Paul Simon emanzipierte sich schneller als gedacht von Art Garfunkel – nun wird er 70

Als sich Paul Simon 1970 im Streit von seinem Gesangspartner Art Garfunkel trennte, setzten weder seine Plattenfirma noch das Gros der Kritiker viel Hoffnung in die Solo-Karriere eines Mannes der eben „nur“ als die kreativere Hälfte von Simon & Garfunkel galt. Ein Duo, das in der Liga von Bob Dylan und den Rolling Stones spielte, aber kaum deren Coolness ausstrahlte. Schließlich orientierten sich die alten Schulfreunde Simon und Garfunkel weniger am schwarzen elektrischen Blues als an den Close-Up-Gesängen der Everly Brothers, deklamierten ihre Engelsstimmen nicht so sehr Sex, Drugs und Rock’n Roll als eine tiefe spirituelle Sehnsucht.

„Sounds Of Silence“, „America“ oder „Bridge Over Troubled Water“ waren Heilungs-Zeremonien für die wunde Seele eines von den Morden an den Kennedy-Brüdern, Martin Luther King und dem Vietnam-Krieg erschütterten Amerika. Mit Harmonien, die beseelten, nicht aufrührten, wie der aufkeimende Rock. Erste Solo-Hits wie „Kodachrome“ oder das gospelnde „Love Me Like A Rock“ zeigten jedoch Paul Simons Stärke: Frische, optimistische Melodien mit Texten zu paaren, die auf tiefschürfende Weise soziale und politische Themen aufgriffen.

Erst nach dem 1975er Album „Still Crazy After All These Years“ schien die Magie des All-American-Darling zu verblassen. Auch wenn das Reunion-Konzert mit Art den Central Park füllte: Simon beklagte den Verlust jeder Inspiration, privat setzte ihm seine zweite gescheiterte Ehe zu. Überraschenderweise aber rettete er sich nicht in introspektives Gejammer. Sondern ging hinaus, um die ganze Welt zu umarmen.

Ausgerechnet im Apartheid-geplagten Südafrika fand er Hoffnung und jede Menge inspirierende Sounds. Sie beflügelten sein 1986er Album „Graceland“, ein Magnum Opus der Weltmusik, das mit südafrikanischen und anderen Diaspora-Klängen experimentierte, lange bevor das dank David Byrne oder Damon Albarn hip wurde. Und auch wenn Simon auch auf den Folgealben südafrikanische Chöre, brasilianische Perkussionisten und westafrikanische Gitarristen zum Mitspielen einlud: Er klang doch immer noch – und Gott sei Dank! – wie ein jüdischer Songwriter aus New York City.

Wen störte es da, wenn ihn ein paar Kritiker des „musikalischen Kolonialismus“ verdächtigten? Hatte der Immigrantensohn aus New Jersey doch den Weg dafür bereitet, dass 20 Jahre später großartige junge Bands wie Vampire Weekend sich dem Pop des schwarzen Kontinents zuwendeten. Nun feiert Paul Simon seinen 70. Geburtstag. Und man darf wetten, dass außer Art auch eine Menge Anrufer aus Afrika das Telefon seiner Villa in New Canaan, Connecticut, klingeln lassen.
JONATHAN FISCHER
SZ 13.10.2011

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