Liebeskrank – Zum 70. Geburtstag des Soulsängers Percy Sledge

Als 1965 das nasale, irgendwo zwischen Country und Kirche angesiedelte Flehen von Percy Sledge aus Radiosendern in ganz Amerika tönte, schien eine Prophezeiung in Erfüllung zu gehen: Der Southern Soul, einst eine rein schwarze Begleitmusik der Bürgerrechtsbewegung, rührte zum ersten mal Weiße und Schwarze gleichermaßen zu Tränen, schwor alle auf den Leidensgesang einer liebeskranken Männerseele ein: „When A Man Loves A Woman“. Einerseits troff dieser Soul-Donut fast unerträglich vor Schmalz. Andererseits beeindruckte er durch seine Kompromisslosigkeit. Motown hatte mit Streichern, Glockenspielen und trällernden Background-Girls den alten Blues aus dem schwarzen Pop gewaschen. Die Emotionen wurden jetzt direkt präsentiert. Die Intensität der Aufnahme schien direkt mit ihrer Schmutzigkeit zusammenzuhängen: verstimmte Hörner, eine leiernde Farfisa-Orgel und Gesangslinien, die nicht immer den Ton trafen, aber doch tief empfunden zu sein. Dem ehemaligen Krankenpfleger Percy Sledge gelang gleich mit seinem ersten Song eine Hymne für die Ewigkeit.

„When A Man Loves A Woman“ wurde ein Hit und verkaufte sich millionenfach. In den achtziger Jahren wurde er für einen Werbespot von Levi’s erfolgreich reanimiert und läuft seither als Schiebernummer-Eins auf jeder Ü-30-Party. Den Herzschmerz erträgt nur, wer Percy Sledge einen Teil seiner Seele überantwortet.

Der stets grinsende, und dabei seine breiten Zahnlücken entblößende Soulmann aus Muscle Shoals, Alabama verdankt seinen Welterfolg jedoch einer Verkettung von Zufällen. Er hatte als Ersatzmann bei einer lokalen Cover-Band namens The Esquires angeheuert, als ihn der Alkohol und die Erinnerung an eine verlorene Liebe davontrugen. „Why did you leave me baby?“, improvisierte Sledge. Vor der Bühne stand Quin Ivy, ein lokalen Produzent. Ihm gefiel die Melodie, er lud den Sänger und ein paar ortsansässige Musiker in sein einfaches Studio und lies sie am Text feilen. „Alle riefen irgendwann: Wir haben einen ,Smash-Hit‘“, erinnerte sich Sledge später, „ich wusste noch gar nicht, was das ist.“

Atlantic Records kaufte den Song. Quin Ivy und Percy Sledge waren allerdings zu blauäugig, um sich die Autoren- und Verlagsrechten teuer abkaufen zu lassen. Immerhin verschaffte die Soulballade Percy Sledge den Durchbruch in den Mainstream. Er tourte fortan vor ausverkauften Häusern durch Europa und Südafrika. Und ließ bis Mitte der siebziger Jahre einige weitere Hits wie „Warm And Tender Soul“ oder „Take Time To Know Her“ folgen. Doch „When A Man Loves A Woman“ – ein Song, der angeblich Autofahrer dazu brachte, ihren Wagen, erschlagen von so viel Emotion, am Straßenrand zu parken – gelang ihm kein zweites Mal. Seinen Ruhm schmälert das nicht: Sledges fast schon weinerlicher Gesangsstil, die Reinheit seiner Stimme, die Nonchalance mit der er seit fast 50 Jahren dieselben Songs über Einsamkeit und Betrug auf die Bühne bringt – sie prädestinieren Percy Sledge zum Symbol einer – im R’n’B längst verlorenen – Soul-Unschuld. Und ja, auch heute, an seinem 70. Geburtstag, wird er wohl auf irgendeiner Casino-Bühne stehen, um dieses Südstaaten-Soul-Gefühl zu beschwören, in dem ein gebrochenes Herz ein Zeichen männlicher Würde ist.
JONATHAN FISCHER
SZ 25.11.2011

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