„Sehe ich verdächtig aus?“: Der Fall Trayvon Martin: Amerika diskutiert über Kapuzen und die Kriminalisierung schwarzer Jugendlicher

Musste Trayvon Martin sterben, weil er einen Hoodie, also einen Kapuzenpulli, trug? Diese Frage wird in amerikanischen Medien diskutiert, seit der unbewaffnete schwarze Teenager vor einem Monat von einem Nachbarschafts-Wächter in einer Vorstadt in Florida erschossen wurde. Der Täter blieb ohne Anklage und auf freiem Fuß. Er behauptete, in Notwehr gehandelt zu haben, und gab an, Martin seines Aussehens wegen als Kriminellen verdächtigt zu haben. Was George Zimmerman, ein bulliger Latino, sah? Einen schmächtigen schwarzen Jugendlichen auf dem Heimweg vom Supermarkt um die Ecke, der sich im Nieselregen die Kapuze seines Pullis über den Kopf gezogen hatte. Schwarze Hautfarbe und Kapuze: Das sind die Reizworte, über die sich Linke und Rechte in Blogs, Radio- und Fernsehkommentaren bekämpfen. Reizworte, die ihre Brisanz auch durch die Bilder bekommen, die allabendliche Krimiserien und Sendungen mit Gangster-Rappern in amerikanische Wohnzimmer tragen.

Vergangene Woche goss Geraldo Rivera, Kommentator des rechten Fernsehsenders Fox, Öl ins Feuer: „Wenn du dich wie ein Verbrecher kleidest, wird dich irgendein Idiot irgendwann beim Wort nehmen.“ Und: „Sein Hoodie war für Trayvon Martins Tod ebenso verantwortlich wie George Zimmerman.“ Martins Verteidiger konterten umgehend. Basketball-Star LeBron James twitterte ein Bild seiner Mannschaft Miami Heat mit von Hoodies verdeckten Gesichtern. Michael Eric Dyson, Professor an der Georgetown University, erinnerte an die Debatte um bessere Waffenkontrollen: „Uns wurde eingeredet, Gewehre töten nicht, Menschen töten. Jetzt heißt es: Hoodies töten, nicht Menschen.“ Und der Miami Herald konstatierte, dass der Hoodie längst zur Kleiderordnung schwarzer, weißer, männlicher, weiblicher, junger, alter, College-gebildeter wie auf den Straßen aufwachsender Amerikaner gehöre. „Wollen wir dunkelhäutige Jugendliche auf das Tragen von Regenschirmen beschränken?“

Viele Protestiererende sahen in der Folge im Hoodie ein Symbol. „Million Hoodies March“ nannten sich Demonstrationen in New York und anderen amerikanischen Großstädten. Vergangenen Sonntag erschienen viele afroamerikanische Pfarrer und Gottesdienstbesucher mit Hoodie in der Kirche – zum „Hoodie Sunday“. Einige Prediger erinnerten daran, dass auch Mönche und Heilige Kapuzen tragen. Twitter und andere Social-Media-Seiten wurden in der Folge mit Hoodie-Solidaritäts-Bildern geflutet. Besonders spektakulär: Die Aktion sechs schwarzer Senatoren aus dem Staat New York, die in Hoodies und Anzug im State Capitol in Washington aufliefen. Auf einer Pressekonferenz verlasen sie anschließend eine Liste junger schwarzer Männer, die von der Polizei in New York erschossen worden waren. Ihre Botschaft: „Die Gesellschaft hat junge schwarze Männer, die die gängige Straßenmode tragen, zu kriminellen Elementen erklärt.“

Woher aber stammt die Hoodie-Mode? Zum ersten Mal kamen die Hoodies 1930 als Arbeitskleidung für Lagerarbeiter auf den Markt. Später benutzten Graffiti-Sprüher und Kleinkriminelle das Kleidungsstück – um unerkannt zu bleiben. Die Uniformität der Ghetto-Jugend schützte sie vor rassistischen Übergriffen wie auch dem Auge des Gesetzes. Seit den achtziger Jahren übernehmen Hiphop-Künstler die Hoodie-Mode. Sie steht für Street Credibility, für Glaubwürdigkeit. Wenn Gangster-Rap-Millionäre wie Ice Cube oder Ghostface Killah sich die Kapuze über den Kopf ziehen, markiert das auch ihre Verbundenheit mit dem Ursprungs-Milieu des Hip-Hop.

Mittlerweile aber hängt der Hoodie auf jeder Kaufhausstange: Mit dem kommerziellen Aufstieg des Hip-Hop in den neunziger Jahren machten selbst Mainstream-Marken wie Tommy Hilfiger und Ralph Lauren den Hoodie zur zentralen Komponente ihrer Kollektionen. Die Kapuze macht die Jugendlichen optisch gleich: „Teenager“, erklärt Professor Jason J. Campbell von der Nova Southeastern University, „tragen den Hoodie auch, um hinter der Kapuze zu verschwinden. Besonders junge Afroamerikaner wollen in der Öffentlichkeit fast ausnahmslos in Ruhe gelassen werden.“

Für Trayvon Martin hat dieser Schutz nicht funktioniert. Doch wenn nun unbescholtene Prominente wie Oscar-Gewinner Jamie Foxx, die ehemalige Gouverneurin von Michigan, Jennifer Granholm, oder die Vorsitzende des Children’s Defense Funds, Marian Wright Edelmann, Fotos von sich im Hoodie posten, dann geht es nicht nur um Martins Tod. Sondern auch um die Bekämpfung eines Stereotyps. Ihre gemeinsame Bild-Unterzeile: „Sehe ich verdächtig aus?“
JONATHAN FISCHER
SZ 29.3.2012

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