Meshell Ndegeocello: »Weather« (NaÏve/Indigo)

Mit ihrem Debüt Plantation Lullabies rebellierte sie gegen die sexuellen und politischen Verlogenheiten der amerikanischen Gesellschaft. Neun Alben später ist der Kampfgeist zwar nicht verflogen, doch zu einer Meditation über Wahrheit und Schmerz herabgedimmt. »Let me die a small death / when you tell me the truth«, singt Meshell Ndegeocello, bekennende Lesbe und Rollenvorbild für Sängerinnen wie Erykah Badu und Jill Scott, im Titel Petite Mort . Ein Bekenntnis mit Sogwirkung: Beziehungs-Sackgassen, mitmenschliche Täuschungen – Ndegeocello lässt selbst solche Düsternisse sexy klingen. Selten einmal blitzt ihr vertrauter Funk-Bass auf. Ansonsten vertraut die afroamerikanische Multiinstrumentalistin auf die Künste des Produzenten Joe Henry, der bereits Alben von Aimee Mann und Ani Di Franco veredelte. Man merkt den sparsamen, von Folkklängen getragenen Orchestrierungen jedenfalls dessen Handschrift an. Ein, zwei Gitarren-Akkorde, schleppendes Schlagzeug, ein verlorenes Piano: Das reicht, um die dunkle Kraft und Zerbrechlichkeit von Balladen wie Leonard Cohens Chelsea Hotel oder dem Titeltrack Weather zur Geltung zu bringen. Ndegeocellos mal soulig-gehauchter, mal rezitierender Gesang wirkt dabei so ungeschützt und anrührend wie ein halbnacktes Kind im Herbstwind.
JONATHAN FISCHER
Die Zeit, 27.10.2011

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