Ghetto-Blues 2011: Das Album «Undun» und der repolitisierte Hip-Hop von The Roots

Questlove, der Kopf des Hip-Hop-Kollektivs The Roots, machte in den letzten Wochen Schlagzeilen: Zum einen hing das mit dem Nebenjob von The Roots als Hauskapelle der Jimmy-Fallon-Talkshow im US-Fernsehen zusammen. Als dort die republikanische Politikerin Michele Bachman gastierte, begrüsste sie die Band mit einer Instrumentalversion eines alten Fishbone-Songs: «Lyin‘ Ass Bitch». Anschliessend überhäuften Tausende fanatischer Tea-Party-Anhänger den Roots-Schlagzeuger mit Schmähungen, in dem gemütlichen Typ mit Afro-Frisur fand man eine neue Hassfigur. Und dann war da noch sein Engagement für die «Occupy-Wall-Street»-Demonstranten: Questlove warnte als zufälliger Augenzeuge eines Polizeiaufmarschs die Gesinnungsfreunde per Twitter vor der unmittelbar bevorstehenden Räumung des Zuccotti-Parks.

Obamas verblassende Strahlkraft

Dass diese beiden an sich nebensächlichen Episoden in den amerikanischen Medien viel Aufmerksamkeit bekamen, liegt gerade daran, dass sich Hip-Hop in den letzten Jahren völlig aus der Politik zurückgezogen hatte. Während Barack Obamas Wahlkampf schlug das gesellschaftliche Engagement der Rapper hohe Wellen. Der erste schwarze US-Präsident: Er wurde zu einem Leitstern für die Generation Hip-Hop, nicht nur, weil er das Gespräch mit Stars wie Jay-Z und Kanye West suchte, sondern auch, weil seine Sozialarbeiter-Vergangenheit sich mit der Agenda vieler Hip-Hop-Songs zu decken schien: Bildung für Arme, Reform der Justiz, wirtschaftliche Entwicklung der Ghettos . . . Was sollte Obama nicht alles richten! Als sich die Erwartungen nicht erfüllten und die Strahlkraft des «black president» verblasste, liessen die meisten Rapper die Politik wieder fallen wie eine faule Frucht. Kein Wunder: Hip-Hop hat dem Dschungel des politischen Tagesgeschäfts zumeist klare Schwarz-Weiss-Erzählungen vorgezogen.

Erst die «Occupy-Wall-Street»-Bewegung machte der Apathie wieder ein Ende und schenkte der Hip-Hop-Szene ein Feindbild samt Revolutions-Rhetorik. So hat der Produzent Russell Simmons seinen Millionärs-Kumpel Kanye West in den Zuccotti-Park mitgenommen und erklärt, er würde «gerne mehr Steuern für eine gerechtere Gesellschaft zahlen». Polit-Rapper wie Lupe Fiasco und Talib Kweli legten Auftritte hin, Pharrell komponierte eine «Occupy Wall Street Hip-Hop Anthem», und selbst Südstaaten-Hip-Hopper wie Big Boi, Killer Mike oder Bun B fielen in den Chor der Finanzwirtschaft-Kritiker ein.

Ähnliches erwarteten viele wohl auch vom neuen The-Roots-Album, gehört die Band aus Philadelphia doch schon seit einem Jahrzehnt zu den kritischen Beobachtern der in Arm und Reich zerfallenden amerikanischen Gesellschaft. Um es vorwegzunehmen: «Occupy Wall Street» wird auf dem von Questlove komponierten Konzeptalbum nicht ausgeschlachtet. Trotzdem legt «Undun» den Finger auf die Wunde: Das ebenso düstere wie dringliche Opus packt all die sozialen Krankheiten Amerikas in die Lebensgeschichte von Redford Stephens, einem Kleindealer aus Philadelphia, der 25-jährig erschossen wird. «Undun» verliert sich dabei nicht in platter Anklage. Vielmehr besticht das Album durch sein künstlerisch durchgearbeitetes Konzept, in dem das Leben Redfords von seinem Ende her erzählt und postum nach einem tieferen Sinn gesucht wird, wo alles bloss Überlebenszwang zu sein scheint.

Es beginnt mit der Stillstands-Anzeige des Herzschlag-Monitors – dann setzen Pianoläufe und warme Melodien den Ton für die Frage, ob der Himmel auch auf jene warte, «die auf der falschen Seite der Crack-Pfeife geboren wurden». Die Musik kontrastiert mitunter mit dem grimmigen Inhalt der Lyrics. Die erste Albumhälfte mit «Make My», «The Other Side» oder «Remember» kommt oft poppig daher, mit Soul-Melodien und Streichern, die auch eine Party-Geschichte illustrieren könnten. Später überraschen Ausflüge in den Indie-Rock und eine vierteilige, von Sufjan Stevens komponierte Klavier-Elegie. Und doch bildet das Album eine kreative Einheit. Das liegt nicht nur an Questloves organisch-treibendem Schlagzeug, sondern auch an den Raps von Black Thought sowie von den Gast-Rappern Dice Raw und Phonte, die den ruhelosen Geist der halbfiktionalen Figur Redfords in Worte fassen: «Undun», erklärt Questlove, «soll den imaginierten inneren Dialog eines verstorbenen schwarzen Jugendlichen und seine Sicht auf die postmoderne Leere einfangen.» Aggression und Verzweiflung wechseln da mit Depression und postmortalen Rückblicken.

Obsession Geld

«Undun» soll die Geschichte eines Jugendlichen zeigen, der in die Kriminalität abrutscht, obwohl er ganz und gar nicht als Verbrecher zur Welt kam. Er interpretiert sein Leben immer gerade so, wie es der Moment von ihm verlangt. «Machen wir das nicht alle so?», fragt Questlove in den Liner Notes. So manifestiert sich in diesem Einzelschicksal die Conditio humana. Andererseits widerspiegelt Redfords Leben den amerikanischen Spätkapitalismus – die Obsession fürs schnelle Geld, der Ausschluss unproduktiver Randgruppen. «Undun» nimmt ein altes Soul-Thema wieder auf: Die Traurigkeit eines Curtis Mayfield findet sich hier genauso wie der sezierende Blick Gil Scott-Herons. Viele der unterkühlt vorgetragenen Raps stecken dabei voller Anspielungen, dass sich ihr Sinn erst allmählich erschliessen lässt. «If you ever see me out in y’all streets», rappt Phonte in «Kool On», «find another one to occupy . . .» Der grosse Wall-Street-Kapitalismus hat in dem kleinen Strassendealer sein hässliches Ebenbild gefunden – gibt ihm die Spielregeln vor. «Undun» jedenfalls liefert den Soundtrack zum Ghetto-Blues des Jahres 2011.
JONATHAN FISCHER
NZZ 9.12.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.