Vom Beat besessen: Ebo Taylor, der 74-jährige Altmeister des Afropop, gastiert im Import/Export

München – Die Welt ist ungerecht: Da gehört der Afrobeat seit den 70er Jahren zu den Bestsellern des Afropop, haben seine Rhythmen längst Eingang in den Indie-Rock und Hip-Hop gefunden, wird sein Pate Fela Kuti als eine Art afrikanischer Che Guevara verehrt – und doch bleibt dessen Zeitgenosse Ebo Taylor jahrzehntelang ein Geheimtipp. Es raunen lediglich ein paar Eingeweihte ehrfurchtsvoll den Namen dieser ghanaischen Musiklegende, der Nummer Zwei des Afrobeat. 74 Jahre alt musste der Sänger und Gitarrist werden, bevor er sein erstes international vermarktetes Solo-Album aufnehmen durfte: „Love And Death“, erschienen 2010 auf dem englischen Strut Label – und seitdem ein Türöffner für Taylor: Seine Songs wurden selbst von R&B-Größen wie Usher gesamplet, er wird auf den Festivals von Sao Paulo über Barcelona bis Tokio herumgereicht.

Einen Anteil an diesem spektakulären Comeback trägt – wer hätte das in der Heimatstadt von Embryo nicht für möglich gehalten? – auch ein Münchner: Jan Weissenfeld, seines Zeichens Mitbegründer der legendären Poets of Rhythm, Vinylsammler und Funk-Gitarrist, begleitet den Ghanaer live und im Studio und hatte auch sein Händchen bei der Produktion im Spiel. Man habe Ebo Taylor zufällig bei einem Auftritt der Berliner Afrobeat Academy in Accra, Ghana, kennengelernt. Und sich gewundert, welche Kraft seine Fusion aus ghanaischem Highlife, amerikanischem Jazz und Afrobeat heute noch – oder wieder – entwickeln könne. „Wir holten ihn dann in ein Studio in Berlin, um seine alten, nur noch auf verkratztem Vinyl erhältlichen Hits nochmals aufzunehmen. Knisterfrei.“ Am Ende aber entwickelte sich aus dieser Session mehr als ein bloßes Retro-Projekt. Ebo Taylors Sound bekam einen modernen Einschlag und entfaltete den ganzen Charme der ghanaischen Afrobeat-Variante: Weicher klingt sie als Fela Kuti, bläserselig und von wunderbaren harmonischen Chören getragen.

Als Ghana 1957 seine Unabhängigkeit erklärte, stand Taylor bereits auf der Bühne. In Kumasi, der Hauptstadt der Ashanti, führte er damals eine Highlife-Band namens Stargazers an. Mit einem zweiten Projekt namens The Broadway Band spielte er amerikanischen Jazz. Ghanas erster Premier Kwame Nkrumah erkannte das Talent des jungen Musikers und schickte ihn zum Musikstudium nach London, wo Taylor mit Fela Kuti jammte. Zurück in der Heimat, revolutionierte Taylor den ghanaischen Pop: Warum nicht den Highlife mit Jazz und Funk aufmöbeln? Nachdem der Highlife in den 70er Jahren an Zugkraft verlor, experimentierte Taylor mit Afrobeat, brachte, ähnlich wie Kuti, sozialkritische Texte und unwiderstehliche Rhythmuswalzen zusammen.

Mitte der 80er Jahre wurde es still um den einstigen Revoluzzer. Drei Jahrzehnte lang spielte der Großmeister des ghanaischen Pop keine Platte mehr ein – bis 2009 die Berliner Afrobeat Academy, Begleitband des deutsch-nigerianischen Rappers Ade Bantu, im Goethe-Institut in Acrra auftrat.

In ihrem Repertoire sind zwei Coverversionen von Ebo Taylor-Songs. Der Autor sitzt im Publikum, nimmt gerührt die Huldigung der Deutschen entgegen. Der Rest ist Geschichte: Die Band um Saxophonist Ben Abarbanel Wolff und Gitarrist Jan Weissenfeld lädt Taylor nach Berlin ein. Auf „Love And Death“ folgt 2012 „Appia Kwa Bridge“. Taylors Stimme hat nichts von ihrer Magie verloren. Die Kombination von funky Highlife-Gitarren und Soul-Gesängen klingt zeitgemäßer als je zuvor – nicht zuletzt, weil Indie-Pop-Größen wie TV On The Radio, Dan Auerbach oder The Vampire Weekend gerade erst auf den Afro-Fusion-Zug aufspringen. Da ist es eine einmalige Chance, in München das Original zu hören: 74 Jahre alt und immer noch vom Beat besessen!
JONATHAN FISCHER
SZ 18.6.2012

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