Paul Weller über Väter

Süddeutsche Zeitung: Mister Weller, Sie sind 53 und haben vor ein paar Wochen mit Ihrer jungen Ehefrau Hannah Andrews noch mal Zwillinge bekommen. Glückwunsch!

Paul Weller: Danke.

Das heißt – Sie, die stets untadelige Stil- und Popikone der Neunziger, haben jetzt sieben Kinder um sich rumspringen?

Wenn alle mal gleichzeitig zu Besuch sind, ja. Aber das kommt bei Patchwork-Familien wie meiner eher selten vor.

Ihre Musik darf man heute wahrscheinlich trotzdem auf keinen Fall ,Dad-Rock‘ nennen?

Dad-Rock? So was Idiotisches! Ich habe mich dran gewöhnt, Beleidigungen einzustecken. Aber der Journalist, der mir vor ein paar Jahren den Ausdruck Dad-Rock anhängen wollte, war denkfaul . . .

. . . weil die jungen Rockbands von heute sich sowieso alle von der Musik ihrer Väter inspirieren lassen?

Jeder, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, ist zwangsläufig mit Rock ’n’ Roll aufgewachsen. So hören Eltern und Kinder heute den gleichen Sound. In meiner Jugend war das anders; die Großeltern-Generation begeisterte sich für Musik von Langweilern wie Vera Lynn. Mom und Dad dagegen rockten: Bei uns zu Hause liefen jedenfalls Little Richard, Chuck Berry und Elvis.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, sich vonder Musik Ihrer Eltern abzugrenzen?

Warum sollte ich? Nein, ich liebte meine Mom dafür, dass sie mich in Elvis-Filme mitnahm. Meine Mutter war bei meiner Geburt erst 18 Jahre alt. Ich habe Kindheitserinnerungen an sie als junge Frau, die mit den neuesten Singles nach Hause kommt und laute Musik auflegt.

Und Ihr Vater, John Weller, hat Sie jahrzehntelang als Manager betreut.

Ja. Rock ’n’ Roll hat den Umgang von Eltern und Kindern verändert. Und wenn du so drauf bist wie mein Dad, kannst du dir sogar mit 60 Jahren immer noch einen Joint bauen und dazu Pink Floyd aufdrehen.

Was wäre wohl ohne Rock ’n’ Roll aus Ihnen geworden?

Gute Frage. Nachdem ich das erste Mal die Beatles gehört hatte, wusste ich jedenfalls: Das Leben wird nie wieder so sein, wie es mal war. Unsere kleine, arme Vorstadtsiedlung in Wokey, 30 Kilometer außerhalb Londons, leuchtete plötzlich in Technicolor. Vorher sah die Perspektive so aus: Du suchst dir einen Job, heiratest, bekommst Kinder, und das war’s. Ein Scheißleben.

Sie haben noch auf dem Bau gearbeitet, bevor Sie mit Musik Ihr Geld verdienten.

Korrekt.

Ihre Kinder gehen heute auf teure Privatschulen und haben so zumindest die Chance auf höhere Bildung. Wenn Sie als junger Mann hätten wählen dürfen. . .

. . . auf eine Uni zu gehen? Nein, niemals, Fuck it! Mein Vater war Bauarbeiter, meine Mutter Putzfrau, und als ich sagte, ich werde Rockmusiker, meinten sie nur: Great. Sie waren cool, stärkten mir den Rücken, egal was ich vorhatte. Mein Dad lieferte mir ein so großartiges Rollenmodell fürs Vatersein. Er war mein bester Freund. So möchte ich es mit meinen Kindern auch halten. Natürlich muss ich sie erziehen, fordern, ermahnen – trotzdem finde ich die Freundschaft zwischen uns am wichtigsten.

Dabei können Sie ganz schön harsch sein. Facebook beispielsweise bezeichnen Sie als Schwachsinn. Kaum vorstellbar, dass Ihre Kinder das genauso sehen. Oder?

Meine Kinder schreiben den halben Tag auf ihren iPhones Facebook-Nachrichten. Na gut, sie kennen es nicht anders. Aber in meinem Alter sollte man doch über so etwas hinweg sein. Wenn mir ein Erwachsener erzählt, er hätte jetzt 300 Facebook-Freunde, muss ich laut lachen. Wie viele von ihnen hat er schon getroffen, und wann zum letzten Mal? Da habe ich doch lieber fünf Freunde, mit denen ich mich anständig unterhalten kann.

Diskutieren Sie denn darüber mit Ihren Kindern?

Ich würde diesen Social-Media-Quatsch am liebsten aus meinen vier Wänden verbannen. Andererseits: Wer will seine Kinder schon zu Außenseitern machen?

Sind Sie sich denn wenigstens in punkto Musik einig?

Na ja.

Ihr 23-jähriger Sohn Natt stand immerhin schon mit Ihnen auf der Bühne. Und Ihre 20-jährige Tochter Leah singt auf einem Song Ihres neuen Albums ,Sonik Kicks‘ mit.

Das schon. Aber von sich aus hören die beiden wirklich ziemlich merkwürdige japanische Popmusik.

Vielleicht der einzige Sound, mit dem sie ihrem Vater ein Schnippchen schlagen können?

Wahrscheinlich. Ich kann dieses Zeug nicht ausstehen, klingt wie verdammt schlechte Oper, der man Rockmusik untergejubelt hat. Trotzdem respektiere ich meine Kinder dafür, dass sie da selbst draufgekommen sind – und auch dafür, dass sie Rihanna und die Beatles hören. Sie sind so viel offener als ich in meiner Jugend; da waren nämlich nur ganz bestimmte Bands erlaubt.

Ihre Coolness-Regeln waren ziemlich streng, damals in den achtziger, neunziger Jahren, oder?

Es hatte schon seinen Vorteil, mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen und alles links und rechts als Müll zu markieren. Sonst wäre ich nie so fokussiert an meine Musik rangegangen.

Hatten Sie nicht vor, als letztes Album Ihrer Band ,Style Council‘ eine Houseplatte zu veröffentlichen?

Die Plattenfirma hat nicht mitgespielt. Möglicherweise fürchtete sie, dass unsere Fans musikalisch noch engstirniger wären als wir.

Was die Kleiderordnung betrifft, sind Sie jedenfalls als ziemlich gnadenlos bekannt . . .

Gnadenlos? Das hat eher was mit Haltung zu tun, mit Selbstrespekt. Wenn du in einer Arbeiterstadt wie Wokey aufgewachsen bist, kam es darauf an, am Wochenende im Club gut geschnittene Hosen und die richtigen Schuhe zu tragen.

Waren das diese Mod-Bowling-Schuhe, die Sie mit ,The Jam‘ populär machten, oder später Ihre Loafers aus der Style- Council-Zeit?

Welche auch immer, es ging darum, selbst die Spielregeln zu bestimmen, anzusagen, wer Stil hatte und wer nicht.

Ging mit dieser Einstellung manchmal nicht auch eine gewisse künstlerische und menschliche Rücksichtslosigkeit einher?

Inwiefern?

In Ihrer Biographie ,Changing Man‘ werden Sie als ,gutherziger Mensch‘ beschrieben, der aber ,auch aggressiv, übergriffig, selbstsüchtig und höchst intolerant sein kann‘.

Manchmal muss man einfach arrogant sein. Ohne diese Leidenschaft, diesen Glauben an dich selbst kommst du nirgendwo hin.

Von Demut halten Sie nicht viel?

Doch, doch, die kommt mit dem Alter ja auch unweigerlich. Aber sie ist bestimmt nicht die Kraft, die dich als jungen Musiker nach oben bringt. Ich komme aus einer anderen Zeit, aus der alten Arbeiterklasse. Und da hieß es: Wenn du etwas im Leben erreichen willst, musst du hart dafür arbeiten. Das ist die Ethik, mit der ich groß geworden bin. Da musst du einfach Fans oder frühere Kollegen enttäuschen – weil du ohne sie weitergehst. Irgendjemandem trittst du auch immer auf die Füße. Aber was ist ehrlicher? Aus falscher Rücksicht auf der Stelle zu treten oder sich fortzuentwickeln? Wer ein Anführer sein will, hat gar keine Wahl.

Sind Sie nicht auch jemand, der es genießt, andere vor den Kopf zu stoßen? Einmal haben Sie sich einer Musikzeitschrift gegenüber sogar als Tory-Anhänger verkauft.

Das war in der Zeit bei ,Style Council‘. Sei mal wie Bob Dylan, dachte ich damals, der geht auch auf die Bühne und spielt eine Version von ,The Times They Are a-Changing‘, die beim besten Willen niemand verstehen kann. Mir ging es damals ums Image. Mittlerweile frage ich mich: Was hat man von derlei Spielchen?

Musikalisch provozieren Sie immer noch. Dabei hätten Sie sich doch längst, wie andere erfolgreiche Künstler Ihres Alters, ins Landhaus zurückziehen können, um alle paar Jahre ein schön nostalgisches Comeback-Album vorzulegen.

Nein, ich brauche den Druck, die Herausforderung, um mich zu spüren. Für andere mag Nichtstun paradiesisch sein. Für mich bedeutet Stillstand die Hölle. Du wirst einen Arbeitersohn wie mich nie so weit bekommen, dass er zufrieden die Hände in den Schoß legt.

Sie waren schon immer ein politischer Künstler. Auf Ihrem neuen Album kritisieren Sie die britische Beteiligung an den Kriegen in Irak und Afghanistan. Glauben Sie immer noch, dass Musik die Gesellschaft ändern kann?

Früher habe ich tatsächlich an die politische Kraft der Musik geglaubt. Das könnte man rückblickend naiv nennen. Andererseits: Wenn meine Musik nur ein paar Individuen verändert hat, hat sie doch auch die ganze Welt verändert, oder?

Zumindest Premierminister David Cameron haben Sie als Fan gewonnen. Er schwärmte mal öffentlich von Ihrem alten Hit ,Eton Rifles‘.

Das habe ich auch nie kapiert.

Darin machen Sie sich über die Schnösel aus Elite-Universitäten wie Eton lustig, die auch Cameron besuchte.

Er muss den Text irgendwie komplett missverstanden haben.

Auch haben Sie nie ein Hehl aus Ihrer Ablehnung von Camerons Politik gemacht. Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihm begegneten?

Tatsächlich hatte ich unlängst das Vergnügen. Als ich meine beiden jüngeren Kinder zu einem Skatepark brachte und mit ihnen die Ausrüstungsläden inspizierte, schlenderte David Cameron mit seinem kleinen Sohn herein.

Und?

Wir schauten uns kurz in die Augen und murmelten dann so was in der Art von ,Mmmhdoing?‘ Verdammt bizarr. Vielleicht wäre unser Zusammentreffen anders verlaufen, wenn wir nicht gerade beide mit unseren Kindern unterwegs gewesen wären.

Sie beschäftigen sich musikalisch immer mehr mit dem Thema Familie.Auf Ihrer neuen Single ,Be Happy Children‘ lassen Sie Ihren sechsjährigen Sohn Max singen. Von was handelt der Song?

Von meinem 2009 verstorbenen Vater. Was würde Dad heute wohl sagen? So etwas wie: ,Nicht weinen, ich lebe doch noch in dir . . .‘ Sein Tod hat meinen Glauben gestärkt. Wahrscheinlich sitzt er da oben an der Bar und wartet auf mich, so wie er es auch zu Lebzeiten gemacht hat.

Ihr Vater war nicht nur Bauarbeiter, sondern auch Boxer. Ein Mann also, der physischen Kontakt nicht scheute. Hat das auf Sie abgefärbt?

Er hat mich einmal als Fünfjährigen zum Training in seinen Boxclub mitgenommen. Da fragte mich einer von den größeren Jungs, ob ich nicht mal in den Ring steigen wolle; nur ein bisschen zum Sparring. Dann schlug er mich so fest in den Magen, dass ich mich auf dem Boden hin und her wand. Das war’s dann. Vor ein paar Jahren habe ich dann doch wieder mit dem Boxen angefangen und erkannt: Trainieren, bis es schmerzt, das liebe ich. Müssen die Gene meines Vaters sein.

Was haben Sie denn sonst noch von ihm geerbt?

Zähigkeit. Arbeitseifer. Den Hang zur Sauferei.

Probleme unter den Tisch zu trinken?

Nein. Der Alkohol ist dort, wo ich herkomme, eher eine gesellschaftliche Gepflogenheit. England lebt durch die Flasche. Seitdem ich 14 Jahre alt bin, habe mit meinem Dad in der Eckkneipe getrunken und Snooker gespielt. Was auf seine Weise großartig war.

Andererseits haben Sie wegen Ihrer Kinder mit dem Trinken aufgehört.

Das war der Durchhalte-Grund. Aber vor allem sehe ich heute, dass der Entzug auch meine physische, mentale und spirituelle Erscheinung zum Positiven verändert hat.

Dafür, dass Sie eine Stilikone des Cool sind, klingen Sie auf Ihrem neuen Album oft herzzerreißend zugänglich und einfach; etwa im Duett mit Ihrer Ehefrau.

Was gibt es Einfacheres als die Liebe? Hemdenmarken, Schuhe, Musikreferenzen: All die komplizierten Sachen zählen dann nicht mehr, es zählt nur noch, was gerade ist. Die Liebe vereinfacht das Leben. Alles ist plötzlich möglich.

Selbst Ausdruckstänze in der Öffentlichkeit?

Liebhaber und Väter dürfen auch uncoole Sachen tun.

Paul Weller, geboren am 25. Mai 1958, gilt seit Jahrzehnten als Leitfigur des britischen Pop. Dabei durchlief er zahlreiche Brüche: vom Punk-Bengel zum Modfather, vom Soul-Dandy zum Indie-Rocker. 1972 gründete der gerade mal 14-jährige Arbeitersohn die erste Inkarnation von „The Jam“. Sein Vater John Weller übernahm damals das Management: Zunächst buchte er das Quartett in Arbeiter-Clubs, wo es eine Mischung aus Beatles-Songs und Wellers Eigenkompositionen darbot. 1977 kam der Durchbruch. In den folgenden Jahren eroberten The Jams sozialkritische Songs wie „Eton Rifles“ und „Going Underground“ die britischen Charts. 1982 löste Paul Weller die Band auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs auf. Mit seiner neuen Band „Style Council“ lehnte er sich stilistisch eher am Soul an. Dabei war er ein wesentlicher Auslöser des Mod-Revivals der 80er Jahre. Seit 1990 verfolgt Weller eine Solokarriere. Er trug indirekt zum Erfolg von Britpop-Bands wie „Blur“ und „Oasis“ bei. 2009 wurde er für sein Album „22 Dreams“ mit dem Brit Award als „Bester männlicher Solomusiker“ ausgezeichnet. Weller, der bereits fünf Kinder aus drei Beziehungen hat, heiratete 2010 die Sängerin Hannah Andrews, die auf „22 Dreams“ mitgewirkt hatte. Im Januar 2012 bekam das Paar Zwillinge: John Paul und Bowie Weller.

„Ich respektiere, dass
meine Kinder Beatles
und Rihanna hören.“

„Wahrscheinlich wartet
mein verstorbener Dad
da oben an der Bar. . .“

„Komplizierte Sachen
wie Hemdenmarken
werden bei Liebe egal.“

Paul Weller, Stilpapst und Leitwolf des Britpop, empfängt im Hotel am Hackeschen Markt. Gerade hat er mit einer Journalistin Mode-Quiz gespielt: Outfit, in dem er sich nicht erwischen lässt? Trainingsanzug. Übelste Schuhsünde? Cowboystiefel. . . Jetzt lehnt er mit einer Tasse Tee im Sessel. Redet er über

seine Kinder oder seinen Dad, wird die Stimme weich, und er ringt, vielen „fucking“-Interpunktionen zum Trotz, um die richtigen Worte.
JONATHAN FISCHER
SZ 7.4.2012

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