In der Feedback-Schleife: Paul McCartney dachte beim Komponieren an Aretha Franklin. Überhaupt fühlten sich die Beatles afroamerikanischer Musik besonders verpflichtet. Eine Kompilation schildert diese lange Geschichte von Tausch und Diebstahl.

Ob es die Beatles ohne afroamerikanische Schützenhilfe jemals über die Pubs von Liverpool hinaus geschafft hätten? Paul McCartney und John Lennon selbst haben die schwarzen Wurzeln auch ihres Handwerks stets bezeugt. So hatten sie gerade in ihrer Frühphase unter anderen den Song „Chains“ von The Cookies, „Twist And Shout“ von den Isley Brothers, Arthur Alexanders „Anna“ und Chuck Berrys „Rock ’n‘ Roll Music“ eingespielt. Letzterer lieferte auch die Blaupause für den hybriden Sound und das jugendlich-forsche Storytelling der Beatles, während sie ihren Vokalstil, besonders die Falsetto-„Oooohs“, wiederum Little Richard verdankten.

Überhaupt verstand sich neben den Rolling Stones wohl keine Band besser darauf, schwarze Musik zu synthetisieren und für den Mainstream aufzubereiten als die Beatles. Schwarze Nationalisten wie Amiri Baraka klagten die weißen Adepten deshalb allerdings bitter an: Diese enteigneten schwarze Musiker ihrer Schöpfungen und führten weitaus größere Gewinne als die Urheber selbst ein. Dieser Vorwurf aber ging schon in den sechziger Jahren an der Realität vorbei. Waren doch gerade die weißen britischen Rocker, wie die Zeitschrift „Billboard“ bemerkte, „die Ersten, die ihrem Publikum mitteilten, welche Soul-Künstler sie imitierten – was zu einer weiteren Anerkennung solcher Größen wie Chuck Berry, Muddy Waters, Little Richard oder Don Covay führte“.

Die öffentliche Anerkennung, die die Beatles, Them, The Animals oder die Spencer Davis Group ihrem schwarzen Einfluss zollten, stand dabei in scharfem Kontrast zum Schweigen vieler weißer amerikanischer Entertainer; selbst eine politisch bewusste Sängerin wie Nina Simone erkannte das ausdrücklich an. Und auch wenn der Ruhm der englischen Rocker viele ihrer schwarzen Helden, zumindest in der Vorstellung weißer Fans, zu bloßen Vorläufern degradierte, revanchierten sich afroamerikanische Musiker doch auf ähnliche Weise – kaum ein Beatles-Hit, den sie nicht ihrerseits coverten.

Diese Wiederaneignung einer zutiefst von Blues, Rhythm & Blues beziehungsweise Soul geprägten Musik dokumentiert nun das englische Wiederveröffentlichungs-Label Ace mit einem schon lange fälligen Sampler: „Come Together – Black America sings Lennon & Mc-Cartney“. Herausgeber Tony Rounce hat es sich dabei nicht leichtgemacht: Lag die größte Mühe doch nicht darin, genug Material zu finden, sondern aus den vielen Hunderten Covers von „Come Together“, „Eleanor Rigby“, „Get Back“ oder „Yesterday“ die überzeugendsten, originellsten, seelenvollsten auszuwählen; erst recht, weil keiner von 24 Beatles-Songs hier mehrfach vorkommt.

Das heißt, dass so manche Perle wie Esther Williams‘ „And I Love Him“, Wilson Picketts „Hey Jude“ oder „We Can Work It Out“ von Stevie Wonder unberücksichtigt bleiben musste, neben all den schwarzen Musikern, die wie P-Funk-Erfinder George Clinton die Beatles zwar nicht direkt coverten, diese aber als ihren wichtigsten Einfluss anführen.

Allerdings reagierte das schwarze Amerika zunächst verhalten auf die englische Rock-Invasion – zumindest, was die ersten fünf Beatles-Alben betrifft. Das Eis brach 1965 Mary Wells: Die Soulsängerin war zuvor von den Beatles auf eine Tournee geladen worden, nun bedankte sie sich mit dem Album „Love Songs To The Beatles“, von dem hier das jazzige, bläserverstärkte „Please Please Me“ vertreten ist. Auch die Supremes und Ella Fitzgerald erkannten relativ früh das Qualitätspotential von Lennon und McCartney. Doch erst nach „Yesterday“ wurde es zur guten Gewohnheit von Blues- und Soul-Produzenten, ihre Künstler mit passenden Beatles-Songs zu konfrontieren. So etwa im Falle von Willie Mitchell, der den noch weitgehend unbekannten Al Green eine anrührend rohe Fassung von „I Want To Hold Your Hand“ singen ließ. Der Gesang addiert hier eine gute Portion Schwülheit und Schmutz, zumindest im Vergleich mit den Originalen.

Doch nicht immer geht es in die Gospel-Richtung. So lehnt sich Junior Parkers „Lady Madonna“ unsäglich cool in den Veranda-Sessel. Während „Come Together“, anders als die rockende Ike-und-Tina-Turner-Version – hier von der Vokalgruppe Chairmen Of The Board -, zu einer intimen, von Streichern und Mundharmonika untermalten Lounge-Nummer heruntergedimmt wird.

Insgesamt gewinnt diese Zusammenstellung, gerade weil sie sich nicht allzu sehr auf die großen Namen kapriziert. Gut, am „fünften Beatle“ Billy Preston und seiner schweineorgelnden „Blackbird“-Version kommt man so wenig vorbei wie an Little Richards tollendem „I Saw Her Standing There“. Und erst recht nicht an Otis Redding: Dessen 1966er „Day Tripper“-Übertragung reißt wie ein Wirbelwind alles nieder, was nicht in den Funk-Groove einfällt, während der Sänger um seine Lieblingszeilen herum einfach neue Textteile improvisiert.

Selbst Soulkenner dürften auf diesem Sampler noch angenehme Überraschungen finden: Wer hatte vorher schon Roy Redmonds unwiderstehlich sehnsuchtsvolles „Good Day Sunshine“ in seiner Sammlung? Donald Heights ebenso delikat arrangiertes „Don’t Let Me Down“? Oder „Get Back“ als coolen Soul-Dancer von Main Ingredient?

Immer wieder kreist die Feedback-Schleife über den Atlantik hin und zurück. Waren doch die Beatles vom Stax-Sound, den Otis Redding, Sam and Dave, Arthur Conley, Carla Thomas and Eddie Floyd 1967 als Stax-Revue nach England brachten, beeindruckt genug, um eigene Album-Aufnahmen in Memphis zu planen. Die platzten letztlich nicht aus musikalischen Gründen, sondern wegen der angespannten Sicherheitslage rund um die Stax-Studios. Bereits im Jahr 1966 hatten die Beatles den Memphis Soul adoptiert: So resultierte der basslastige Sound von „Paperback Writer“ aus ein paar Wilson-Pickett-Singles, die John Lennon eines Tages mit ins Studio gebracht hatte: Warum, fragte er die Toningenieure der Beatles, können wir nicht so ähnlich klingen?

Am Ende erhellt dieser Sampler eine oft verkannte Liebesbeziehung. Hat Paul McCartney doch gestanden, manche seiner Songs bereits beim Komponieren aus dem Munde eines schwarzen Sängers gehört zu haben, bei „Let It Be“ sogar ganz speziell die Aretha Franklins. Wenn die Queen Of Soul diesen Song als Schlussnummer bestreitet, mag man jedenfalls kaum glauben, dass er nicht aus einem sehr alten schwarzen Gospel-Gesangbuch stammt.
V.A: Come Together – Black America Sings Lennon/Mc Cartney (Ace)
JONATHAN FISCHER
FAZ 8.12.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.