Ein gutes Leben zu führen, ist die beste Rache: Jeff Tweedy, Sänger und Songwriter der Band „Wilco“, über Kritiker, ein anderes Denken und „Scheiß-Songs“

Jeff Tweedy, der aus Chicago stammende 44-jährige Frontmann von Wilco , gilt als einer der einflussreichsten Sänger und Songwriter des amerikanischen Indierock. Ursprünglich von Punk und Country-Musik beeinflusst, schlug er später mit seiner Band experimentellere Wege ein. Wilcos neuntes Album „The Whole Love“ ist soeben auf dem bandeigenen Label dBpm Records erschienen.

SZ: Sie haben mit „Wilco“ Ihre Country-Fundamente immer wieder mit fremdartigen, experimentellen Sounds aufgebrochen. Darf man das auch als Statement gegen den fundamentalistischen, xenophoben, heimattümelnden Teil dieser Szene lesen?

Jeff Tweedy: Nein, Wilco funktioniert nicht auf diese Weise, das ist nicht unser Spielfeld. Natürlich gibt es schreckliche politische Strömungen in Amerika. Aber was kommen Sie mir hier eigentlich mit solchen Themen? Ich bin bestimmt nicht fremdenfeindlich. Und um ehrlich zu sein, halte ich das für eine merkwürdige Art, ein Interview zu eröffnen.

SZ: Dass Sie nicht fremdenfeindlich sind liegt auf der Hand. Ich dachte eher an die Einwanderungsgesetze in Arizona.

Tweedy: Als Deutscher sollten Sie sich, was Nationalismus betrifft, nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Sie sitzen da doch selbst im Glashaus.

SZ: Sie glauben nicht daran, dass sich mit Rockmusik eine politische Botschaft transportieren lässt?

Tweedy: Bekämpfen Sie in Deutschland etwa die Rechten mit intelligenter Popmusik? Ich glaube, dass jede Kunst politisch ist, indem sie sich auf die Seite der Schöpfung schlägt – als Gegensatz zu den Kräften der Zerstörung. Mehr werde ich dazu nicht sagen. Ich betreibe ja schließlich keine offene Politik; Kunst ist viel besser darin, die Menschen sich entfalten zu lassen, als ihnen irgendeine Form von Ideologie einzutrichtern.

SZ: Immerhin haben Sie auch zusammen mit Billy Bragg ein Album mit Songs von Woody Guthrie aufgenommen. Er hat doch mit seiner politischen Meinung nie hinter dem Berg gehalten.

Tweedy: Gut, seine politischen Songs waren vielleicht die populärsten. Aber das war nur die eine Seite: Guthrie hat auch viele großartige Liebeslieder geschrieben. Ich habe lange Zeit in den Archiven gewühlt und seine handschriftlichen Aufzeichnungen studiert. Und ich glaube, dass es Guthrie später im Leben wichtiger fand, unsere gemeinsame Menschlichkeit zu ehren und zu feiern.

SZ: Sie verstehen sich weniger als Aktivisten denn als humanistischen Poeten.

Tweedy: Lassen Sie mich es so ausdrücken: Ein gutes Leben zu führen, ist die beste Rache.

SZ: Sie singen auf „One Sunday Morning“ die Zeile „I said it’s your god, I don’t believe in/ No, your bible can’t be true“. Eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Fundamentalismus, der die amerikanische Gesellschaft durchdringt?

Tweedy: Das ist eine Zeile, die ich aus der Sicht des Sohnes an einen strenggläubigen Vater richte. Das hat nichts mit einer Verdammung des Christentums als Ganzes zu tun.

SZ: Spiegelt sich diese Doppeldeutigkeit nicht auch in der Musik Ihres neuen Albums? Etwa wenn Sie mit der Krautrock-artigen Jam „The Art Of Almost“ eröffnen – um dann eingängige Country- und Folk-Melodien nachzuschieben.

Tweedy: Die Kritiker lesen in die Brüche bei Wilco immer so etwas abgehoben Künstlerisches rein. Ich kenne nicht sehr viele Menschen, die nur eine Sache oder nur einen Stil mögen. In der Rockmusik herrschte lange die Idee vor, dass du dein Territorium markieren musst: Wenn du eine Band magst, solltest du nicht auch die entgegengesetzte Musik mögen. Aber warum soll ich nicht Neil Young mögen, auch wenn ich die Sex Pistols höre?

SZ: Verehren Sie eigentlich die Traurigkeit oder was bedeuten melancholische Zeilen wie „sadness is my luxury“ auf dem neuen Album?

Tweedy: Ich denke, dass viele Menschen die Traurigkeit entwerten, sie zu einem minderwertigen Gefühl herabwürdigen. Manchmal wünsche ich mir, ihr ihren ehrenvollen Platz zurückzugeben.

SZ: Sie haben Obama einst im Wahlkampf unterstützt. Sind Sie enttäuscht darüber, wie sich seine Präsidentschaft entwickelt hat?

Tweedy: Nein, bin ich nicht! Und Sie?

SZ: Ich stelle nur fest, dass viele der einstigen Unterstützer aus der Rockszene sich wieder aus der Politarena verabschiedet haben. Stellt Indie-Rock so etwas wie einen Rückzugsraum für weiße liberale Bildungsbürger-Kids dar?

Tweedy: Wurde Rockmusik nicht schon immer in erster Linie für weiße gebildete Mittelstandskinder produziert? Und wenn Sie es problematisch finden, dass Musik eine zeitweilige Erlösung von den Kompliziertheiten des politischen Alltags bietet: Was ist denn falsch daran, in der Musik Trost zu suchen? Mir selbst haben Platten oft Trost gespendet.

SZ: Reden Sie von der nostalgischen Geborgenheit, die Country sich auf die Fahnen schreibt?

Tweedy: Nein, ich rede von so etwas wie einem poetischen Trost. Man verändert als Künstler die Welt nicht durch Aufrufe zu Protestmärschen, oder indem man irgendwelche marxistischen Thesen predigt, sondern indem man seine Umgebung auf eine neue poetische Weise wahrnimmt. Wenn Musik – ob Country oder Indie-Rock – Türen aufstößt, einem Kid klarmacht, dass es andere Möglichkeiten des Denkens und Wahrnehmens gibt, dann ist sie extrem mächtig.

SZ: Curtis Mayfield hat einmal gesagt, dass er ein paar Botschaften in seine Tanzmusik einbaut, damit die Leute sie singen, wenn sie von der Party nach Hause gehen.

Tweedy: Ja, bloß dass Curtis Mayfield Party-taugliche Musik gemacht hat und ich nicht. Gut ich könnte natürlich singen, dass eine Steuererhöhung für die Reichen Amerikas Probleme lösen würde. Aber mal ganz ehrlich: Das wäre doch künstlerisch gesehen ein Scheiß-Song.

SZ: Würde Sie selbst ein Projekt mit einem nichtwestlichen Musiker reizen?

Tweedy: Mit Seun Kuti, diesem Bandleader aus Nigeria, würde ich gerne mal zusammenspielen. Aber nicht, dass Sie dann wieder mit Ihren Verdächtigungen kommen: Musikalischer Neo-Kolonialismus, ein Weißer eignet sich exotische Kultur an . . . Man kann es den Journalisten doch einfach nicht recht machen.
Interview: Jonathan Fischer
SZ 6.10.2011

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