Wieder ganz der Alte – Lil Waynes neues Album „Tha Carter IV“

Lil‘ Waynes Sprunghaftigkeit, die wiederkehrenden Beschimpfungen nicht nur von Konkurrenten sondern auch der eigenen Crew, die von Sirup-Geschlürfe begleitete Realitäts-Verleugnung auf und hinter der Bühne… Das alles wirkt wie wie eine PR-Katastrophe. Und dennoch macht der Mann irgendetwas richtig. Hat sein Wahnsinn Methode – wie sonst könnte Lil Wayne sich so lange (neben Eminem) als bestverkaufender Rapper der Gegenwart halten?
Auch sein neues Album „Tha Carter IV“ wird wohl ohne Mühe die Charts stürmen. Was nicht unbedingt mit innovativer, großartiger Musik oder sonderlich originellen Raps zu tun hat: Sondern vor allem mit Lil Waynes Persona. Zählt doch im Ratten-Zirkus namens HipHop immer noch das Prädikat der „Realness“ über alles: Es geht um eine gewisse Straßenlegende. Den Beweis, dass man auch so lebt, wie man sich in seinen Raps verkauft. Lil Wayne, der sich als Youngster in der Halbwelt von New Orleans einen Namen machte und zuletzt eine Gefängnisstrafe auf Riker’s Island absaß, pflegt seine Freak-Persönlichkeit mit Ganzkörper-Tattoos, Proklamationen seines Marsmenschentums und schrägen Sexgeschichten. Ein kaputter, und etwas surrealer Gangster-Rapper – ja, das bleibt er auch auf „The Carter IV“. Im Gegensatz zum experimentellen Funkrock-Vorgänger Rebirth setzt er wieder ganz auf konventionelle HipHop-Formeln: 80er Jahre Synthie-Beats, hier und da dramatische Streicher-Akzente, und recht poppige Duette mit T-Pain oder Drake. Im Grunde könnte es sich um den Ausschuss von den Aufnahmen der Vorgängeralben „Tha Carter I-III“ handeln: Pussy, money, weed. Das hat man leider alles schon zu oft gehört. Lil Wayne mag immer noch ein kreativer Sprachjongleur sein. Zu sagen hat er nichts. Am ehrlichsten wirkt noch eine Zeile aus „Abortion“: „Thank you Jesus/ help me focus on the future and not the previous“. Kein Wunder, dass die stärksten Tracks des Albums ein Zwischenspiel und das Outro sind, in denen er unter anderem Kollegen wie Tech N9ne, Nas und Busta Rhymes das Mikro überlässt.
JONATHAN FISCHER
NZZ 16.9.2011

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