Ein guter Schuss Rock’n’Roll – Der erste Roman des amerikanischen Countrysängers Steve Earle ist so süffig wie die Langversion eines großartigen Songs aus der Jukebox

Kein guter Country-Song, der nicht den unvermeidlichen Niederlagen des Lebens nachspürte: Hausfrauen, die ihren Gatten betrügen, verschmähte, im Suff sich tröstende Liebhaber, Helden, die von einer Kugel oder einem Fehltritt jäh zur Strecke gebracht werden. Steve Earle, ein in Amerika ziemlich erfolgreicher Singer/Songwriter und vielleicht der letzte glaubwürdige Rocker im Country-Business, bevölkert seine Songs bevorzugt mit solchen Verlierern. Kein Wunder, dass er die Schwachen und Gestrauchelten auch in das Zentrum seines ersten Romans stellt: „I’ll Never Get Out Of This World Alive“. Der nur allzu passende Titel entstammt einem Hit von Hank Williams – dem letztem No.-1-Hit des Country-Stars, bevor er am Neujahrstag 1953 gerade mal 29-jährig unterwegs zu einem Auftritt in West Virginia auf dem Rücksitz seines Cadillacs starb. Die genauen Todesumstände sind bis heute ein Mysterium. Fest steht lediglich: Williams hatte sich von seinem Leibarzt einen Mix aus Vitaminen und Opiaten geben lassen, um seine chronischen Rückenschmerzen zu lindern.

Earles Buch spielt im San Antonio des Jahres 1963 – wohin Hank Williams Geist seinem unfreiwilligen Sterbehelfer gefolgt ist. Das zumindest glaubt Doc Ebersole. Zehn Jahre nach dem Ableben seines berühmtesten Patienten arbeitet er als Arzt ohne Lizenz, der sich im Rotlichtviertel von San Antonio auf Abtreibungen und die Behandlung von Geschlechtskrankheiten spezialisiert hat. Docs Weg nach unten ist mit Schuldgefühlen – und Williams Countrysongs – gepflastert. Einst als Spross einer vornehmen Familie aus New Orleans zu einem Leben in der weißen Südstaaten-Bourgeoisie vorbestimmt, ist er nun in der Gosse des Straßenstrichs von South Presa gelandet. Mexikanische und schwarze Drogendealer, Junkies, Prostituierte und ungewollt Schwangere: Sie sind die Kunden der Praxis, die Doc vom Tisch eines Saloons aus betreibt. Er selbst braucht das Geld vor allem, um seine Heroinsucht zu finanzieren. Ein Ballon mit „Mexican Mud“ pro Tag – weiter reicht Docs Leben kaum noch. Mit dem ererbten Familienbesteck setzt er sich großzügige Spritzen, was ihn seinem treuen Freund näher bringt: dem Geist Hank Williams. Sobald Doc high ist, spricht Hank zu ihm: „Wie immer fängt die Stimme leise an, ist aber nicht sanft, sondern subtil und kratzig wie feinkörniges Sandpapier. ,Na komm schon, Doc. Kannst du mir nicht aushelfen? Mein Rücken bringt mich um!‘ ,Du bist längst tot!‘, bellt Doc. ,Jetzt lass mich zufrieden!‘“

Auch wenn Hanks Kommentare – sie durchziehen das Buch als kursiv gesetzte Stimme – dem gefallenen Mediziner auf die Nerven gehen: Die beiden verstehen sich wie ein altes Ehepaar. Bis die junge Mexikanerin Graciela auftaucht. Nach einer Abtreibung, bei der sie beinahe gestorben wäre, bleibt das illegal eingewanderte Mädchen in Docs Absteige und geht ihm als Assistentin zur Hand. Ihre Schönheit hat etwas Ätherisches – und schlägt den alternden Arzt gerade deswegen in ihren Bann. Graciela erinnert ihn an einen verschütteten Teil seiner Selbst. Seine Unschuld. Die Möglichkeit, Sünder als verirrte Suchende zu sehen. Anfangs widerwillig und auch beschämt, später von ihrem wortkargen Einverständnis beflügelt, lässt Doc sie die Junkie-Logik seines Lebens aufbrechen. Selbst seine Depression scheint nicht mehr unheilbar: „Doc fluchte, und Graciela betete. An manchen Abenden wateten sie buchstäblich im Blut, und die Schreie der Patienten klangen ihnen noch lange nach Beendigung der Operation in den Ohren, aber Doc fluchte weiter und Graciela betete und bisher war ihnen nicht ein einziges Leben durch die Finger geglitten.“ Mehr noch: Das mexikanische Mädchen verfügt über paranormale Fähigkeiten. Sie kann als Einzige Hanks Geist sehen, heilt durch Handauflegen und steigt zur geheimen Heiligen des South Presa Strip auf.

Steve Earle stellt Graciela als Lichtgestalt dem unerlösten Genörgel von Hanks Geist entgegen. Hier der Zyniker, dort die selbstlose Helferin. Hier der Fluch eines ewigen Mangelgefühls – dort die stille Kraft der Tat. Dabei streift der Roman in den Kitsch-Farben des Altars unserer lieben Frau von Guadalupe die Welt des mexikanisch-katholischen Heiligenkults. Er führt den Leser in dunkle Kirchenräume, erfüllt von ekstatischem Gebetsgemurmel und dem Geflacker Hunderter Votivkerzen. Er lässt Sagengestalten durch Gracielas Bewusstsein spuken, erzählt von Patienten, die nach einer Begegnung mit ihr den Straßenstrich wundersam geheilt verlassen. Nachdem Graciela ihr Handgelenk an einem Zaun aufschneidet, als sie der von ihr angebeteten Jaqueline Kennedy einen Tag vor der Ermordung ihres Gatten in Dallas zuwinkt, schließt sich die Wunde nicht mehr. Ein Stigma, das auf den fruchtbaren Boden der Wundergläubigkeit trifft – und einen Gegenspieler auf den Plan ruft: den jungen irischen Priester Paddy Killen. Der ehemalige Boxer will Graciela aus zweifelhaften Motiven zur Heiligen ausrufen lassen, und versucht sie, mit allen Mitteln in seine Gewalt zu bekommen.

Wenn der Autor diesen Bösewicht – und damit die Amtsanmaßung der katholischen Kirche – als zentrales Thema in der zweiten Hälfte seiner Geschichte einführt, hat er auch eine moralische Agenda. Warum zwingt die Kirche arme Mädchen dazu, ihr Leben bei „Engelmachern“ in der Gosse zu riskieren, während Reichentöchter dieselbe Prozedur in einem Krankenhaus verbergen können? Auch die Kirchenhierarchie, die angesichts der großen mexikanisch-stämmigen Gemeinde von Steve Earles Heimatstadt San Antonio ihre spanischsprachigen Priester diskriminiert, kommt schlecht weg: Ihr geht es lediglich um Machterhalt. Umso entschuldbarer, ja menschenfreundlicher erscheinen die Figuren aus der Halbwelt des South Presa Strip. Und Doc Ebersole? Steve Earle stattet die komplexeste Figur seines oft recht holzschnittartigen Ensembles mit inneren Konflikten aus, die Parallelen zur Biographie des Autors aufweisen: Seit seinem ersten Album im Jahre 1986 kämpft der Country-Rocker gegen das Establishment – und die eigene Heroinsucht. Anfang der 1990er Jahre war Earle endgültig „down and out“. Langjährige Gefängnisstrafen im Zusammenhang mit Drogen und illegalen Waffen ließen kaum noch an ein Comeback des oft mit Bruce Springsteen verglichenen Musikers glauben.

Doc verspielt sein Leben auf ähnliche Weise, und der Autor breitet dessen Junkie-Leiden und Entzug mit viel Empathie aus. „Die anderthalb Blocks vom Yellow Rose Guest Home bis zum nächsten Schuss waren für ihn eine Qual. Nur papierdünnes Schuhleder trennte nackte Nervenbahnen vom rissigen Straßenbelag.“ Es sind die dichtesten Passagen einer Geschichte, die Sozialreportage und surrealer Traum sein will. Immer wieder ziehen metaphysische Mächte die Strippen. Und das auch dank Hank Williams’ Musik, die dem eifersüchtigen Charakter, mit dem Earle den Geist des Country-Stars ausstattet, weit entrückt zu sein scheint. Sie aus der Jukebox zu hören, ist seelische Tortur und Trost zugleich. Ein Echo der eigenen Einsamkeit: „Wenn man irgendwo lange genug sitzen blieb, spielte irgend ein Arschloch irgendwann einen Hank-Williams-Song . . . Die jaulende Steelguitar war der Köder, mit dem einsetzenden Rhythmus hatte er sie dann am Haken, und wenn schließlich Hanks Stimme aus dem Lautsprecher kam, war alles zu spät . . . Das herzzerreißende, steinerweichende Klagen, das einem in die Glieder fuhr wie ein nasskalter Tag.“ Mit „I’ll Never Get Out Of This World Alive“ schreibt Steve Earle die Langversion eines großartigen Country-Songs – und kippt die fatalistischen Klischees des Genres mit einem guten Schuss Rock’n’Roll. Am Ende möchte man den Knopf einer Jukebox drücken. Nicht um Hank, sondern Steve singen zu hören.
JONATHAN FISCHER
SZ 9.11.2011

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