Der Grandmaster: Mitte der 70er Jahre hebt Afrika Bambaataa den Hip-Hop aus der Taufe – ein Gespräch über die politische Kraft von Musik

Wenn Afrika Bambaataa nach München kommt, steht für den Hip-Hop-Paten aus der Bronx vor allem ein Ort ganz oben auf seiner Besuchsliste, eine Adresse, die man nicht auf Anhieb mit Rap, MC-ing, Breakdancing oder Graffiti in Verbindung bringt: Die ägyptologische Sammlung. „Ich checke alles aus, was die Vergangenheit der Menschheit betrifft. Was uns unsere Wurzeln verstehen lässt. Mit der Zulu Nation möchte ich andere Kulturen studieren, um herauszufinden, wie wir unsere Zivilisation vorangetrieben oder vermurkst haben.“

Mitte 50 ist Bambaataa inzwischen, ein massiger Typ mit Bart und Holzkette, den man sich im ausgebeulten Trainingsanzug und ausgebleichter Baseball-Cap nur schwer in einem zeitgenössischen Hip-Hop-Video der Sorte Yacht- und Champagner-Party vorstellen kann. Zum Interview in einem Harlemer Soulfood-Imbiss lässt er die Sonnenbrille auf. Nicht aus Image-Gründen. Sondern weil er tags zuvor wie die meisten Tage im Jahr hinter den Plattenspielern gearbeitet hat und seine Augen sich erst an das grelle Tageslicht gewöhnen müssen.

Schon als Kind, sagt Bambaataa, habe er diesen Wissenshunger in sich verspürt: „Ich sah damals TV-Serien wie ,Star Trek‘ und Science Fiction Filme – und fragte mich, ob es nicht noch mehr gebe als die populäre Version der Wahrheit. Du kannst dich als Teil von Hip-Hop nicht um Wissen drücken, Wissen war immer Grundlage unserer Bewegung.“

Bambaataa diskutiert gern über Geschichte. Oder die Randgebiete der Wissenschaft. Man kann sich mit ihm stundenlang über die kemetische Kultur im alten Ägypten, über die schwarze Hautfarbe Jesu oder Ufologie unterhalten. Der Mann, der seit Mitte der 70er Jahre in der verwahrlosten South Bronx Block-Partys schmiss und die Zulu Nation als friedliche Alternative zu den oft gewalttätigen Gangs gründete, scheint Lichtjahre entfernt von den Vermarktungsorgien für Reifenfelgen, Schuhe und Softdrinks, mit denen Hip-Hop heute seinen Hauptumsatz macht. Verfolgt er überhaupt noch, was heute via Radio und TV als Hip-Hop präsentiert wird? „Party und Bullshit. Du kannst über nackte Ärsche und was immer du willst rappen – am Ende sollte es aber eine Art Balance geben.“

Die richtige Balance zu finden, war von Anfang an das Bestreben von Afrika Bambaataa, der als Warlord in einer berüchtigten lokalen Gang namens The Black Spades fungierte und mit 16 Jahren eine DJ-Battle gewann, bevor er auf die Idee kam, seinen Einfluss für die Verbesserung der Lebensbedingungen im Ghetto zu nutzen. Zum Beispiel mit der Zulu-Nation – Bambaataa benannte sie nach den Film „Zulu“ von Michael Caine – eine quasi-spirituelle Gemeinschaft unter einem Groove. Hip-Hop bedeutete Hoffnung: Man vertrieb die Drogendealer von den Partys. Trug Rivalitäten strikt auf der Tanzfläche aus. Und feierte außerirdische Neon-Verkleidungen als Ausdruck von Individualität.

Damit legte Bambaataa den Grundstein für Hip-Hop als weltweite kulturelle und soziale Bewegung. Er hatte genug street credibility, um selbst hartgesottene Gangster von seiner Wahrheit zu überzeugen: dass Hip-Hop und Wissen Brüder sind. „Ein guter DJ muss mehr kennen als seine Platten, er muss Sequenzen, die Stimmung seiner Zuhörer, die Mathematik der Beats kennen. Jeder MC muss sich mit Atemtechnik beschäftigen. Selbst die Graffiti-Künstler wären nichts, stünde nicht ein Wissen hinter ihrer Kunst. Eigentlich ist Wissen das erste Element von Hip-Hop, aber wir haben es – nach DJ-ing, MC-ing, B-Boying und Graffiti – das fünfte Element getauft.“

Es war Mitte der 70er Jahre, als Bambaataa den fiebrigen Aufbruchsgeist in die Bronx führte, den DJs wie Kool Herc und Grandmaster Flash in ganz neue Kanäle lenkten: Die Konkurrenten mögen die gewaltigsten Verstärker gehabt haben. Aber niemand verfügte über eine so eklektische Plattensammlung wie Bambaataa. Niemand spielte ausgefallenere Breaks. Niemand wagte es, sich so weit aus den Kellerfenstern der Bronx zu lehnen, um das musikalische Universum von deutscher Elektronik bis zu indischer Sitar-Musik zu umarmen. Seine Mixtapes kursierten für 20 bis 40 Dollar. Großes Geld war mit Hip-Hop zwar noch kaum zu verdienen. Aber Ansehen.

Anfang der 80er Jahre gehörte Bambaataa mit zu den ersten, die Hip-Hop über den Hudson nach Manhattan brachten, um in den Galerien und Clubs von Greenwich Village Post-Jazz und Proto-Punk-Einflüsse aufzusaugen. Afrika Bambaataas Eklektizismus fand hier zur Perfektion. James Brown, Sly Stone, Gary Numan, Malcolm-X-Reden, Kraftwerk und selbst Beethoven im selben Mix? Kein Problem. Hauptsache intensiv. Hauptsache unerhört. Auch Bambaataas eigene Aufnahmen erweisen sich als Avantgarde. 1982 veröffentlicht er mit der Soulsonic Force „Planet Rock“, ein Stück, das Funk, Electro-Beats und die Melodie von Kraftwerks „Trans Europa Express“ fusioniert – und bis heute stilprägend wirkt: Ohne Bambaataa wären House, Techno und Electro in ihrer jetzigen Form kaum vorstellbar. Mit der Zulu-Nation übersetzt Bambaataa seine Prinzipien in eine alle Grenzen ignorierende Hip-Hop-Ethik. „Ist doch egal, ob wir weiß, braun, schwarz, gelb oder rot sind. Frag lieber, wie du vor 1492 genannt wurdest! Rassen sind nur eine Illusion, die dazu dient, uns gegenseitig zu bekämpfen!“

Noch redete niemand von Polit-Rap, als Hip-Hop-Pate Bambaataa 1984 den Soul-Paten James Brown traf, um sein Ideal in eine großartige Funknummer zu übersetzen: „Unity, Part 1“. Bambaataa engagierte sich in der Folge gegen die Apartheid in Südafrika, tourte durch mehrere afrikanische Länder und organisierte mit „Hip-Hop Artists against Apartheid“ 1990 ein großes Benefiz-Konzert zugunsten des ANC im Londoner Wembley-Stadion, bei dem er den gerade freigelassenen Nelson Mandela und dessen Frau Winnie auf die Bühne brachte. Klar, dass dieser Aktivist der ersten Stunde heute ein wenig einsam wirkt. Seine Mission aber wird Bambaataa nie aufgeben: „Hip-Hop ist im Kern eine politische Bewegung – wir wissen bloß oft nicht, welche Macht wir als Konsumenten haben.“ So lancierte die Zulu Nation 2006 eine erfolgreiche Kampagne gegen die rassistischen und frauenfeindlichen Auswüchse bei der New Yorker Hip-Hop-Radiostation Hot 97. Der Sender spendete daraufhin einige Millionen Dollar für Wohlfahrtsorganisationen und entschuldigte sich öffentlich.

Während heute zunehmend die Ränder der Pop-Welt ins Zentrum rücken, Afrobeat, Ghettotech und Electro-Cumbia die Clubs erobern, scheint Bambaataas Zeit gerade erst angebrochen zu sein: „Die meisten Hip-Hop-DJs verfügen über eine fantastische Technik. Aber ihnen fehlt der Mut. Ich kann mir kein Set vorstellen, in das nicht auch Bob Marley, AC/DC, Gnarls Barkley oder Miles Davis passen.“ Dann nimmt Bambaataa die Sonnenbrille ab: „Hip-Hop ist größer als wir glauben!“
JONATHAN FISCHER
SZ 9.6.2012

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