Umpa – umpa – umpa! Junge Blaskapellen erobern die Popmusik – was steckt hinter der Euphorie?

Als Rocko Schamoni vor zwei Jahren die noch kaum bekannte Chiemgauer Bläsercombo La Brass Banda in seinen Golden Pudel Club nach Hamburg lud, glaubte er, damit provozieren zu können. Bayerische Blasmusik? Soll das ein Witz sein? Doch dann kam alles ganz anders: „Wisst ihr, was der Unterschied zwischen Techno und bayerischem Techno ist?“, rief Bandleader Stefan Dettl in die Runde. Die Tuba schmetterte ein obertongesättigtes Umpa-umpa-umpa. Ein E-Bass setzte ein. Posaune und Schlagzeug legten einen schweren Beat dazu. Die Trompete flatterte sich in Ekstase. Wie immer stand die Band barfuß und in Lederhosen auf der Bühne – und wie immer entfesselte sie eine derartige Druck-welle, dass außer der Musik nur noch die Anfeuerungspfiffe aus dem Publikum zu hören waren. Am Ende tanzten alle mit: die Hausbesetzer mit den Nasenringen, die Techno-Fans und sogar der für diesen Abend gebuchte DJ Carsten „Erobique“ Meyer, der sein Elektro-Set für ein halbes Dutzend Blasmusik-Zugaben ausfallen ließ.

Den fast schon unheimlichen Sog ihrer „Blosmusi“ konnte man inzwischen bei Clubkonzerten in New York und Liverpool erleben, aber auch bei Straßen-Gigs in München oder Dorffesten in der Toskana. „Eine tödliche Kombination von großen Riffs, Arrangements im Lalo-Schifrin-Stil und Tanzflächenknallern“, schwärmte das Londoner Magazin Songlines. Seitdem 2008 ihr erstes Album „Habediehre“ erschien, belegen La Brass Banda ständig einen der ersten drei Plätze der Amazon- und iTunes-Weltmusik-Charts. Sie seien zu fünft ausgezogen, „um die Wucht des Blechs“ zu erforschen, hat Stefan Dettl einmal gesagt. Mit solchen Forschungsergebnissen hatten die Chiemgauer aber wohl selbst nicht gerechnet. Fast schon typisch war der Auftritt auf dem Rockfestival von Roskilde, auf dem das Publikum aus den Konzerten von Nick Cave und The Mars Volta überlief und am Ende 6000 Menschen Pogo tanzten.

La Brass Banda sind dabei nur die Vorhut einer weltweiten Bewegung: Überall blasen junge Kapellen zum Angriff auf den Pop – das Hypnotic Brass Ensemble in Chicago, die Bhangra-Bläser von RedBaraat in Brooklyn oder Samenakoa in Marseille. Was steckt hinter der globalen Bläser-Euphorie? Woher der Boom einer lange belächelten Musik? Wie schafft es La Brass Banda selbst die Münchner Olympiahalle – ansonsten groß genug für Konzerte von Bob Dylan oder Lady Gaga – zu füllen?

„Wir wissen selbst nicht, was da gerade passiert“, sagt Stefan Dettl, aber er möchte es möglicherweise auch gar nicht so genau wissen. Gehören doch achselzuckende Unschuld und grober Unsinn gerade zum Mythos der Blechbläser. „Die Leute haben einfach wieder Lust auf dreckige Musik – etwas Handfestes, das sie auf tieferer Ebene berührt.“ Til Hoffmann, der mit seiner Booking-Agentur Eulenspiegel neben La Brass Banda auch die Münchner Bläser-Hip-Hop-Combo Moop Mama in immer größere Hallen schleust, glaubt an eine Gegenbewegung zur Pop-Globalisierung: „Regionale Phänomene bekommen seit ein paar Jahren einen ganz eigenen Stellenwert.“ Die Menschen suchten das Lokalkolorit. Für die Ziehgäuner aus dem bayerischen Wald, Kein Vorspiel aus Landshut oder die Vorarlberger HMBC mag das stimmen. Selbst die Rap-Veteranen von Blumentopf verneigten sich jüngst vor ihrer Heimat und spielten eine EP mit der Blaskapelle Münsing ein. Allerdings kann die Sehnsucht nach lokalen Bezügen allein kaum den Erfolg der jungen Blechbläser-Welle erklären. Auch in Berlin, Moskau und Liverpool flippte das Publikum bei La Brass Banda aus, schrien Hundertschaften unisono „habedieehre“, ohne dass jemand auch nur eine Silbe übersetzt hätte.

Eva Mair-Holmes vom Münchner Label und Verlag Trikont, das mit der La Brass Banda jetzt überraschend einen Pop-Act im Portfolio hat, sieht im Blechbläser-Boom „eine Gegenreaktion zur zunehmenden Entkörperlichung der Musik. Keine andere Musik fließt so stark über den Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen Einsatz“. Spinnt man diesen Gedanken weiter, ist die physische Wucht einer Blaskapelle nicht nur die Antithese zur blutleeren Drückerei auf Keyboards, Laptops und Samplern, sondern auch ein Musikerlebnis, das im Zeitalter der Soundfiles eine beinahe mystische Einheit zwischen Bläsern und Angeblasenen herstellt. Alle werden Teil eines großen atmenden Klangkörpers: Bio-Pop. „Durch die Atempausen“, sagt Schlagzeuger Manuel Da Coll, „kommt Blasmusik der Sprache nach dem Gesang am nächsten. In jeder Kultur findest du reine Bläser-und- Trommler-Bands – das fährt halt rein.“ Was auch an der Räudigkeit der Intonation liegt. Selbst einstige Konservatoriums-Studenten wie die Musiker von La Brass Banda spielen bisweilen bewusst ungeschliffen. Kirmes-Techno? Hip-Hop? Zwiefacher? Egal, solange das Tuba-Stakkato knallt.

Darin liegt möglicherweise die größte Stärke junger Blaskapellen – ob sie nun aus München, New Orleans oder New York kommen. Aus ihren Trichtern wird alles zu Pop, sie dürfen Snoop Dogg covern und anschließend einen Afrobeat und eine Klezmer-Nummer zum Besten geben. Oder eben auch Riffs und Melodien verschiedenster Songs neu montieren. „Unsere Musik zielt in erster Linie auf die Bühnenwirkung. Wir entwickeln unsere Stücke ausschließlich live“, sagt Stefan Dettl. Dieser Ansatz führt letztlich nach New Orleans zurück. Die Ahnenlinie der Funk-Bläser von heute – mit Trombone Shortys „Supafunk“ als neuester Mutation – geht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Damals waren die Brassbands die Antwort der Afroamerikaner auf die Marching Bands der weißen Kreolen. Zuerst hatten sie sowohl deren Instrumentierung als auch das Repertoire übernommen: napoleonische Märsche, dann auch Menuette und Quadrillen. Später übersetzte man den eigenen Blues ins Blech.

Anfang der achtziger Jahre schienen die Bläserensembles – einst die ersten Stationen für Jazzer wie Louis Armstrong oder Sidney Bechet – fast ausgestorben zu sein. Erst mit dem Welterfolg der jungen Dirty Dozen Brass Band änderte sich das. Plötzlich gründeten überall Jugendliche ihre eigene Brassband, es wurde nicht mehr marschiert, sondern wie beim Breakdance gegeneinander angetanzt: „Buckjumping“ heißt das akrobatische Ritual in New Orleans. Seitdem sind Kapellen wie die Rebirth Brass Band, die Young Soul Rebels oder die Lil Rascals in der Stadt wieder allgegenwärtig – auf den Bürgersteigen, bei Geschäftseröffnungen, in Clubs, bei Jazz Funerals und den Second Line Umzügen. Selbst die lokalen Rapper buchen sie für ihre Plattenpräsentationen. Die Bands integrieren den Wumms des Hip-Hop, allerlei Charthits und Schwemmgut aus der Karibik in ihre funkigen Riffs. Der Solisten-Starkult zählt hier nicht, stattdessen lässt

gerade die raue Funktionalität und

der Gruppengeist viele Jazzmusiker

überlaufen.

Auch La-Brass-Banda-Trompeter Stefan Dettl hatte sein Erweckungserlebnis: Mit Posaunist Manuel Winbeck wurde er einmal von einem befreundeten DJ engagiert, um dessen Balkan Beats live zu unterstützen. Dann sah Dettl die Youngblood Brass Band in New York und wusste: Blasmusik kann auch ohne DJ funky klingen. Schnell hatte er fünf Studienfreunde versammelt – Tubist Andreas Hofmeir, Bassist Oliver Wrage und Manuel Da Coll, der „stets lauter trommelte, als es im Konservatorium erlaubt war“. „Wir haben absichtlich alle Harmonieinstrumente weggelassen“, sagt Dettl. Wenn es ums Tanzen geht, müsse Jazz laut und lustig sein. Zünftig. Und gerne auch gut geklaut. „Wenn wir zitieren, hat das weniger mit Raub zu tun als mit Liebe“, sagt Manuel Da Coll. Und die gilt bei La Brass Banda eben auch Euro-Trash-Hymnen wie „Rhythm Is A Dancer“ oder „I Like To Move It“. Ein deutliches Zeichen setzt auch die großartige neue Single „Woo Hah Marienkäfer“ mit gesampelten Raps von Busta Rhymes, der die Idee übrigens „motherf. . .funky“ fand. Als nächstes soll es ein Dub-Album geben.
JONATHAN FISCHER
SZ 3.12.2011

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