im Anzug und mit Gold behangene Damen – ihr Bier stehen. Niemand tanzt allein, alle tanzen in einem großen Kreis.

So viel Ben Zabos Musik auch Paten wie James Brown und Fela Kuti verdankt: Das hölzerne Geklöppel des Balafons, die bluesigen E-Gitarren und der lose, kreiselnde Groove strahlen eine sehr malische Lässigkeit aus. Der junge Popstar muss am Ende mindestens dreimal seinen Hit „Wari Vo“ spielen. Es geht um ein altes afrikanisches Thema: Du hast ein Mofa, deine Frau will aber ein Auto. Den Refrain singen alle mit. Wer nichts von der militärischen Niederlage im Norden, gestrichenen Auslandshilfen und leeren Touristenhotels wüsste, könnte diese Party für den Ausdruck einer unerschütterten Normalität halten.

Tatsächlich erinnert Bamako kaum an eine Stadt im Kriegszustand. Eselskarren und Trauben von Mofas schieben sich durch die Straßen, Männerrunden sitzen im Schatten um eine Teekanne, während viele der Händler vor ihren bunten Buden mit Telefonkarten, Sonnenbrillen oder Röstspießen dösen. In den Clubs an der Rue Koulikoro spielt abends die Live-Musik, als wäre nichts geschehen. Es gibt zwar keine Touristen mehr, aber die Blech-Schuppen wie der Club 33 sind gut gefüllt: Junge Frauen drehen sich dort zum Trance-Blues traditioneller Lauten, während die Männer sich im Dunkeln auf Holzbänken lümmeln. Die Jüngeren besuchen den Club Obama Balafon. Zwei Rapper rappen da vor dem Konterfei des amerikanischen Präsidenten ihre Bambara-Sprechgesänge, während Gruppen männlicher und weiblicher Jugendlicher Shishas rauchen und sich über ihre iPhones beugen. Ein Bild wie aus einer westlichen Großstadt.

„Mit den richtigen Beziehungen“, sagt Ben Zabo und nickt in Richtung der dicken Jeeps auf dem Parkplatz, „konntest du in Mali schon immer gut leben.“ Nicht erst die Islamisten bedrohten sein Land. Genauso schlimm sei die Korruption. Schon lange kursieren Geschichten über die Verwicklung der alten Regierung in den internationalen Drogenhandel, das protzige mit Gaddafis Geldern finanzierte Regierungsviertel und die vielen Hotels des Präsidenten-Clan machen das Gefälle zwischen der Elite und der auf Eselskarren angewiesenen Bevölkerungsmehrheit sichtbar. Wie viele Malier hat Zabo deshalb erst einmal mit den Militärputschisten in Bamako sympathisiert. Hauptsache neue Gesichter im Präsidentenpalast. Sein Song „Cinquentanaire“ – es geht um die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Malis – spricht aus, was die meisten Malier denken. „Man hat dafür sämtliche Staatschefs Afrikas zusammengetrommelt, um Champagner zu trinken. Aber was sollte das? Da wurden an einem Tag Millionen verpulvert, während die jungen Malier keine Arbeit finden. Wir Afrikaner müssen unsere Unabhängigkeit erst finden.“

Das Studio Bogolan: Ein fensterloser, Flachbau an einer Lehmstraße nicht weit vom Stadtzentrum. Der Aufnahmeraum ist mit afrikanischen Teppichen ausgehängt, die Misch-Konsole bietet modernste Technik. Unter anderem Ali Farka Toure, Bassekou Kouyate, Ben Zabo haben hier Musik aufgenommen, aber auch viele westliche Rockmusiker. So wie Zabos Produzent Chris Eckman. Die Geschichte des aus Seattle stammenden Rockers ist typisch: Eckman, ein Musik-Intellektueller, der vor allem als Kopf der Americana-Band Walkabouts bekannt ist, hat schon oft erklären müssen, was ihn einst hier her trieb: „Irgendwann beschlich mich das Gefühl, alles schon mal gehört, alles schon mal gespielt zu haben. Der Alternative Rock langweilte mich. In Mali aber war ich sofort angefixt. Weil die Musik gleichzeitig exotisch und doch vertraut klang! “ Dass er den Bluesrock des Maliers für den westlichen Markt produzierte hält er nicht für Kolonialismus, sondern für einen Ausdruck kultureller Globalisierung: „So wie die jungen Malier im Internet surfen, ist Afrika auch umgekehrt längst in der westlichen Großstadt angekommen!“
JONATHAN FISCHER
SZ, 20.8.2012

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