Der Hexenmeister: Wie der kongolesisch-belgische Rapper Baloji Folklore mit Polit-Hip-Hop fusioniert

„Ich habe noch nie eine so kriegsverwüstete, traurige, nach Tod riechende Stadt wie Ngoma gesehen“, erzählt Baloji von einer Tournee durch die alte Heimat. „Ich erwartete an diesem Ort eine ebenso radikale Musik: Aber was taten die lokalen Musiker? Sie sangen nur über Parties, Tanz und Geldausgeben.“ Der kongolesisch-belgische Rapper wirkt immer noch fassungslos: Gerade hat sich Joseph Kabila Jr., der diktatorisch regierende Staatschef Kongos, als Sieger grob manipulierter Präsidentenwahlen ausrufen lassen, die um ihre Hoffnungen betrogenen Jugendlichen in den Elendsvierteln von Kinshasa errichten Barrikaden, und Hunderte Exil-Kongolesen demonstrieren vor den Botschaften ihres Landes. Revolutions-Szenarien wie in Tunesien und Ägypten aber erwartet in Kongo niemand. Die jungen Kreativen und kritischen Intellektuellen? Sie hätten sich, sagt Baloji, doch längst ins Ausland abgesetzt, politische Impulse kämen nur noch aus der Diaspora. Dabei geht es darum, der alten Heimat ein Trotzdem entgegenzurufen, die Apathie zu durchbrechen, die im Westen allzu oft die Katastrophenmeldungen aus Kongo begleitet – wie es der Rapper mit seinem neuen Album „Kinshasa Succursale“ tut

Dick vermummt mit Schal und Wollmütze sitzt Baloji in einem Münchner Café und nippt an einem Glas Tee. Seine Stimme ein Flüstern: Der Stress um „Kinshasa Succursale“ hat dem Mann, der auf der Bühne – in Knickerbockern, karierten Anzügen und Retro-Frisur – die elegante Modetradition Kongos weiterführt, sichtlich zugesetzt. Zwei Jahre lang suchte er vergeblich nach einem Label, hatte er sich für Aufnahmen und Videos tief verschuldet. Ausgehend von 100 Kopien, die der Rapper in Kinshasa verschenkte, war „Kinshasa Succursale“ dort längst zum Straßen-Bestseller geworden, doch westlichen Plattenfirmen war das Album zu experimentell: Ob er nicht wenigstens für einen Song Weltmusik-Stars wie Salif Keita oder Amadou & Mariam an Bord nehmen könne? Nun hat das Label Crammed Discs sein Album übernommen, und die Reaktionen geben Baloji recht: Gilles Peterson nahm ihn in seine Liste der zehn Newcomer des Jahres auf, Nick Cave gratulierte telefonisch, der Independent erklärte „Kinshasa Succursale“ zum „lebendigsten, organischsten und energiegeladensten afrikanischen Hip-Hop-Album“ der letzten Jahre, während US-Hip-Hop-Star Questlove twitterte: „Dope shit“.

Dabei hatte der belgisch-kongolesische Rapper mit Kongo lange kaum etwas am Hut. Sein Vater, unter Mobutu Mitglied einer Oppositionspartei, nahm Baloji als Vierjährigen mit ins belgische Exil, dort wurde er später Mitglied von Starflam, der erfolgreichsten Hip-Hop-Combo des Landes. Aber er merkte irgendwann, dass er sich trotzdem nicht als Belgier fühlte. Sein Album „Hotel Impala“ nahm die biografische Spur der Eltern auf und brachte ihn nach Kongo zurück.

Im Jahr 2008 reist Baloji mit ein paar Kilometern Kabel, Laptops und Mikrofonen nach Kinshasa, um dort mit den besten Musikern und Straßenorchestern Kongos zu jammen, ihre Sounds nach dem Prinzip des Hip-Hop zu rekombinieren. Das hat bisher niemand gewagt: Live mit dem Likembe-Orchester Konono No 1, Zaiko Langa Langa und jungen Rappern und Toastern aus Kinshasa eingespielt zeigt, dass Avantgarde und Eingängigkeit keine Widersprüche sein müssen. So fängt „Kinshasa Succursale“ einerseits die persönliche Zerrissenheit des Rappers und seines Heimatlandes ein. Und entwirft andererseits eine wunderbar leichtflüssige Fusion zwischen Nord und Süd: Fingerklavier-Cluster treffen auf Hip-Hop-Beats, Folk-Chöre auf Afrofunk, Soukous-Gitarren auf politische Raps, der Soulgesang von Amp Fiddler auf verbeult klingende Brassbands. Was auf dem Papier unmöglich klingt , erweist sich da als organische Zukunftsmusik. „Wir haben“, rapt Baloji, „mehr zu bieten als nur unsere Minen.“

Besonders eindringlich: Die scheppernde Ekstase von „Karibu Ya Bintou“, ein Kling-Klong-Kreisel elektrisch verstärkter Daumenklaviere von Konono No 1, zu dem sich Baloji – auf Französisch, Lingala, Tschiluba, Suaheli – in Rage rapt. Im dazugehörigen Video springen Zombies mit Totenmasken und aufgemalten Skeletten durch die Straßen von Kinshasa. „Uns allen macht es Angst, genau hinzuschauen. Lieber setzten wir eine Maske auf“. Mit seiner Botschaft tritt der Rapper in die Fußstapfen von Miriam Makeba, Hugh Masekela oder auch Fela Kuti, die allesamt in den sechziger Jahren die Ideen der afroamerikanischen Bürgerrechtler für ihre afrikanische Heimat adoptierten. Heute vertreten vor allem Diaspora-Rapper die Stimmen des jungen Afrika: Der Exil-Somalier K’naan etwa oder sein aus Ghana stammender und in New York lebender Kollege Blitz The Ambassador.

Balojis Raps teilen Kritik in beide Richtungen aus: Kongolesische Kleptokratie und westliche Wirtschaftsinteressen haben schon immer hervorragend zusammengearbeitet. In diesem Sinne covert er auch den Unabhängigkeits-Schlager „Independance Cha Cha“: „Es ist ja im Grunde ein dummer Song: Als ob man mit einer brasilianischen Bossa Nova Band zum G-20-Gipfel kommen würde, um die Politiker abzulenken. Die Kolonialherren hatten diesen Song damals bestellt, und ein paar leichte Mädchen, Alkohol und Tanzmusiker aufgeboten, um die kongolesische Delegation bei Laune zu halten, sodass sie auch brav jeden Mist unterschrieben haben.“ Jetzt rüstet der Rapper den Song zur kritischen Hip-Hop-Hymne auf, spielt er auf ausländische Konzerne an, die alle Bodenschätze des Landes unter sich aufteilen – und fragt, welche Unabhängigkeit denn eigentlich gemeint sei: „Unser Land ist noch lange nicht frei“. Kein Wunder, dass Radio Kinshasa Balojis Songs boykottiert. Und doch bemerkt er gerade in der Diaspora eine nie gewesene Aufbruch-Stimmung: „Nach den Umstürzen in Nordafrika haben die Exil-Kongolesen Hoffnung geschöpft und ihre eigenen politischen Initiativen verstärkt. Plötzlich hatte man das Gefühl: Die eigene Meinung zählt doch. Wir können Blogs betreiben, Straßenproteste inszenieren und so politisch etwas bewirken.“

Gerade tourt Baloji mit seinem kongolesischem Orchestre de la Katuba durch Europa und Nordamerika. Zwischendurch dreht der Allround-Künstler einen Film über die Straßenkinder von Lubumbashi und betreut im Auftrag des Goethe-Instituts eine Club-Partnerschaft zwischen Kinshasa und mehreren europäischen Metropolen. Sein Anliegen bleibt dabei das Gleiche: Den ungehörten jungen Kongolesen ein Sprachrohr zu verschaffen, die Straßen von Kinshasa bis Ngoma zu einem Thema auch für westliche Pophörer zu machen. Und – Baloji heißt übersetzt Hexenmeister – die Masken der Gleichgültigkeit einzureißen. „Viele Kongolesen haben mich bedrängt: Lass dich taufen! Schwör der Hexerei ab! Inzwischen aber habe ich den Namen als Verpflichtung gegenüber den Ahnen akzeptiert“. Balojis nächstes Album jedenfalls soll ein noch wilderer Mix werden: Mit Grime-Electro-Beats, singenden Straßenkindern in Lubumbashi und dem philharmonischen Orchester von Kinshasa.
JONATHAN FISCHER
SZ 2.1.2012

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