Taube auf dem Dach – Ein Gespräch mit dem Rapper Pigeon John über den warmen Westen und den kalten Osten

Sechs Solo-Alben hat Pigeon John schon in den letzten zehn Jahren veröffentlicht. Doch erst sein neuer Longplayer „Dragon Slayer“ – eine eingängige Mischung aus Hip-Hop, Soul und humorvollen Texten – brachte dem Rapper aus Los Angeles auch in Deutschland den Durchbruch. Am Donnerstag, den 3. November, tritt er mit seiner Live-Band im Hansa 39 auf.

Ihr Song „The Bomb“ ist hierzulande vor allem dank eines VW-Werbespots bekannt, in dem die Tanzlegenden Gene Kelly und Donald O’Connor wild auf der Auto-Rückbank herumzappeln.

Ich habe kein Problem mit Werbespots. Meine Musik hat auch schon Clips für Levi’s Jeans und Nestlé Frühstücksflocken untermalt. Wer sagt, dass ich nicht beides kann? Werbekampagnen bedienen und dennoch ein künstlerisch vollkommen unabhängiger Rapper bleiben? Meine ersten Alben musste ich mangels Alternativen selbst verlegen: Das heißt, ich habe sie nicht nur produziert, sondern auch selbst vom Presswerk in die Plattenläden gebracht. Aber so haben selbst Stars wie MC Hammer oder Too Short einmal angefangen..

Und davon konnten Sie überleben?

Ich hatte Glück, dass mein 2001er Debut-Album aus dem Stand mehr als 11 000 Kopien verkauft hat. Und das allein durch Mundpropaganda. Das gab mir das nötige Selbstvertrauen um durchzuhalten.

Sie haben mit zwölf Ihre ersten Raps geschrieben – und gehörten später zu den Stamm-Musikern des Good Life Café.

Das Good Life Café war in den neunziger Jahren der Treffpunkt der alternativen Westcoast-Hip-Hop-Szene. Auch Snoop Dogg, Ice Cube, Pharcyde und die späteren Black Eyed Peas liefen dort bei den Open-Mic-Abenden auf. Das Publikum dort galt als extrem kritisch. Zudem musste sich jeder an die Spielregeln halten: Keine Flüche, keine abfällige oder frauenfeindliche Sprache. Da musste man Kraftausdrücke durch Kreativität ersetzen oder wurde ganz schnell von der Bühne gebuht. Ich war zum Glück immer offen für Musik jenseits von Hip-Hop: Madonna, Phil Collins, aber auch Cab Calloway und Count Basie.

Sie haben diese alten Jazzer gehört?

Jazz war schon immer eine meiner großen Leidenschaften. Für meine erste Platte „Pigeon John Is Clueless“ habe ich mich in den Texten vom Humor der Freestyle Fellowship inspirieren lassen – und was die Musik betrifft vom Swing. Ich samplete vor allem die Bläsersätze und Bassläufe.

Wie kommt es, dass viele Hip-Hop-Experimente aus Los Angeles kommen.

Weil es in LA warm ist, lassen wir es entspannter als in New York angehen: Während Miles Davis an der Ostküste hardcore spielte, machte Chet Baker an der Westküste Barmusik. Ich habe die aggressive Musik mancher New Yorker Rapper erst verstanden, als ich ihre Musik in einem Taxi in Manhattan hörte. Da passte plötzlich alles zusammen.

Für Ihren Chart-Hit „The Bomb“ haben Sie dann aber doch den Beat auf eine Hip-Hop-unübliche Geschwindigkeit hochgeschraubt.

Ich habe mich vom 50er-Jahre-Rhythm’n’ Blues und Rockabilly inspirieren lassen. All die Tänze, die die Leute damals in Bewegung brachten – ich wollte sie updaten, Chuck Berry ins Hip-Hop-Format übersetzen.

Was haben Sie mit dem 85-jährigen Chuck Berry am Hut?

Er ist mein Held; seine Musik wird nie ihre Relevanz verlieren. Der Wu-Tang Clan hat der Hip-Hop-Generation den Soul nahegebracht. Warum nicht das gleiche mit den alten Rock’n’ Rollern tun? Die haben sich nicht so verkünstelt wie die Indierocker von heute – und nicht so ernst genommen wie viele Rapper. Meine Musik zielt auf keine Insider-Crowd. Ich spiele wie Chuck Berry für alle, die gerne trinken, Party machen, Sex haben. Ich liebe es, auf der Bühne zu tanzen. Und mich schert es dabei kein bisschen ob du mich einen Hip-Hoper oder irgendetwas anderes nennst.

Erklären Sie noch, woher Ihr Name stammt?

Jesus fuhr mit seiner Limousine durch meine Nachbarschaft in Inglewood, Kalifornien: Er stieg aus und übergab mir eine tote Taube. Dann flüsterte er mir zu: „Viel Spaß!“ Was blieb mir anderes übrig, als diesen Namen anzunehmen? Also, die Wahrheit ist: Als ich nach einem Rappernamen suchte, fiel mir zuerst Chicken John ein – bis die Mutter eines Freundes mich korrigierte: Nein, du schaust nicht aus wie ein Huhn, du bist Pigeon John!

Interview: Jonathan Fischer
SZ 3.11.2011

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.