Tanz den Afro-Futurismus! Das Rapperinnen-Duo Thee Satisfaction

Hip-Hop lebt von Posen des Andersseins. Weltanschauliche und musikalische Differenzen werden grossgeschrieben. Die Musikerinnen von Thee Satisfaction (geschrieben: «THEESatisfaction») hätten in dieser Beziehung einiges zu bieten. Wann gab es zuletzt ein Hip-Hop- und R’n’B-Projekt zweier Afroamerikanerinnen – beide bekennende Lesben –, die sich von Sun Ra und Ella Fitzgerald inspirieren lassen? Und ihre Musik beim Grunge- und Indie-Label Sub Pop in Seattle, Washington, veröffentlichen?

Was Hipness betrifft, so erreichen die beiden Intellektuellen mit Afrofrisuren Catherine Harris-White und Stasia Irons – alias Stas und Cat – eigentlich schon die volle Punktzahl, noch bevor sie eine Silbe gerappt haben. Und dennoch scheint ihnen jedes Posieren fremd. Auf ihrem 34 Minuten kurzen Debütalbum «Awe Naturale» verzichten sie auf jede Art von Message-Skits, auf Polit-Botschaften oder auf autobiografische Selbstdarstellung. Umso schöner ist es zuzuhören, wie die Rapperinnen mit höchster soundtechnischer Ökonomie und mit Songs, die kaum länger sind als drei Minuten, souverän am heutigen Mainstream-Hip-Hop vorbeitänzeln.

Klare Alternativen

Vielleicht liegt es an der relativen Isolation des Duos im pazifischen Nordwesten, dass Thee Satisfaction aus Seattle so klare Alternativen zur herrschenden «Odd-Future»-Rotzigkeit bieten. Auf der Vorab-Single «Queens» legte Irons die Spielregeln fest: «Leave your face at the door / Turn off your swag / Check your bag» – da zeigt sich selbstlose Nüchternheit, die alle gängigen Hip-Hop-Trends umkehrt. Mit der grellen Make-up-Masche der momentan erfolgreichsten Rapperin Nicki Minaj jedenfalls haben die beiden Nordlichter nichts zu tun. Und noch weniger mit deren Bombast. Ihre Referenzen liegen eher im eklektischen Neo-Soul von Erykah Badus, Georgia Ann Muldrows und Jill Scotts. Oder in den optimistischen Wortspielereien von A Tribe Called Quest. Und last, but not least: Im Afro-Futurismus eines Sun Ra. «Er war einer der freiesten schwarzen Männer, die je lebten», schwärmt Stasia. Während Cat von Sun Ras Gefolgsleuten in Seattle wie Julian Priester berichtet und dem tiefen Eindruck, den ihr abstrakter Jazz auf sie hinterlassen habe.

Thee Satisfaction streift immer wieder die schwarze Space-Age-Esoterik: Die Musik bezieht sich auf den kosmischen Jazz der sechziger Jahre und auf George Clintons Mothership Connection. In surrealen Räumen sucht das Duo auch einen Ausweg aus den didaktischen Sackgassen des Polit-Pop. Queens of the Stoned Age oder Empresses Of Time nannten sich die beiden auf ihren ersten EP. Ihre selbstproduzierten Loops funktionieren als Klangwolken und Drones. Und warum sollten sie ihre Raps nun nicht wie leichte Mitsing-Mantras inszenieren?

Stas und Cat hatten sich vor fünf Jahren als Studentinnen auf einer Open-Mic-Bühne kennengelernt: Die eine bewunderte Billie Holiday. Die andere liebte Neunziger-Jahre-Gangsta-Rap. Zusammen begannen sie zu improvisieren, eigene Songs zu schreiben, die sie auf einem Laptop mit dem Garage-Band-Programm vertonten. So entstanden mehrere EP, die ihnen 2011 ein gefeiertes Gastspiel auf dem «Black Up»-Album von Shabazz Palaces eintrugen. Der exzentrische Hip-Hop dieser Kollegen aus Seattle ist ideell verwandt. Doch wo der Shabazz-Palaces-Rapper Ishmael Butler in seinen Sci-Fi-Phantasien ins Mathematische abdriftet, da feiert Thee Satisfaction eine Party.

Grosse Hip-Hop-Kunst

«Whatever you do / Don’t funk with my groove», singt Cat in «Queens». Das mag banal klingen. Und doch bleibt genau dieser schwirrende Loop beim Hörer hängen. Und wie die beiden Rapperinnen einander vorwitzig ins Wort fallen, wie sich ihre Stimmen in schrägen Harmonien überlagern, wie die Vokale R’n’B-Sounds verschmelzen – das ist ebenso grosse Hip-Hop-Kunst wie die gelegentlichen Stakkato-Raps. Die Tracks entwickeln eine berauschende Qualität. Einmal fungiert ein verzerrtes Trompeten-Sample als Grundmotiv eines tropisch swingenden Jams. Dann wiederum werden knisternde Beats in spiralförmige Vokal-Loops geworfen, oder Händeklatschen kontrastiert mit einem Monster-Bass. Angesprochen werden Themen wie die Relevanz von Melanin oder die fröhliche Wissenschaft afrikanischer Haarstile. Jenseits von jeder Vulgär-Anmache versprechen die hellen Stimmen der beiden Rapperinnen – bald seufzend, bald schmachtend – aber auch Verführung und viel sinnliche Wunder. Ihren Afro-Futurismus tanzen sie mit Lust.

Thee Satisfaction: Awe Naturale (Sub Pop).

JONATHAN FISCHER
NZZ 25.5.2012

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