„Dieser Kram muss sterben“: Warum den Jazz-Trompeter Christian Scott sein Genre nervt

Christian Scott gilt als einer der besten Jazzmusiker der Welt. Der 27-jährige Trompeter wuchs in New Orleans auf und studierte am Berklee College of Music. 2006 gab er sein Debüt als Bandleader mit dem Album „Rewind That“. Sein neues Album „Christian Atunde Adjuah“ ist soeben bei Concord/Universal erschienen.

SZ: Herbie Hancock hält Sie für das größte Jazztalent der Gegenwart. Die BBC hat Ihr letztes Werk sogar als bestes Jazzalbum der vergangenen 50 Jahre bezeichnet. Warum weigern Sie sich trotzdem so hartnäckig, Ihre Musik als Jazz zu bezeichnen?

Christian Scott: Was heute als Jazz bezeichnet wird, ist todlangweilig. Nicht mehr als ein von Puristen bewachter Kanon aus Standards. Es sind Fingerübungen, die nichts mehr mit unserer Realität zu tun haben. Dieser Kram muss endlich sterben. Ich nenne meine Musik lieber „Stretch Music“. Das ist die lebendige, sich ständig ausdehnende Form des Jazz.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich der Jazz dann im Pop verliert?

Es ist Unsinn, Jazz als Gegensatz von Pop zu begreifen. Vor über 100 Jahren entstand doch mit dem Jazz die erste Fusion-Musik überhaupt. Oft vergisst man, was für eine Befreiung das damals bedeutete. Die frühen Jazzmusiker aus New Orleans mischten auf spektakuläre Weise Dur und Moll, das Triumphale mit dem Traurigen, Popmelodien mit afrikanischen Rhythmen. Heute gehöre ich mit Robert Glasper und Jason Moran zu einer neuen Generation schwarzer Jazzmusiker, die zeitgenössische Musikstile in ihre Kompositionen integrieren: Hip-Hop, Ambient, Post-Rock. Wir nutzen noch die harmonischen und rhythmischen Ideen des Jazz. Unser Material aber holen wir uns von überall her.

Das klingt wie eine Jugendrevolte im Jazz. Aber ist die Szene nicht tatsächlich vollkommen überaltert?

Ja. Das hat etwas mit der Vermarktung zu tun. Die Plattenfirmen habe es auf die ältere, wohlhabende weiße Kundschaft abgesehen. Aber kommen Sie mal nach New Orleans! Dort spielen schon Grundschüler ganz selbstverständlich Louis Armstrong oder Miles Davis.

Träumen Jugendliche nicht überall zuerst einmal davon, berühmte Rapper zu werden?

Nein. In New Orleans träumen sie noch häufiger von ihrer ersten Trompete. An jeder Schule in New Orleans gibt es bestimmt hundertfünfzig Trompeter, achtzig Alt-Saxofonisten und hundert Schlagzeuger. Wenn man dort eine Band anführt, ist man populärer als der Kapitän einer Footballmannschaft.

Nirgendwo kommunizieren Musiker so selbstverständlich über alle Genres hinweg wie in New Orleans. Haben Sie schon einmal daran gedacht, als der „Angry Young Man“ des Jazz mit Lil Wayne, dem ebenfalls aus New Orleans stammenden „Angry Man“ des Rap, Musik aufzunehmen?

Ich mag Lil-Wayne-Raps wie „I’m gonna drop the whole world on your fuckin’ head“ – das ist sehr New Orleans! Aber ich habe ihn mehrmals getroffen. Mich können all seine Tattoos nicht täuschen: Der Typ ist nicht der harte Bursche, als der er sich ausgibt. Glauben Sie mir: Am Ende ist Jazz viel härter, viel mehr Straßenmusik als dieser Gangster-Rap-Mist. Vielleicht ist das bei Ihnen in Europa nur noch nicht angekommen. In New Orleans weiß das jedes Kind.

Sie werden oft mit Miles Davis verglichen. Einerseits wegen Ihres lyrischen Trompetentons, andererseits wegen Ihrer politischen Radikalität. Halten Sie den Vergleich für gerechtfertigt?

Er ist in den Zwanzigerjahren in St. Louis aufgewachsen, ich in den Achtzigern in New Orleans. Und doch teilen wir immer noch dasselbe Problem: Wir müssen als Schwarze in Amerika überleben.

Sie haben Ihr Album nach Christian Atunde Adjuah, Ihrem afrikanischen Nom de Guerre , benannt und posieren auf dem Cover im vollen Feder- und Perlen-Ornat der Black-Indian-Tradition. Warum tun Sie das?

Ich verbeuge mich damit vor der Spiritualität von New Orleans. Und vor meinem Großvater Donald Harrison sen. Er war ein berühmter Black-Indian-Chief und mein wichtigster Lehrer. Mit vier Jahren diente ich ihm bei den rituellen Battles als Spy Boy . Das heißt, ich musste die Gegner ausspähen und mich mit deren Kundschaftern schlagen. Mir gefiel das. Ich war zwar recht schmächtig, aber Großvater war ein Preisboxer. Er lehrte mich zu kämpfen. Außerdem zwang er mich, zwei Bücher in der Woche zu lesen – und mit ihm über Politik, Geschichte und Amerika zu diskutieren.

INTERVIEW: JONATHAN FISCHER
SZ 8.8.2012

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