Hip-Hop und Rum: Der englische Starproduzent und DJ Gilles Peterson hat mit kubanischen Musikern die junge Szene Havannas revolutioniert

Seit dem Erfolg des Buena Vista Social Club ist Kuba zu einem popkulturellen Sehnsuchtsort geworden. Der englische Star-DJ, Produzent und Trendscout Gilles Peterson hat nun die junge Szene Havannas um sich geschart und mit ihr eine Fusion aus Rap, Soul, Son und Dubstep gebraut. Nachzuhören am Donnerstag, 24. Mai, im Bob Beaman Club.

Kuba war lange kaum auf Ihrer DJ-Landkarte vertreten.Wie sind Sie zu Ihrer aktuellen Mission gekommen?

Vor ungefähr dreieinhalb Jahren bekam ich einen Anruf von einem Vertreter von Havana Cultura. Das ist ein Kultur-Ableger der halbstaatlichen Rummarke Havana Club, die junge kubanische Künstler, Tänzer und Musiker fördert. Ob ich mir denn vorstellen könnte, ein Album mit junger kubanischer Musik zusammenzustellen – so ähnlich, wie ich das zuvor schon in Afrika oder Brasilien gemacht hatte? Ich sagte sofort zu. Ohne Sponsoring-Gelder wäre so ein Projekt nicht möglich. Und Havanna gehörte zu den Orten, die ich schon immer besuchen wollte.

Was erwarteten Sie sich dort?

Nun ganz ehrlich. Ich hatte kaum eine Ahnung. Alles, was ich kannte, waren diese alten Latin-Jazz und Descarga-Platten, die ich für die Jazz-Dancer auflegte. Und die moderne Salsa hat mir nie viel bedeutet. Ich sah sie als Funktionsmusik für Tanzveranstaltungen. Cool jedenfalls klang für meine Begriffe anders.

Sie hatten noch nie etwas von der kubanischen Hip-Hop-Szene gehört?

Nein, mit Ausnahme der Orishas, und es wäre wohl so geblieben, wenn ich als Tourist durch Kuba gereist wäre. Die Hotel- und Barbands spielen doch alle die selben Oldies: von „Guantanamera“ bis Chan Chan. Aber dank meines Mentors, des Jazzers Roberto Fonseca, lernte ich im Schnelldurchgang die erstaunlichsten Musiker kennen: vom Rapper Edrey bis zur Sängerin Osdalgia oder Danay, eine Art kubanischer Erykah Badu. Sie alle machten tolle Musik. Waren hungrig. Nur ihre Aufnahmen klangen unbefriedigend, schlecht produziert, altbacken.

Deshalb kamen Sie von der Idee des reinen Samplers wieder ab und beschlossen, selbst mit den Musikern ins Studio zu gehen und alles noch einmal neu einzuspielen?

Ja, drei Monate nach meinem ersten Besuch buchte ich mit Roberto Fonseca und seiner Band die legendären Egrem-Studios. Wir hatten dreieinhalb Tage Zeit.

Erstaunlich, was Sie da angesichts aller Kulturbarrieren aus den Musikern herausgeholt haben.

Ich sprach so gut wie kein Spanisch, konnte mich oft nur über Dolmetscher verständigen. Fonseca dagegen fehlte jede Ahnung von Elektronik. So tasteten wir uns aneinander heran.

Das daraus entstandene Album „Havana Cultura“ bekam weltweit Kritikerlob, Sie gingen anschließend mit den Kubanern auf Club-Tournee. Wie reagierten die Westler?

Wir haben mit Sicherheit eine Menge Leute, die wie ich kaum etwas von den beteiligten Musikern wussten, für den kubanischen Untergrund-Pop erwärmt. Insofern hatte ich meinen Auftrag erfüllt. Bis ich für Teil zwei zurückgebeten wurde: „Havana Cultura – The Search Continues“. Ich wollte, dass es dunkler klingt als der Vorgänger. Elektronischer. Wenn wir beim ersten mal aus dem Geist des Jazz heraus improvisierten, mit Profis, die im Studio alles in kürzester Zeit festzurrten, wollte ich beim zweiten Album mehr Gewicht auf die Produktion legen. Ich flog also schon vor den Aufnahmen nach Havanna, um Background-Tracks fertig zu stellen.

Dazu brachten Sie einen berüchtigten Elektro-Produzenten aus London mit.

Mala ist ein Pionier der Londoner Dubstep-Szene. Mich faszinierte die Vorstellung, wie er sich mit seinem jamaikanischen Background die Energie vor Ort einverleiben würde. Um die Bässe hochzufahren. Und etwas ganz Neues aus den kubanischen Traditionen herauszuholen. Mala hat dann alle Musiker noch einmal durch sein eigenes Studio geschleust – und ein Jahr lang an den Aufnahmen gearbeitet. Gerade sind die Masterbänder fertig geworden.

Diese Dubstep-Aufnahmen sollen das junge Kuba ein wenig näher an die Clubs in London, Paris und Berlin rücken?

In den letzten 25 Jahren habe ich viele Platten produziert: Von den Young Disciples über Nu Yorican Soul bis zu Four Hero. Aber das hier ist die stärkste Fusion überhaupt.

Gibt es das nicht schon im Dutzend? Elektronische Musik mit tropischen Geschmacksverstärkern?

Oft bleibt das ja eine Kopfgeburt, zwei verschiedene Musikwelten auf einander prallen zu lassen. Diesmal funktioniert es. Weil Mala nichts aufsetzt, sondern die kubanischen Rhythmen in seine eigene Bass Music einbaut.

Hören die Kubaner auch entsprechende Musik? Oder sind die Havana Cultura-Aufnahmen letztlich genauso wie die ganze Buena Vista Social Club-Geschichte in erster Linie Produkte für den westlichen Markt?

Nein, da liegen Sie ganz falsch. Die jungen Kubaner lechzen förmlich nach neuem Stoff aus aller Welt. Das hat sicherlich mit ihrer relativen Isolation zu tun. Westliche Plattenaufnahmen, Musikfernsehen, Internet – das können sich nur die allerwenigsten leisten. Trotzdem findet die neueste Tanzmusik via Spanien oder Miami ins Land. Es gibt hier eine florierende Techno- und Elektro-Szene mit DJs, die auch selbst produzieren. Insofern passt Malas Gastspiel perfekt: Als wir letztes Jahr die erste Dubstep-Party in Havanna auf die Beine stellten, haben die Menschen sich euphorisch in die Musik gestürzt. Ein Tänzer spielte spontan auf einer mitgebrachten Trompete dazu. Das gefiel uns so gut, dass wir ihn am nächsten Tag gleich ins Studio baten.

Interview: Jonathan Fischer
SZ, 25.6.2012

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