Afro statt retro: Afrikanische Pop-Fusionen von Amadou & Mariam, Mark Ernestus und Analogik

Seit Jahren nützen westliche Pop-Musiker Musik aus Afrika als Sound- und Inspirationsquelle. In den neuen Afro-Fusionen von Amadou & Mariam, Mark Ernestus und Analogik begegnen sich Musiker verschiedener Kontinente auf Augenhöhe.

Jonathan Fischer

Mag der Schwarze Kontinent in den Nachrichten eine Negativschlagzeile nach der anderen liefern. Popmusikalisch steht er höher im Kurs als je zuvor. Ein Strom von Musikern aus dem Westen pilgert nach Afrika, seit es hip geworden ist, in Lagos, Nairobi oder Kinshasa lokale Flavors aufzugabeln und in Kooperation mit heimischen Künstlern die eigenen Schablonen aufzubohren, altgewohnte Beats zu modifizieren oder durch neue, unerhörte Klangfusionen zu ersetzen. Nachdem es lange so ausgesehen hat, als sei das Ende der Rockgeschichte gekommen und würden selbst junge Bands nur noch mit der Wiederaufbereitung bekannter Pop-Moden punkten, scheint jemand den Vorhang vor dem Horizont weggezogen zu haben. Er reicht plötzlich viel weiter als nur bis nach Manchester, Memphis oder Seattle – und auf dem Himmel darüber steht gar nicht retro – sondern vielmehr: afro.
Afrikanische Musik von No-Names

Damon Albarn machte 2002 den Anfang: Er reiste nach Mali und gründete drei Jahre später die Initiative «Africa Express» als Zusammenschluss befreundeter Musiker, Musikindustrie-Insider und Enthusiasten, die den Austausch mit afrikanischen Musikern verschiedener Genres, Kulturen und Generationen fördern wollen. Westliche Indie-Rocker von Animal Collective bis Björk jammten mit kongolesischen Likembe-Orchestern. Englische Dubstep-Produzenten nahmen letztes Jahr zusammen mit Albarn in Kongo-Kinshasa auf (BRC Music), während Techno-Musiker aus Berlin in Nairobi ein tolles Hip-Hop-Crossover-Album produzierten («BLNRB»). Die Stars kamen aus dem Westen. Die No-Names vor Ort profitierten von deren Verbindungen.

Geht es aber darum, afrikanischen Pop-Stars auf Augenhöhe zu begegnen, gibt es immer noch wenige Musiker, die so anschlussfähig sind wie Amadou & Mariam. Das blinde Sängerpaar aus Mali hatte für seine letzten Alben Produktionshilfe unter anderem von Manu Chao und – natürlich – von Damon Albarn erhalten. Sein Bluesrock schien per se schon den halben Weg über den Atlantik zu Howlin‘ Wolf und Jimi Hendrix zurückgelegt zu haben. Nun aber wagen die Malier das Rendez-vous mit den amerikanischen Hipster-Figuren von heute.

Für ihr neues Album «Folila» reisten sie nach New York, luden unter anderem TV on the Radio, Santigold, Theophilus London und Musiker der Yeah Yeah Yeahs und der Scissor Sisters ins Studio. Doch das war nur der erste Teil. Danach nahmen sie alle Songs noch einmal mit afrikanischen Musikern und traditionellen Instrumenten auf. Die Produzenten sollten am Ende Bamako und Brooklyn zusammenbringen. Klingt nach mildem Exotismus für einen maximalen Markt. Und doch ist kein Afro-Rock-Kitsch herausgekommen, sondern ebenso komplexe wie eingängige Songs, die selbst Skeptiker begeistern dürften.

Etwa «Wily Kataso». Da bringen TV on the Radio ihren Funk so selbstverständlich ein, als hätten sie schon immer zur Band der Malier gehört. Oder «Dougou Badia» mit Santigolds Gast-Gesang. Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs legt seine ausgehaltenen Gitarrentöne über Amadous Stakkato. Und auch das bisschen Disco-Glitter von Jake Shears (Scissor Sisters) auf «Metemya» zeigt, wie weit die Pop-Hemisphären bereits zusammengewachsen sind. Beziehungsweise: wie universal aufnahmefähig der malische Groove ist.

Amadous dreckig-bluesiger Gitarrenstil und Mariams Klagegesänge bleiben stets Zentrum der Aufnahmen. Sie wirken unangreifbar. Entsprechend respektvoll fügen ihre Gäste und Produzenten ihre Beiträge ein. Diese Herangehensweise ist nicht selbstverständlich. Denn lange lief es umgekehrt: Westliche Musiker pickten sich kleine afrikanische Klangschnipsel heraus, rissen sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und behandelten sie wie Fundstücke ohne Ort und Geschichte. Im Zeitalter des Samples ist das legitim. Doch vielen Afro-Enthusiasten reicht diese Vorgehensweise nicht mehr. Zu ihnen gehört etwa der Berliner Dub-Produzent Mark Ernestus: Früher re-mixte er Tracks des Afrobeat-Pioniers Tony Allen, südafrikanischen Shangaan-Folk oder Konono No 1 aus Kinshasa, nun landete er während einer Feldforschungs-Reise durch Senegal mit 20 der besten Sabar-Trommler des Landes in einem Studio in Dakar. Ihr gemeinsames Projekt: Jeri-Jeri. Wer den Minimal-Techno-Sound von Ernestus‘ Basic-Channel-Label kennt, wird erstaunt sein, wie wenig der Berliner in die Sessions der Trommler, Sänger und ihrer senegalesischen Gastmusiker eingreift. Stattdessen lässt er ihren Trance-Groove ungebremst laufen. Und als Fan und Bewunderer steuert er nur minimale Studio-Effekte bei.
Respekt

Ähnlich respektvoll geht das dänische Musikerkollektiv Analogik mit den Klängen Afrikas um. Beziehungsweise seiner neu entdeckten Liebe zum äthiopischen Jazz. Früher einmal spielte man Elektro-Swing, Ska und Gypsy-Musik. Nun eifern die Dänen ostafrikanischen Vorbildern nach: etwa Mulatu Astatke, der in den sechziger Jahren Jazz- und Latin-Klänge aus New York nach Addis Abeba exportierte und dessen pentatonischer Funk – von Dr. John bis zu Kanye West – gerade zum beliebtesten Afro-Accessoire westlicher Pop-Erneuerer avanciert. Allerdings hört man Analogik durchaus noch Hip-Hop- und Elektro-Bezüge an. Sie rüsten die ursprünglich auf der Farfisa gespielten Orgel-Riffs mit Bässen und Synthies so weit auf, dass wohl auch westliche Raver sie intuitiv verstehen. Das Prinzip ist afrikanisch: anreichern, umrühren, panschen. Und den dabei anfallenden Dreck nicht wegputzen, sondern als produktives neues Element in den Groove einbetten.

So verfahren auch Amadou und Mariam auf «Folila». Die ursprünglich geplante, «saubere» Lösung wären zwei Alben gewesen. Eine westliche Pop-Platte. Und ein Album, auf dem die Malier um Ngoni-Spieler Bassekou Kouyaté und die Perkussionisten Vieux et Boubacar Dembélé unter sich geblieben wären. Am Ende folgten sie dem Weg aller afrikanischen Pop-Musik. Dem Gebot der Entgrenzung und Vermischung. Die Afro-Fusion-Küche läuft weltweit gerade auf Hochbetrieb. Wir dürfen uns diesen Sommer auf weitere Mix-Abenteuer freuen.
JONATHAN FISCHER
NZZ 20.4.2012

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