«Amerika führt Krieg gegen sich selbst» – Gesellschafts-Romancier, Ghetto-Chronist, Grossstadt-Anwalt: ein Treffen mit David Simon

Mit der Serie «The Wire» schrieb David Simon Fernsehgeschichte: Die auf seinen Erfahrungen als Polizeireporter fussenden Drehbücher sind Milieustudien, die auch den Zerfall des amerikanischen Gemeinwesens reflektieren. Gegen die Tendenz, diese Phänomene einfach zu verdrängen, kämpft Simon heute noch an.

Es ist zehn Uhr morgens an einem milden Februartag im Lower Garden District: Die Sonne bringt die rosa, hellblau und gelb gestrichenen Holzfassaden der Villen zum Leuchten, Vögel zwitschern, und der Duft blühender Magnolienbäume mischt sich in die Kaffee-Aromen aus den Schwingtüren der Coffee-Shops. An so einem Tag wirkt New Orleans wie ein Versprechen für alle Sinne. Aus der Ferne schwebt der gedämpfte Strahl einer Trompete heran: Gut möglich, dass gleich eine Brassband um die Ecke marschiert, eskortiert von Sonnenschirme schwenkenden Tänzern.

Nur ein halbes Dutzend blinkender Polizeiautos stört das Idyll. Staffage für einen Dreh von David Simons halbdokumentarischer Fernsehserie «Treme» – und eine Erinnerung an die andere, düstere Seite der Grossstadt. Für «Treme» mag die Hafenstadt am Mississippi mit ihrer Küche, ihren Musikern, wilden Bläser-Jams und ausgelassenen Paraden vor allem das sinnliche Herz Amerikas darstellen, ein Beispiel für den Reichtum, den der amerikanische

melting pot

und sein Mix unterschiedlichster Immigranten-Kulturen hervorbringen können. Gleichzeitig aber leidet New Orleans unter denselben Krisensymptomen wie so viele amerikanische Grossstädte: Auch hier drohen Vernachlässigung, Korruption und der «War on Drugs» die Gesellschaft zu spalten, wirkt die Polizei oft genauso kriminell wie die von ihr verfolgten Drogendealer, wird eine wirtschaftlich bedeutungslos gewordene Unterschicht von den Institutionen im Stich gelassen. Das ist David Simons Thema.

Der freie Wille und der freie Markt

Der Schriftsteller, Fernsehautor und Produzent von Fernsehserien wie «Homicide: Life on the Street» und «The Wire» empfängt in seinem Produktionsbüro im dritten Stock eines Flachbaus gleich um die Ecke. «Wir haben eine Stunde.» Simons weicher, offener Gesichtsausdruck scheint so gar nicht zu seiner zwölfjährigen Tätigkeit als Polizeireporter in Baltimore – und den Hunderten von Mordfällen, über die er berichtete – zu passen. Das ist also der Mann, den Kritiker schon den «Balzac unserer Zeit» genannt haben: ein Glatzkopf in Jeans und formlosem Sweatshirt, der sich mit sanfter Stimme von Satz zu Satz tastet, Argumente gegeneinander abwägt. Dass aus der versprochenen Stunde am Ende fast zweieinhalb werden, liegt an der Gründlichkeit, mit der der 51-Jährige jede Frage hin und her dreht – er muss alles zu Ende denken.

Ob er noch an die gesellschaftliche Kraft des Journalismus glaube? «Als junger Journalist, ja! Aber dann lernte ich bei der <Baltimore Sun>, dass nur billige Empörungs-Geschichten gedruckt werden. Oder Storys von Individuen, die sich über alle Widrigkeiten hinwegsetzen. Amerika ist süchtig danach. Ich aber sah eine Tragödie: wie wenig der freie Wille gegen die Kräfte des freien Marktes ausrichten kann.» 1988 zog Simon die Konsequenz. Er nahm sich eine Auszeit, um «Homicide: Life on the Street» zu schreiben, einen Insider-Bericht aus dem Morddezernat der Polizei von Baltimore. Fünf Jahre darauf wechselte er die Seiten. Für «The Corner» beobachtete er ein Jahr lang einen Drogenumschlagplatz im schwarzen Ghetto von West Baltimore, protokollierte die Lebensgeschichten der Anwohner. Nach der deutschen Ausgabe von «Homicide» ist nun auch die Übersetzung von «The Corner» im Kunstmann-Verlag erschienen. Untertitel: «Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Grossstadt».

«Ich wollte endlich die richtigen Fragen stellen: Was bedeutet der <War on Drugs>, was passiert strukturell mit Amerika, warum sind wir zum Land mit der weltweit höchsten Rate von Inhaftierten geworden?» «The Corner» wurde später nicht nur zur Vorlage für eine gleichnamige Fernseh-Miniserie, sondern auch für «The Wire». Simons Mischung aus Sozialreportage und Gesellschaftsroman (vom Bezahlsender HBO zwischen 2002 und 2007 ausgestrahlt) gilt zu Recht als beste TV-Serie aller Zeiten. Weil sie nicht in den Schwarz-Weiss-Klischees von gerechten Cops und bösartigen Drogendealern verharrt, sondern als Milieustudie verschiedene Facetten einer Realität zeigt: von Armut und Drogensucht zerrissene Familien, zynisch gewordene Ordnungshüter, Schulen ohne Perspektive, ignorante Medienmacher und Stadträte, die nur an den eigenen Profit glauben. – Noch desillusionierter als die Serie wirkt das ihr zugrundeliegende Buch. Für «The Corner» wählte Simon zusammen mit seinem Co-Autor, dem Ex-Polizisten Ed Burns, den Ansatz, der sich bei seinen Reportagen bewährt hatte: den Alltag seiner Subjekte zu teilen, ihr Vertrauen zu gewinnen und aus dem Hintergrund zu beobachten. Auf diese Weise entstand ein detailgetreues Bild des «War on Drugs» und seiner Effekte auf ein Quartier in West Baltimore.

Im Zentrum des Berichts steht die Familie McCullough. Der Grossvater hatte eine Anstellung bei der Fabrik, sein ältestes Kind ging zum College. Der amerikanische Traum funktionierte. Noch. Die jüngeren Geschwister aber verloren schon bald ihre Jobs. Der Enkel DeAndre geht kaum noch zur Schule – warum auch, ohne jede Aussicht auf eine Arbeitsstelle? Lieber hängt er mit seinen Kumpels an der Strassenecke ab, um Kokain für zehn Dollar das Röhrchen zu verkaufen. Seine geschiedenen Eltern sind selbst drogenabhängig, die Aufstiegsträume der hart arbeitenden Grosseltern längst beerdigt. Simon hält sich als Autor mit Wertungen zurück. Aus seiner Frustration über die Farce der freien Marktwirtschaft aber macht er kein Hehl: «Ökonomisch gesehen haben wir keine Verwendung mehr für diese Menschen, weil Fabriken und Manufakturen längst nach Asien verlagert wurden. Die Menschen aus West Baltimore braucht niemand. Sie sind Überschuss-Amerikaner.»

Wer wirft den ersten Stein?

Bei der Lektüre wirkt «The Corner» – wie «Homicide» – zuweilen redundant: Die Fülle der Beobachtungen kann erschlagen. Und doch entwickeln Simons Reportagen einen organischen Sog, von den Details hin zur grösseren Perspektive. Der Leser erkennt die Helden des Buchs immer mehr als Opfer einer jahrzehntelangen, systematischen politischen Vernachlässigung. Nur noch Justiz und Polizei interessieren sich für sie – während jede politische Vision, jeder Wille für einen Sozialvertrag mit den Bürgern der Unterschicht zu fehlen scheint. So ist es nur folgerichtig, dass auch das offizielle Wertesystem seine Gültigkeit verliert. Wie soll man denjenigen Moral predigen, die keine Wahl haben? «Nur die Drogenindustrie», erklärt Simon, «stellt noch Arbeitskräfte ein. Da ist es doch ein rationaler Akt, dort anzuheuern. Vor allem aber: Die Jugendlichen bekommen hier einen Wert zugesprochen. Sie sind Teil eines Teams, haben endlich eine Funktion in der Welt.» Hier mit der Illegalität des Tuns zu argumentieren, hält Simon für ähnlich fehlgeleitet wie den Ratschlag an einen Jugendlichen aus einer Bergbaustadt, bloss nicht in den Minen zu arbeiten: «Erzähle ihm, das sei schmutzig, gefährlich und bringe nur einen frühen Tod. Er wird dich anschauen und zur Mine gehen: Sein Vater hat bereits dort gearbeitet, und es ist der einzige verfügbare Job.»

Simon, Kind einer jüdischen Mittelstandsfamilie aus den wohlhabenden Suburbs von Washington, D. C., bezeichnet sich selbst als Produkt des amerikanischen Einwanderer-Traums: Seine osteuropäischen Grosseltern hatten sich aus der Armut und der Kriminalität hochgearbeitet, die die Immigrantenviertel New Yorks einst prägten. Sweat-Shops und Fabriken öffneten der hart arbeitenden Mehrheit eine Tür in die Gesellschaft. Simons Eltern glaubten folglich an ein pluralistisches Amerika: «Es war ein grosser Triumph ihrer Generation, dass sie dem Anderen furchtloser begegnen konnten. Sie brachten mir von klein auf bei: Man muss auch Menschen respektieren, die ungebildeter, ärmer oder von einer anderen Hautfarbe sind als man selbst.» Schwarze Binnenmigranten, die innerhalb Amerikas in die Fabrikstädte zogen, mussten zwar mit weniger Lohn und schlechteren Wohnungen als jüdische, irische oder italienische Einwanderer auskommen. Und doch hegten auch sie berechtigte Hoffnungen: Die schwarze Mittelschicht von heute ist das Produkt der Fabrikarbeit und der hart verdienten Pensionen ihrer Eltern oder Grosseltern.

Im postindustriellen Zeitalter aber bleibt der Aufstieg eine Illusion. Die Inner Cities verkommen zu Abschiebelagern. Wie sollen ihre Bewohner sich noch als Teil eines Amerika fühlen, das sich ihnen als

gated community

entgegenstellt? Simon sieht in der «Verteufelung» ärmerer Einwanderer-Klassen ein Kontinuum der amerikanischen Geschichte: Erst ging es gegen die Chinesen mit ihrem Opium, dann gegen Haschisch rauchende Mexikaner. Aus derselben Logik heraus sei Anfang der 1980er Jahre für den Handel mit Crack-Kokain das hundertfache Strafmass eingeführt worden wie für den Verkauf chemisch gleichwertigen Kokainpulvers. Einziger Unterschied: Crack wird im Ghetto gespritzt, Kokain geschnupft wird in den wohlhabenden Suburbs.

Zweierlei Mass

«Man kann sich», erklärt David Simon, «als Kokain-Konsument und -Dealer aus der gehobenen, für die Service-Industrie wertvollen Vorstadt-Bevölkerung vieles leisten, ohne dass einem die Tür eingetreten wird. Schlimmstenfalls muss man einen Bruchteil der Haftstrafen absitzen, die routinemässig gegen gewaltlose Junkies und Jugendliche aus der Inner City verhängt werden.» Würde der «War on Drugs» wirklich auf den Drogenmarkt zielen, müsste er längst wegen verheerender Bilanzen eingestellt werden: Weder die Zahl der Abhängigen noch diejenige der Dealer sei zurückgegangen, die drakonischen Strafen hätten lediglich bewirkt, dass immer jüngere Kinder als Boten, Händler, Gunmen eingesetzt würden. «In Wirklichkeit ist der <War on Drugs> ein Krieg gegen die Unterschicht.» Simon nennt auch die Profiteure: mit milliardenschweren Steuergeldern alimentierte Strafverfolgungs-Apparate wie auch eine zunehmend privatisierte Gefängnisindustrie.

Ob er nicht auf Reformen von Präsident Obama gehofft habe? Bei dessen Amtsantritt habe er vor Rührung geweint, sagt Simon. Amerika mache als multiethnische Gesellschaft Fortschritte. Nur: Die Armen bleiben dabei unberücksichtigt. Die Regierung gebe immer noch Milliarden für das Wegsperren aus – und kaum etwas für Therapie. Wenn auch Schwarze dieses Prozedere unterstützten, fühle sich der Feldzug moralisch sogar noch besser an: «Die verdammten Armen sollen doch erst mal arbeiten gehen.» Letztlich werde wohl nur ein erzkonservativer Republikaner den «War on Drugs» beenden können. Weil er nicht wie die Liberalen den Kardinalvorwurf amerikanischer Populisten fürchten muss: «soft on crime» zu sein.

Simon hat viele Fernseh- und Literaturpreise gewonnen, sein Gesicht erschien auf den Titelseiten der grössten amerikanischen Zeitungen, seine Landsleute aber, sagt er, seien weitgehend immun gegen Kritik: Als Moralist arbeite er wohl im falschen Medium. Ständig müsse er sich gegen die Fernseh-Logik wehren, dass mehr Blut, mehr Busen und mehr Action ihm bessere Quoten bringen würden. Konservative haben ihn den «wütendsten Mann des US-Fernsehens» getauft. Oder ihn gleich zum Kommunisten und Amerika-Hasser gestempelt – was Simon, einen überzeugten New-Deal-Demokraten, besonders fassungslos macht. «Als ob es unpatriotisch sei, daran zu erinnern, dass wir eine Gefängnis-Nation sind und die Ermordung Hunderttausender diesseits und jenseits der mexikanischen Grenze als Begleiterscheinung des <War on Drugs> in Kauf nehmen.»

Liebe, trotz allem

Ab welcher Opferzahl man das Ganze denn endlich beim Namen nennen dürfe? Als – ja, er kenne als Jude die Monstrosität des Wortes – «schleichender Holocaust»? Simon hebt nicht einmal die Stimme. Nein, Provokation sei nicht seine Absicht. Vielmehr treibe ihn eine grosse Liebe an: «Ich erinnere mich, wie ich, als meine Eltern mit mir aus dem Vorort in die Stadt fuhren, mein Gesicht an die Autoscheibe presste und dachte: Mein Gott, wie viel mehr Leben an diesem Ort ist!» Durch das offene Fenster dringt ein Bläserriff. David Simon legt den Kopf schief. Seufzt. «Jazz, Amerikas grösstes Geschenk an die Welt. In New Orleans kannst du jeden Tag erleben, wie eine Gemeinschaft auf der Strasse, in ihrem Essen, ihrem Gesang und Tanz Neues erschafft. Unsere Grossstädte, die eine Kultur von solch unfassbarer Schönheit hervorgebracht haben: Wollen wir sie wirklich zugrunde gehen lassen?»
NZZ 2.4.2012
JONATHAN FISCHER

David Simon: Homicide. Ein Jahr auf mörderischen Strassen. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann. Kunstmann-Verlag, München 2011. 832 S., Fr. 35.50.

David Simon und Ed Burns: The Corner. Bericht aus dem dunklen Herzen der amerikanischen Stadt. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel, Barbara Steckhan, Thomas Wollermann. Kunstmann-Verlag, München 2012. 800 S., Fr. 35.50.

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