Die Beats sind interessant, nicht die Egos Sapperlot! Der beste deutsche Hip-Hop entsteht im Münchner Glockenbachviertel – ein Besuch bei Sepalot

Ein grauer Hinterhof im Münchner Glockenbachviertel: An der Treppe, die in den Keller hinunter führt, bröckelt der Putz. Sebastian Weiss drückt die Tür zu einem schmalen Gewölbegang auf, in dem sich ein Drumset, Lautsprecherboxen, eine alte Gitarre, Wasserkocher, Zeitschriften und Platten stapeln. Es riecht nach Moder. Ein Nebenraum mit Holzvertäfelungen aus den fünfziger Jahren dient als Gesangskabine. Wenn moderne High-Tech-Studios heute mit einem Rechner, Mikro, Abhöre auskommen, dann stellt dieses Loch so ziemlich das genaue Gegenteil dar. Überall Gerätschaften aus der Steinzeit des Hip-Hop: Neben einem Set 1210er-Plattenspieler, ein Fender Rhodes Piano Stage 73 und ein Korg Synthie Moog. Sebastian Weiss, alias Sepalot, ein drahtiger Typ mit Forscher-Blick kann jedes einem seiner Lieblings-Musiker aus den siebziger Jahren zuordnen: „Das hörst du bei Herbie Hancock, das hier hat Stevie Wonder . . .“. Beinahe zärtlich lässt der Hip-Hop-Produzent – und Mitbegründer der Münchner Hip-Hop-Formation Blumentopf – seine Finger über zwei graue Kästen streichen. SP 1200 Sampler-Dinosaurier: „Fünf Sekunden Mono-Sample-Zeit, und hier steckst du die Floppy Disc ein.“

Auch wenn Sepalots Arbeitsplatz in etwa so gemütlich wirkt wie das Depot eines Technik-Museums, hat er in dem Durcheinander doch sechs von der Kritik hochgelobte Alben mit seiner Band Blumentopf und diverse ambitionierte Seiten-Projekte produziert. Zum Beispiel die EP Fraud, wo er mit Freunden AC/DC -Songs coverte. Oder auch Bavarian Beat Konducta: Ein instrumentales Hip-Hop-Album, das nur aus Samples bayerischer Volksmusik besteht. „Das mache ich zur Gaudi“, sagt der Mann, dessen Künstlername mutmaßlich auf eine Verschleifung von Sir Rap-A-Lot mit der bayerischen Respekts-Bekundung Sapperlott zurückgeht: Warum sonst sollte sich einer der besten Hip-Hop-Produzenten Deutschlands mit solch skurrilen und kommerziell kaum verwertbaren Ideen die Zeit vertreiben? Sein Spieltrieb scheint jedenfalls kaum von Gedanken an Charts, Ruhm und Publikumsinteresse gebrochen zu sein. Entsprechend leichthändig hat er sein neues Solo-Album produziert: „Chasing Clouds“. Ganze vier Monate Keller-Gefrickel reichten, um aus einer Handvoll Ideen ein starkes und stilistisch eigenwilliges Hip-Hop-Opus zu fertigen – mit Songs, die den ganz großen Pop atmen.

„Mich haben am Hip-Hop immer die Beats interessiert“, sagt Weiss, „und nicht die Egos, die sich darüber breitgemacht haben.“ Tatsächlich gehört Weiss, Jahrgang 1974, zu einer neuen Generation von Hip-Hop-Liebhabern. Als er aufwuchs, befand sich der deutsche Rap in der Talsohle des Gangster-Rap, da war für ein Mittelklasse-Kind wie ihn nicht viel zu holen, obwohl er die Musik nach wie vor liebte. So wurde er Teil einer der wichtigsten Entwicklungen des jüngeren Hip-Hop: Der Emanzipation der Produzenten von den Rappern. „Inzwischen bin ich überzeugt davon, dass die Musik funktioniert, ohne dass ein Rapper halbscharige Reime darüberlegt.“

Gegen alles Halbscharige – also Unmotivierte, Laxe – hatte Sepalot sich bereits mit seiner Combo Blumentopf gestemmt. Seit Ende der neunziger Jahre bildeten sie zusammen mit Freundeskreis und den Beginnern die Vorhut einer mal politischen, mal selbstironischen Rap-Alternativkultur, die sich ihre eigene Version von Hip-Hop schnitzen wollte. Die Gangster-Rap-Welle wischte diesen Traum erstmal beiseite. Heute ist Sepalot „der schlechte Ruf des deutschen

Rap egal“ – weil es sich eh besser aus

der Underdog-Perspektive produziert. „Wenn du der Tollste sein willst, kommt was anderes raus, als wenn dich die Umwelt als Nerd belächelt und du es trotzdem durchziehst.“ Sepalot nippt an seinem zweiten Cappuccino. „Uncool-Sein ist der beste Nährboden für interessante Sachen.“ Wobei Sepalot wohl auch eine Abgeklärtheit gegenüber all den Modetrends meint, die ihn als Jugendlichen gefangen nahmen. Damals hatte er über ein paar Mod-Freunde den Soul für sich entdeckt. Dann fing er – mitten in der „Rare Groove“-Welle der frühen Neunziger – mit dem „Diggen“ an. „Ich wälzte Vinylstapel, bis meine Finger schwarz waren.“ Erste Auftritte als DJ von Blumentopf absolvierte Sepalot in Old-School-Manier: Bei Auftritten in Münchner Jugendzentren reihte er wie einst Grandmaster Flash Beatsequenzen aneinander, mixte die Breaks stundenlang von Plattenteller zu Plattenteller. Blumentopf aber wuchs mit der Horizonterweiterung von Sepalot bald aus der Funk-Ecke heraus. Die Band machte sich durch ARD-„Raportagen“ zu den Fußballweltmeisterschaften 2006 und 2010 auch jenseits der Hip-Hop-Kultur einen Namen. Und Weiss begann, mit Synthie-Electro-Klängen zu experimentieren. Oder unterlegte einen Song ausschließlich mit Film-Samples.

Auf seinem ersten Album „Red Handed“ fand Sepalot 2008 endgültig eine eigene, so futuristische wie Club-taugliche Sprache: Soulgesänge, jazzige Beats und pumpende Electro-Bässe. „Chasing Clouds“ aber liegt als Gesamtwerk noch mehr „neben der Spur“, wie der Produzent sagt. Da schimmern seine alten Lieben Soul und P-Funk durch die Ritzen – während verzerrte Bässe den Retro-Sound zum Raver-Raumschiff aufrüsten. Ein rhythmischer Fausthagel eröffnet das Album: Das Instrumental „Servus“ bleibt nicht der einzige Verweis zur verstorbenen Detroiter Produzentenlegende J.Dilla und dessen idiosynkratischer Sample-Arbeit. Auf die Brüche kommt es an. Ob Sepalot singen lässt oder einen alten Sam-Cooke-Schlager ausschlachtet – immer kostet er den Kontrast zwischen weichen Soulklängen und Synthie-Beats aus. Gerapt wird auf dem Album nur zwei mal sechzehn Takte. Weiss spannt lieber gospelnde Gesangslinien wie Brücken über seine kantigen Rhythmen. Das ist für ihn der schwierigste Part: „Roughe Beats schüttle ich dir aus dem Ärmel, aber eine Melodie, die nicht kitschig ist, puh!“

Sucht man nach Vorbildern aus dem aktuellen Hip-Hop, nennt Weiss Kanye Wests „808s & Heartbreak“ – und das nicht nur des melancholischen Ambientes wegen. Sondern auch weil sich hier eine durch und durch künstlerische Haltung jenseits aller Hip-Hop-Realismen spiegelt. „Hey, wir machen verdammt noch mal Kunst, was wollt ihr?“ Sepalot ruft das ein paar imaginären Gästen seiner eklektischen Live-Sets zu, die mal wieder zum „Spiel doch mal endlich Hip-Hop“-Gemecker ans DJ-Pult treten. Ja, Typen wie Kanye West hätten seinen Respekt. Weil es ein Risiko darstelle, über den Tellerrand des Hip-Hop hinauszuzielen, Schneisen durch eine noch nicht kartographierte Pop-Wildnis zu schlagen. Der Münchner Produzent markiert hier seinen ganz eigenen Weg: Gospel, Kraut-Rock, Disco, Electro? Für Sepalot alles nur Baumaterial, um über einem Hip-Hop-Chassis seine trotzige Liebe zum Seelenvoll-Unfertigen, dem Charme des Unpolierten auszuleben.

Die Mitstreiter für „Chasing Clouds“ kommen aus aller Welt: Die US-Rapper Buff 1 und Fashawn hat Sepalot über Myspace angefragt; der Sänger Fabian Füss ist ein Spezl aus der Münchner Bandszene; Frank Nitt wohnte vor vier Jahren monatelang bei ihm, während Weiss selbst auf einer Weltreise die Neuseeländerin Ladi6 bei einem Gig in Sidney kennenlernte – und zwei Wochen später mit dem Wohnmobil vor ihrer Tür stand. Mittlerweile hat der Münchner ihr mehrere Chart-Hits in ihrer Heimat beschert.

Die Gast-Vokalisten, sagt Sepalot, brauche er, um seine eigenen Emotionen zu verkörpern: Das Video zur Single-Auskopplung „Rainbows“ etwa verfilmt den Ennui und das Beziehungsende eines High Society Pärchens – mit Sepalot als dessen Chauffeur auf dem Weg zum Friedhof. „Hip-Hop“, sagt er, „hat doch oft Angst vor großen Gefühlen. Mir gefällt, dass ich hier der Traurigkeit neben der breiten Brust ihren Platz geben kann.“ Emotionaler Schmutz trifft auf Pop-Instinkt: Es ist als ob das Hochglanz-Genre Hip-Hop einen gehörigen Schuss Sepalot’scher Uncoolness bräuchte. Das beste deutsche Hip-Hop-Album 2011 jedenfalls stammt aus einem modrigen Keller im gentrifizierten Glockenbachviertel.
JONATHAN FISCHER
SZ 20.10.2011

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