Der Gangster-Guide: In Los Angeles führt ein ehemaliges Gang-Mitglied Touristen durch Problemviertel wie South Central

Kein Problem, Alfred Lomas auf dem Hotelparkplatz zu erkennen: ein bulliger, untersetzter Typ mit tätowierten Flammen, Frauenkörpern und einem großen „F“ auf den Armen. Das F, wird er später erzählen, steht für seine ehemalige Gang „Florencia“. „Ich hoffe, mein Auto stört Sie nicht“, begrüßt der Tour-Guide seinen Kunden. Ein fester Händedruck. Und eine einladende Bewegung in Richtung eines rostigen Kleinwagens.

Nach der Lektüre der allmorgendlichen Meldungen der Los Angeles Times über die jüngst in Gang-Auseinandersetzungen verletzten oder getöteten Teenager, fühlt es sich etwas seltsam an, mit einem ehemaligen Gangster durch diese Viertel zu fahren. „Ich habe eine Vereinbarung mit vier Gangs ausgehandelt, dass sie meine Touristengruppen nicht behelligen“, sagt Lomas, sobald der Sicherheitsgurt angelegt ist. Immerhin verzichtet der Betreiber der „LA Gang Tours“ – anders als bei seinen monatlichen Bustouren durch die Ghettos – darauf, eine Einverständniserklärung unterschreiben zu lassen, nach der man sich „freiwillig in potentiell lebensgefährliche Situationen begibt“.

Dann geht es los, und so gefährlich, denkt man bisweilen, schaut Los Angeles South Central doch gar nicht aus: das Rasengrün zwischen den artig aneinandergereihten Häuschen, die nur wenige Meilen entfernten Wolkenkratzer von Downtown und die Silhouette der Hollywood-Hills. Wer South Central aus Hip-Hop-Videos und einschlägigen Filmen wie „Boyz In The Hood“, „Colours“ oder „Menace II Society“ kennt, der könnte Lomas’ Führungen durch die No-Go-Areas seiner Stadt womöglich für eine makabre Alternative zu einem Hollywood-Stars-Ausflug halten.

Doch Lomas weist bei der Fahrt auf Gebäude und Zeichen, die man sonst wohl übersehen hätte: den weißen, mit Fensterschlitzen bewehrten Hochhauskomplex des größten Gefängnisses von LA, das betonierte Flussbett, in dem Graffiti-Künstler ihre überdimensionalen Buchstaben hinterlassen haben, einen Park, in dem die berüchtigte Gang MS 13 ihren Ursprung hat. Die ärgsten Slums meidet Lomas. „Das wäre ausbeuterisch, da reinzufahren“, meint er.

Zwar bieten auch Chicago und Las Vegas Besichtigungen der Schauplätze von Al-Capone-Mafia und Mob an – doch nur Lomas’ Tour führt durch Gebiet, in der noch heute Tag für Tag Kämpfe wüten. Lomas weiß um die Brisanz seines Unternehmens, deswegen verpflichtet er seine Kunden – darunter viele Lehrer, Sozialarbeiter und Kommunalpolitiker – die Kameras stecken zu lassen. Auf der Fahrt referiert der 45-Jährige, der heute als Gang-Sozialarbeiter bei einer Kirche angestellt ist, nüchterne Zahlen: 90 000 Gangmitglieder, 20 000 Insassen im LA County Jail und 15 000 Tote in den vergangenen zehn Jahren. „Ich selbst lag schon auf dem Totenbett, war angeschossen und süchtig nach Aggression, Crack und anderen Drogen. Nein, da ist nichts Glamouröses dran.“

Lomas’ Biographie erinnert an die vieler in South Central aufgewachsener Jugendlicher: mehrere Onkel als Mörder im Knast, die Eltern verarmt und überfordert, der Teenage-Cousin ein Killer. Mit zwölf Jahren besteht Lomas das Aufnahmeritual der Florencia-13-Gang: 13 Sekunden Gruppen-Prügel. Ein Versuch, sich durch eine Verpflichtung bei den Marines dem Gangleben zu entziehen, scheitert. Am Ende nutzt Lomas sein militärisches Training, um im Auftrag der Gangs Drogen-Transfers zu organisieren. Er durchlebt die Paranoia eines Crack- und Methamphetamin-Süchtigen, kommt ins Gefängnis, streift nach seiner Entlassung als Obdachloser durch Downtown, wo ihn Freiwillige der christlichen Hilfsorganisation Dream Centre aufgabeln. Heute, sagt Lomas, gehe es ihm darum, „der Welt die Wahrheit des tristen Ghetto-Alltags zu zeigen“ – zu erklären, warum ein Großteil der schwarzen und Latino-Jugend seiner Stadt ein Leben führe, in dem es darum geht zu töten oder getötet zu werden.

Lomas beschäftigt auf seinen Bustouren ein knappes Dutzend Ex-Häftlinge als Guides, darunter Mitglieder der mit seiner ehemaligen Gang verfeindeten „Bloods“ und „Crips“. Mit den Einnahmen aus den Touren werden die Stellen zum Teil finanziert. Während Lomas’ Kleinwagen durch die grauen Industriebrachen von South Central rollt, an der Slauson Avenue leerstehende Lagerhallen und aufgegebene Eisenbahngleise passiert, erinnert sich der Ex-Gangster an seine Kindheit: „Diese Straße hier war die Grenze zu den weißen Vierteln. Niemand überquerte sie. Und wer es doch wagte, wurde garantiert von der Polizei verprügelt.“ Ebenso gefährlich wie die Rassenschranken sei das Labyrinth unsichtbarer Gebietsgrenzen zwischen den Gangterritorien. Lomas deutet auf eine Gruppe Teenager, die am Metallzaun einer der barackenähnlichen Sozialsiedlungen lehnen: „Sehen Sie die roten Käppis? Hier residiert die Bloods-Gang – und du kommst besser nicht mit einem blauen Tuch, wie die Crips es tragen, um die Ecke.“ Oder mit einer Kamera. Fotografieren ist während der Tour nur an ausgewählten Orten möglich. Und Gangmitglieder sind auf jeden Fall tabu.

Abseits seines Jobs als Tour-Guide fungiert Lomas als Vermittler. Er hat einen Waffenstillstand zwischen seiner ehemaligen Florencia-Gang und der 18th Street Gang auf den Weg gebracht, arbeitet an der Einrichtung eines Boxclubs im ansonsten verwahrlosten South Central, fährt im Auftrag seiner Kirche mit einem Truck voller gespendeter Lebensmittel durch die Sozialsiedlungen. Ohne diesen Hintergrund wären die Gangland-Touren kaum möglich: „Ich gehöre zu den wenigen“, sagt Lomas, „die sich ungehindert sowohl in Latino- als auch in afroamerikanischen Gang-Territorien bewegen können. Die Jugendlichen respektieren mich – weil fast jeder von ihnen eine Mutter, Tante oder Oma hat, die von mir mit Lebensmitteln versorgt wird.“

Mitten in Watts biegt Lomas in eine Sozialsiedlung ein: Die einstöckigen, durchnummerierten Baracken mit den vergitterten Fenstern und den Überwachungskameras an den Wänden erinnern an eine Justizvollzugseinrichtung. „Wir leben die ganze Zeit wie im Gefängnis“, sagt Scorpio, der hier auf einem Parkplatz auf uns wartet. Der 42-jährige Gangveteran hat mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht. Er hat gedealt, geraubt und von seiner Waffe Gebrauch gemacht. Aus Mangel an Alternativen, wie er sagt. Die nächste Mall, das nächste Restaurant, der nächste Arbeitsplatz sind weit entfernt, die lokalen Schulen eine Katastrophe. Heute arbeitet Scorpio als Lehrer in einer privaten Schulinitiative, die Aussteigern und Problem-Jugendlichen zu einem Abschluss verhelfen soll. „Die Eltern hier“, erzählt er, während ein Polizeihubschrauber im Tiefflug kreist, „haben kein Geld für Privatschulen. Und wer seine Kinder auf eine High School in ein anderes Viertel schickt, riskiert, dass sie von feindlichen Gangs angegriffen werden.“ Politische Rezepte liefert auch Tour-Guide Lomas nicht. Und doch liegt am Ende eine unausgesprochene Frage in der Luft: Warum nur zahlen die amerikanischen Steuerzahler jährlich mehrere Milliarden Dollar dafür, dass Polizei und Justiz gegen die Banden vorgehen, während Ghetto-Lehrer wie Scorpio oder Sozialarbeiter wie Lomas auf Spenden angewiesen sind?

En passant deutet Lomas auf Straßenschilder: Grape Street, Slauson Avenue, Compton. Straßenzüge, die von Gangster-Rappern gerne als Ausweis der eigenen Authentizität zitiert werden und heldenhafte Kulissen-Vorlagen für Computerspiele wie „Grand Theft Auto“ abgeben. Vor Ort dagegen verliert sich die Ghetto-Romantik schnell: Ab und zu kurbelt Lomas sein Fenster herunter, ruft ein paar Bekannten auf der Veranda ein „What’s up?“ zu. Erkundigt sich nach Neuigkeiten. Und bekommt ein paar Nachrufe in Steckbriefform. An einer Ampel nähern sich zwei junge schwarze Mädchen dem Beifahrerfenster. Jede trägt einen großen Korb mit dem Foto eines jungen Mannes dran. „Wie heißt er?“, fragt Lomas. „Wann ist er gestorben?“ Dann wirft er ein paar Dollarscheine in den Sammelbehälter – „für seine Beerdigung“.
JONATHAN FISCHER
SZ 13.10.2011

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