Weltschmerz hinter Wolfsmaske

Der deutsche Rapper Casper tritt am Samstag im Rahmen von M4Music im Zürcher Schiffbau auf

Harter Sprechgesang, lärmende Gitarren und eine Haltung, die an den jungen Morrissey erinnert: Das ist Casper, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Griffey heisst. Der 29-jährige in Bielefeld aufgewachsene Wahlberliner hat mit seinem Album «Xoxo» nicht nur die Charts im Sturm genommen, sondern polarisiert auch wie kein zweiter Rapper. Seine Konzerte sind meist Wochen vorher ausverkauft.

Kratzbürsten-Rap

Und die Feuilletons haben den im Hardcore-Punk sozialisierten Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners wahlweise zum «Retter des deutschen Hip-Hop» ausgerufen oder als «trübe Tasse» und «wehleidiges Bürschchen» abgekanzelt. – Den Fans ist es egal: Kommt Casper mit seiner Wolfsmaske auf die Bühne, kreischen sich meist Hunderte junger Mädchen die Seele aus dem Leib, schwenken ihre Foto-Handys, bejubeln den gutaussehenden und jenseits seiner Kratzbürsten-Raps sanft wirkenden Jungstar so euphorisch, als ob er höchstpersönlich den Hip-Hop erfunden hätte.

Unbestritten ist, dass Casper im Macho-gesteuerten Hip-Hop alles anders macht: Er trägt enge Jeans und Wollpullover, er rappt mit rauchiger Stimme über Ängste, Frust und Depressionen. Und er hat mit Songs wie «Der Druck steigt» offensichtlich die diffuse Gefühlslage von Teenagern eingefangen, diesen Druck des Erwachsenwerdens zwischen emotionaler Wirrnis und Weltschmerz.

Kostprobe gefällig? «Wieder Stress ins Unendliche / Generation <Gott ist tot> / die ständig vergessenen Kids / Piratsender, Stimmen im Wind / Sky is the limit / Wer weiss, wo der Himmel beginnt?» (aus «Blut Sehen»). Mitunter hellt die Stimmung dann aber doch etwas auf: «Wir scheitern immer schöner / sind Versager mit Stil.»

Sägen an Klischees

Das klingt authentisch gequält – und stellenweise wie Gottfried Benn anhimmelnde Schüler-Poesie. Unzweifelhaft aber sägt der oft als Emo-Rapper bezeichnete Casper an den Hip-Hop-Klischees: Er zeigt Wunden, steht für Verletzlichkeit, legt in persönlich gefärbten Texten die dunklen Seiten des Lebens offen und schreibt Verse für das Poesiealbum – oder dessen zeitgenössisches Pendant: die Facebook-Wall.

Dass Casper so erfolgreich ist und als Crossover-Star auch Jugendliche erreicht, denen Hip-Hop bisher wenig bedeutete, liegt auch an der Krise der Gangster-Rap-Konkurrenz. Als er an der Uni gesagt habe, er mache deutschen Rap, hat Casper einmal berichtet, habe er ähnlich mitleidige Blicke erhascht, wie wenn er von heute auf morgen eine Behinderung bekommen hätte: «Deutscher Hip-Hop ist einfach uncool geworden.» Das trifft mit Sicherheit auf die überkommenen Rapper-Rollen wie Gangster oder auch Spassvogel zu sowie auf die Dutzende Gossen-Berichterstatter wie Bushido mit ihren immergleichen Pöbeleien. Da kam dann ein Casper wie gerufen: mit weniger Testosteron im Blut – dafür mit mehr Reclam-Heftchen-Wissen zwischen den Ohren. Und mit einer Musik, die dank Dubstep- und Rock-Elementen zeitgenössischer daherkam als die Mucke rappender Kapuzen-Jungs.

Emotionale Wucht

Caspers Herumreiten auf einem verquast-romantischen Vokabular – «dunkel», «Nacht», «Blut», «Sterne» und «Tränen» – mag manchmal nerven. Seine Shows mit vierköpfiger Live-Band aber bieten zumindest eines: emotionale Wucht. Und Massen jugendlicher Existenzialisten rappen dabei begeistert mit, Zeile für Zeile. «Sind nicht schön, sind nicht reich / wird harter Kampf, da rauszukommen!»
JONATHAN FISCHER
NZZ 24.3.2012

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