Der feine Unterschied: Dr. John über Blues-Hipster, Schießereien und sein neues Album „Locked Down“

Der aus New Orleans stammende Blues-Pianist Dr. John ist eine der Legenden der Popmusik, denen der ganz große Publikumserfolg immer verwehrt geblieben ist. Dafür gehörten zu seinen bekennenden Fans immer die Größten der Großen, darunter Frank Zappa, die Rolling Stones , Phil Spector, Aretha Franklin oder Eric Clapton. Mit seinem soeben erschienen neuen Album „Locked Down“ (Nonesuch/Warner) ist dem 71-Jährigen jetzt mit Hilfe des Gitarristen und Sängers Dan Auerbach von den Black Keys ein furioses Alterswerk gelungen. Derzeit ist er auch Gast der Brooklyn Academy of Music, die drei Wochen lang seinen Beitrag zur amerikanischen Musik feiert.

SZ : Mr. John, 40 Jahre nachdem Sie von Eric Clapton und den Rolling Stones gefeiert wurden, hat Sie jetzt eine neue Generation von Blues-Hipstern entdeckt. Wie kam es zur Zusammenarbeit?

Dr. John : Dan Auerbach kam im vergangenen Jahr nach New Orleans, um mich zu treffen. Am Ende standen wir bei einer Jam-Session zusammen auf der Bühne. Ich kannte ihn nicht, bis mir meine Enkelin eine Platte der Black Keys vorspielte.

SZ: Ich finde, dass „Locked Down“ die beste Dr.-John-Platte der vergangenen drei Jahrzehnte ist. Wie sah die Arbeitsteilung im Studio aus?

Dr. John: Ich habe die Texte geschrieben und dann habe ich mit Dan und der Band an den Sons gearbeitet. Der erste Take, der sich gut anfühlte, landete dann auf dem Album!

SZ: Ihr bluesiger New Orleans Groove passt erstaunlich gut zu verzerrten Gitarren und afrikanischen Bläsern. Haben Sie das erwartet?

Dr. John: Dan Auerbachs Leute waren einfach großartig. Er hatte diesen jungen deutschen Schlagzeuger dabei . . .

SZ: Sie meinen den Münchner Max Weissenfeldt von den Poets of Rhythm?

Dr. John: Ja, und der hatte diese ganzen afrikanischen Rhythmen drauf. Das fühlte sich richtig gut an. Wir saßen im Studio, aßen äthiopisch und hörten uns die ganze Zeit äthiopischen Jazz an.

SZ: Sie spielen auf dem Album diese wunderbar verspukten Grooves auf der Farfisa-Orgel. Haben Sie eine besondere Beziehung zu diesem Instrument?

Dr. John: Ja, ich habe die Farfisa immer gehasst. Das letzte mal habe ich sie 1969 für Doug Sahm gespielt. Aber diesmal klang sie genau richtig. Dan wollte mich nicht Klavier spielen lassen, nur Orgel, Farfisa und Fender-Rhodes.

SZ: Sie haben als Gitarrist angefangen, wurden dann aber Pianist. Warum?

Dr. John: Das war schon 1960. Die Clubs, in denen wir spielten, waren keine familienfreundlichen Orte. Mir wurde in den Finger geschossen, als ich den Kerl aufhalten wollte, der unseren Sänger Ronnie Baron verprügelte.

SZ: Ihr Debüt „Gris-Gris“, das Sie 1968 veröffentlichten, ist eines der einflussreichen Alben der Popgeschichte. Sie verbanden darauf indianische Spiritualität, New Orleans Folklore und psychedelischen Rock. Wie kam es dazu?

Dr. John: Ich habe „Gris Gris“ aufgenommen, um die Kultur meiner Stadt am Leben zu erhalten. Die Melodien auf der Platte hatte ich in den Voodoo-Tempeln gehört. Ich habe nur die Texte verändert.

SZ: Wollte Dan Auerbach den Dr. John von damals wieder aufleben lassen, der sich „The Night Tripper“ nannte?

Dr. John: New Orleans ist ein wunderbar spiritueller Ort, an dem sich afrikanische, christliche, spanische und indianische Einflüsse eine ganz eigene Kultur hervorgebracht haben.

SZ: Sie singen auch auf Ihrem neuen Song „Eleggua“ einen Voodoo-Chant. Was bedeutet Ihnen Voodoo?

Dr. John: Wir sind seit 1970 vom Staat Louisiana offiziell als Kirche anerkannt. Ich habe lange in einem Tempel in Elysian Fields, New Orleans praktiziert.

SZ: In letzter Zeit gehen Sie wieder mit Federschmuck und Regalia als „Night Tripper“ auf die Bühne. So wie in den siebziger Jahren, als Sie mit Ihrer Band wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet wurden.

Dr. John: Das war in St. Louis. Wir hatten einen Mann namens Chickenman mit auf der Bühne. Er opferte ein Huhn. Biss ihm also den Kopf ab, trank das Blut und warf es dann einer Schlange zum Fraß vor. Ein nacktes Mädchen tanzte anschließend mit der Schlange. Für eine Show war das alles doch ziemlich real.

SZ: David Simon, in dessen New-Orleans-Fernsehserie „Treme“ Sie auftreten, bezeichnet Sie als Bibliothek der Kultur, Religion und Musik Ih rer Heimatstadt. Sind Sie damit einverstanden?

Dr. John: Zum Glück bin ich nicht allein: Monk Boudreaux und die ganzen Mardi Gras Indians bewahren unser Erbe. In New Orleans ist alles miteinander verbunden.

SZ: Sie haben sich seit Katrina häufiger politisch geäußert. Soll auch Ihre Musik politischer verstanden werden?

Dr. John: Songs wie „Revolution“ oder „Ice Age“ handeln von einer Realität, über die Politiker nicht gerne reden: Ganze Nachbarschaften wie der Ninth Ward sind zerstört worden. Die Häuser, die Brad Pitt dort bauen lässt, können sich die alten Einwohner sicher nicht leisten. Und unsere Küste leidet immer noch unter der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Es gab schon früher Hunderte Lecks, trotzdem bohrten die Öl-Konzerne immer weiter. Es ist nun Aufgabe der Musiker, die Wahrheit in die Welt zu tragen.

SZ: Immerhin sind Brassbands und Mardi Gras Indians aus New Orleans heute fast präsenter als je zuvor.

Dr. John: Unsere Bastard-Kultur ist ein Segen. Man findet den Einfluss von Voodoo überall. In den Trommelrhythmen, dem karibischen Beats, der Spiritualität, selbst im frühen Rock ’n’ Roll.

SZ: Was enthalten eigentlich die Säckchen, die Sie immer um Ihren Hals

tragen?

Dr. John: Da ist 95 Prozent gute Medizin drin. Und 5 Prozent schlechte. Damit du noch den Unterschied merkst.
Interview: Jonathan Fischer
SZ, 3.4.2012

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